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Israel trauert. Und mit ihm alle anständigen Menschen auf der Welt.

Holocaust

Die Shoah virtuell erinnern

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An Israels Holocaust-Gedenktag treffen sich Überlebende und Zuhörer aus aller Welt online. Das Grauen der Nazi-Diktatur bleibt aber auch auf Distanz erschütternd.

Für mich“, sagt Leah Hasson, „ist Corona ein Picknick“ – im Vergleich zu dem, was sie als Kind durchgemacht hat, allemal. Die 84-jährige Israeli ist eine Holocaust-Überlebende. Schon oft war sie zu Gast in fremden Wohnzimmern, um ihre Geschichte zu erzählen. „Zikaron BaSalon“ – Erinnern im Salon – nennt sich die Initiative, die solche Begegnungen organisiert. 2019 machten dabei 54 Länder mit. Im Jahr der Pandemie verbieten sich derartige Zusammenkünfte, auch Israels nationaler Gedenktag an die Shoah erlaubt da keine Ausnahme.

Aber ganz absagen? Das kam nicht infrage. Also ist Zikaron BaSalon am Dienstag ins virtuelle Wohnzimmer ausgewichen, um dort per Videokonferenz mehrere hundert Zeitzeugen mit einer Million gemeldeter Zuschauer zusammenzubringen. Vor Kameras zu sprechen ist Leah Hasson gewöhnt. Aber in der Audioschalte mit Journalisten, die vorab von dem Projekt und vor allem von ihrem Schicksal hören wollen, fällt ihr das noch schwerer als sonst. „Meine Geschichte ist kompliziert, eigentlich dauert das ein, zwei Stunden.“ Und so beginnt sie mittendrin: mit der Flucht aus dem Ghetto in ein versumpftes Waldgebiet, wo sie und ihre Mutter in einer Hütte unterkrochen. „Wasser holten wir uns von einer Kuhtränke.“ Manchmal schickte die Mutter sie auch zu Bauernhöfen. „Mal bekam ich ein Stück Brot, mal hetzten sie den Hund auf mich.“

Angriff zu Chanukka

Aus psychischen Gründen soll ein mutmaßlich antisemitischer Attentäter nicht verhandlungsfähig sein, wie ein Gericht im Bundesstaat New York am Montag (Ortszeit) feststellte. Er soll nun erst mal bis zu vier Monate in einer Klinik behandelt werden.

Vor fast vier Monaten soll der 39-jährige Angeklagte mit einer Machete eine Chanukka-Feier in einem Privathaus in Monsey nördlich von New York angegriffen haben. Dabei wurden fünf Menschen verletzt, darunter ein Rabbi, der Ende März an seinen Verletzungen starb. Der Verdächtige konnte festgesetzt werden. Aufzeichnungen aus seiner Hand deuten auf ein antisemitisches Motiv hin. Der Mann hat auf nicht schuldig plädiert. (afp)

Ihren Geburtsort in Galizien, im Westen der heutigen Ukraine, hatten die Deutschen bereits im Juni 1941 niedergemacht. Leah war damals gerade fünf Jahre alt. Viele Männer wurden erschossen, andere ins Arbeitslager gebracht so auch ihr Vater, der später im KZ Sobibor umkam. Als die Nazis auch das Ghetto auflösen wollten, in das die übrigen jüdischen Bewohner getrieben worden waren, floh die Mutter mit dem Kind auf dem Rücken in die Berge. Irgendwann konnte sie nicht mehr, verzweifelt warf sie die Tochter in den Schnee. „Ich schrie, bis sie umkehrte, mich zu holen“, erzählt Leah Hasson.

Ganz brüchig klingt ihre Stimme plötzlich. „Aber am schlimmsten waren die letzten Kriegsmonate in der Höhle“, fährt sie fort. Jemand hatte sie aufgespürt, um sie der Gestapo auszuliefern. „Ich küsste die Stiefel des Offiziers: ‚Lasst mich leben.‘ Er gab ein Zeichen. ‚Haut ab.‘“ Danach wagten sich Mutter und Tochter nicht mehr aus dem Versteck. „Wir sehnten uns nach nichts anderem mehr als Himmel und Wasser“, sagt sie. Wenn sie heute Flüchtlinge sieht oder hungrige Kinder in Afrika, erkenne sie sich in ihnen wieder.

Leah Hassons richtiges Leben begann erst mit der Einwanderung nach Israel, kurz nach der Staatsgründung 1948. Verwandte väterlicherseits – „allesamt Zionisten“ – holten sie in einen Kibbuz. Sie lernte schnell, stieg später zur leitenden Bankangestellten auf, heiratete, bekam Kinder.

Und so wird im Moment des erschütterten Schweigens nach dieser Geschichte klar, warum Leah Hasson die Pandemie mit einem Picknick vergleichen kann. Sie habe ja alles, sagt sie nun, eine schöne Wohnung, Telefon, Musik. „Ich vermisse nur meine Konzertbesuche.“ Andere Überlebende kommen mit der sozialen Isolation, die ihnen das Virus aufgezwungen hat, weit schlechter zurecht. Die Einladung ins virtuelle Wohnzimmer hat nicht wenige davor bewahrt, am Shoah-Gedenktag alleine zu Hause in dunkle Gedanken zu versinken. Denn darum geht es, erklärt Dana Sender-Mulla, Mitgründerin von Zikaron BaSalon: „Die Erinnerungen der Überlebenden zu teilen, ihre Lieder und Gedichte, um gemeinsam zu spüren, wie präsent sie sind.“ In diesem Jahr zwar nur online, aber zumindest live.

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