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Shoah-Überlebender kämpft für mehr als eine „Trinkgeldrente“

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Albert de Leeuw beim Besuch des Holocaust Namenmonuments in Amsterdam. Unter den Menschen, derer dort gedacht wird, sind mehr als 100 seiner Verwandten. Oscar Fuchs
Albert de Leeuw beim Besuch des Holocaust Namenmonuments in Amsterdam. Unter den Menschen, derer dort gedacht wird, sind mehr als 100 seiner Verwandten. © Oscar Fuchs

Albert de Leeuw muss als Kind im Amsterdamer Ghetto arbeiten, er verliert im Holocaust fast seine gesamte Familie. Heute, mit 86, streitet er noch immer für eine würdige Ghettorente. Ein Porträt von Oscar Fuchs

Bescheide, Gesetzestexte und Korrespondenzen mit deutschen Behörden bedecken den Esstisch in Rijnsburg, etwa 40 Fahrtminuten von Amsterdam entfernt. Ein grüner Aktenordner, beschriftet mit den Lettern NS, gibt einen Hinweis auf den Kampf, den Albert de Leeuw seit vielen Jahren führt. Der 86-jährige Amsterdamer blättert durch Unterlagen und Dokumente, sucht nach Zusammenhängen zwischen Gesetzen, Paragrafen und Absätzen, die belegen könnten, dass seine Ghettorente zu Unrecht so niedrig ist.

Ab 2013 bekommt er erst 11,96, mittlerweile 34,47 Euro im Monat. Für de Leeuw ist das ein Schock. Weil er sich das nicht gefallen lassen will, schreibt er über Jahre hinweg Briefe nach Deutschland – an Politiker:innen und an die Deutsche Rentenversicherung (DRV). „Es geht mir nicht um das Geld. Es geht mir um die Ungerechtigkeit. Das macht mich immer noch wütend“, sagt de Leeuw in flüssigem Deutsch mit niederländischem Einschlag.

Die Ghettorente bekommt er, weil er als fünf- und sechsjähriger Junge während der deutschen Besatzung in der Jodenbuurt arbeitete, dem damaligen jüdischen Viertel Amsterdams. Getrennt von seinen Eltern kommt er in nahezu zwei Dutzend Verstecken unter. Von 165 Verwandten im Jahr 1940 gehört er 1945 zu sieben Überlebenden.

„Nicht wieder und wieder in die furchtbarste Zeit unseres Lebens gezogen zu werden“ – diesen Wunsch äußert er 2017 in einem Schreiben an das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium, auch im Namen anderer Überlebender, für die er sich einsetzt. Bis ins hohe Alter um eine bessere Rente und um Entschädigung kämpfen zu müssen, sieht de Leeuw als eine Belastung, durch die er Traumata erneut durchlebt. Er berichtet von Depressionen, Albträumen und schlaflosen Nächten. Wer Albert de Leeuw begleitet, erlebt dennoch einen offenen Menschen, der sich die Freude am Leben nicht nehmen lässt.

Reden von Merkel oder Steinmeier empfindet er als Albtraum

Um seinen Hals trägt er eine Goldkette mit einem Anhänger aus hebräischen Schriftzeichen. In einem Videotelefonat vor unserem Treffen hatte er erklärt, wofür die Buchstaben stehen. „Das heißt Chaim und bedeutet auf Hebräisch Leben.“ Tränen steigen ihm in die Augen. „L’Chaim – auf das Leben“, sagt er und hält sein Wasserglas in die Kamera. Den Videocall hatte de Leeuw zum Kennenlernen vorgeschlagen, bevor es um seine Vergangenheit und die Ghettorente gehen soll.

„Das Hauptthema ist die Unwilligkeit der DRV“, eröffnet Albert de Leeuw das Gespräch zur Ghettorente, während er durch Dokumente blättert. „Von Anfang an wurden die Anträge für eine Rente abgelehnt“, sagt er bestimmt und verweist damit auf die Ablehnungsrate von zunächst über 90 Prozent (siehe Infobox). Wiederholt bezieht er sich auf den Anspruch der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), allen Holocaust-Überlebenden eine würdige, angemessene Rente zu ermöglichen. Dass de Leeuws Rente so niedrig und in seinen Augen gerade nicht würdig ist, liegt an seinem jungen Alter zur Zeit im Ghetto.

De Leeuw als Fünfjähriger. privat
De Leeuw als Fünfjähriger. © privat

Die Ghettorente spricht Holocaust-Überlebenden sogenannte Ersatzzeiten zu, um wegen der Verfolgung verlorene Beiträge zur Rentenversicherung zu kompensieren. Vom dafür nötigen Mindestalter von 14 Jahren war de Leeuw damals jedoch weit entfernt. Das kann schnell einen Unterschied von mehreren Hundert Euro im Monat ausmachen. Laut Erklärung der Bundesregierung von 2016 hätten unter 14-Jährige außerhalb der „besonderen Umstände“ – also der systematischen Verfolgung und Ghettoisierung von Juden – wohl nicht gearbeitet. Ohne NS-Verfolgung gäbe es also keine Rentenzeiten, so die Logik.

Dass Albert de Leeuw die Shoah überlebte, grenzt angesichts seiner Verfolgungsgeschichte an ein Wunder. Mit fünf Jahren wird er von seinen Eltern getrennt. Ungefähr Mitte 1942 gibt seine Mutter Branca ihn zum Großvater Alexander, in dessen Friseurgeschäft er dabei hilft, die Haare wegzufegen. Seine Mutter geht ohne ihn ins Versteck. „Da fing das Elend an“, sagt de Leeuw. Sein Vater sei Anfang 1941 bereits in ein Arbeitslager bei Westerbork deportiert worden.

Westerbork dient den Nazis als Zwischenstopp

Nach einigen Monaten kommt der Junge – vermittelt durch den Judenrat – im jüdischen Krankenhaus unter. „Die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen wurden nacheinander verhaftet und weggeführt“, erklärt er den Hintergrund, weshalb Kinder im Krankenhaus arbeiteten. „Da habe ich endlos Kartoffeln geschält“, sagt de Leeuw. Dafür bekommt er Kost und Logis. Sein Großvater habe zuvor von einem Kontakt im Judenrat erfahren, dass er selbst und der junge Albert auf einer Deportationsliste standen.

Im November 1942 wird der Großvater zunächst in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Genannt wird es so, weil es den Nazis ab Mitte 1942 als Zwischenstopp dient, um mehr als 100 000 Jüdinnen und Juden, rund 250 Sinti und Roma sowie einige Dutzend Mitglieder des Widerstands aus den Niederlanden in Vernichtungslager zu verschleppen – hauptsächlich Auschwitz-Birkenau und Sobibor.

Die Ghettorente

Der Bundestag hat das Ghettorentengesetz (ZRBG) im Jahr 2002 einstimmig verabschiedet. Es sollte Holocaust-Überlebenden, die zwangsweise in einem Ghetto waren und dort „aus eigenem Willensentschluss“ arbeiteten, eine Rente ermöglichen. Damit unterscheidet die Ghettorente sich von Entschädigungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG). Schnell machte die restriktive Praxis von Rentenversicherern und Justiz Schlagzeilen: Die Ablehnungsrate lag bei über 90 Prozent.

Verwaltung und Justiz wurden unter anderem für ein „ahistorisches Verständnis“ von Ghettos kritisiert – sie forderten teils nicht zu erbringende Dokumente von Überlebenden und entschieden auf Aktenbasis über Anträge, ohne Betroffene anzuhören. Erst 2009 brachte eine Reihe von Urteilen des Bundessozialgerichts Besserung. Tausende Überlebende, die einen Antrag gestellt hatten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben.

Heute liegt die durchschnittliche Ghettorente laut Deutscher Rentenversicherung (DRV) bei rund 190 Euro im Monat. Rund 60 Prozent der Anträge wurden demnach insgesamt bewilligt. Die meisten der rund 27 000 Ghettorenten beziehen Menschen in Israel (17 255). In den Niederlanden sind es 243, in Deutschland 283 (Stand: 31. Dezember 2021). of

Um sich der Daten zu vergewissern, schaut Albert de Leeuw zwischendurch auf ein Zertifikat des niederländischen Roten Kreuzes. Ein Historiker hat seine Verfolgung und die seiner Familie während der NS-Besatzung durch Archivrecherchen rekonstruiert. Spätestens im Oktober 1942 beginnt für de Leeuw demnach eine fast dreijährige Versteckperiode. „Ob das nun 23 oder 21 Adressen waren, kann ich mit keiner Sicherheit sagen“, sagt er.

Aus einem Versteck außerhalb Amsterdams wird er etwa Mitte 1943 von der Gestapo abgeholt, zusammengeschlagen und in einen Zug nach Westerbork gesetzt. Nur weil eine Widerstandsgruppe ihn in einer waghalsigen Aktion aus dem Zug befreit, gelangt de Leeuw in sein nächstes Versteck: einen Bauernhof, auf dem er sich „kaputtgearbeitet“ habe. „Zwölf Stunden am Tag, ohne Fressen“, sagt er. „Für die sogenannten guten Leute, die uns ins Haus nahmen, waren wir nur Handelsware“, schreibt er einer Behörde. Als Belohnung dafür, Juden zu verstecken, gab es von Widerstandsgruppen Essensmarken. Er habe im Winter in zu dünnen Klamotten arbeiten müssen, ungenügend ernährt, mitunter von Blumenzwiebeln. Er berichtet von Schlägen und auch davon, noch schlimmere Misshandlungen erfahren zu haben. Immer wieder stockend offenbart de Leeuw, mehrmals vergewaltigt worden zu sein – unter anderem von einem niederländischen Pfarrer.

Es wirkt, als habe die Konfrontation mit der Vergangenheit ihn überwältigt

Im Laufe der Gespräche scheint Albert de Leeuw ein Limit erreicht zu haben und bricht in Tränen aus. Es wirkt, als habe die Konfrontation mit der Vergangenheit ihn überwältigt. „Und jetzt muss ich mit 86 Jahren mit einer Trinkgeldrente noch kämpfen für eine anständige Rente“, kritisiert er. „Ich kämpfe nicht mehr, ich bin klar mit der Sache, ich will nicht mehr“, sagt de Leeuw schließlich resigniert. Er steht erschöpft auf und bittet um fünf Minuten Pause. In der Emotion verstärken sich seine Parkinson-Symptome. Seine Hand und sein linkes Bein zittern. Er möchte weiterlaufen, doch der Körper streikt kurzzeitig und er bleibt auf der Stelle.

Bis de Leeuw über die Shoah sprechen konnte, hat es lange gedauert. „Als ich Albert kennenlernte, konnte er nicht über den Krieg reden“, sagt Gladys de Leeuw auf Englisch über ihren Mann, der sich zum Ausruhen zurückgezogen hat. Das war Ende der 1970er Jahre. Mit der Zeit sei er schließlich offener geworden. „Ich habe ihn dazu gedrängt, darüber zu reden“, berichtet sie. In den 1990er- und 2000er Jahren arbeitet Albert de Leeuw ehrenamtlich für den niederländischen Verband Interessenvertretung der NS-Opfer (VBV). Als Co-Vorsitzender interviewt er Überlebende, durchsucht Archive, schreibt Gutachten und hilft ihnen, Anträge auf Entschädigung zu stellen. Dabei wird er mit brutalen Realitäten konfrontiert – mit Berichten aus Deportationszügen, den Lagern und mit schweren psychischen Schäden bei Überlebenden. „Dadurch, dass er anderen half, ihr Leben, ihre Vergangenheit im Krieg und die Nachkriegszeit zu untersuchen, konnte er auch seine eigene Vergangenheit besser verarbeiten“, sagt Gladys de Leeuw.

„Man verweigert die Rente aus reinem bürokratischen Bullshit“, sagt de Leeuw

„Eine ganze Familie wird ermordet, und man verweigert die Rente aus reinem bürokratischem Bullshit“, sagt Albert de Leeuw frustriert. Für ihn sei es angesichts seiner niedrigen Ghettorente ein Albtraum, Reden von Ex-Kanzlerin Merkel oder Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu hören, in denen die „moralische Verantwortung und immerwährende Verpflichtung“ Deutschlands gegenüber NS-Opfern beschworen werde, schreibt er 2021 an die DRV. Gegenüber der damaligen Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) äußert er sich empört über Ankündigungen, allen Ghetto-Arbeiter:innen eine „angemessene Rente“ zu ermöglichen. Was darunter zu verstehen ist, scheinen Bürokratie, Gesetz und Betroffene unterschiedlich zu interpretieren.

In der Frustration Albert de Leeuws äußert sich der Wunsch nach einer angemessenen Entschädigung. Jahrzehntelang waren 1400 Euro die einzige Kompensation, die er aus Deutschland bekam – 1964 aus dem Globalabkommen mit den Niederlanden. Es folgten einmalig 2500 Euro aus dem Child Survivor Fund der Jewish Claims Conference sowie seit 2010 eine Beihilfe von zunächst etwa 300, mittlerweile 600 Euro im Monat. Während hierbei das erfahrene Leid berücksichtigt wird, sei das bei der Ghettorente in Form von fixen Beträgen nicht möglich, antwortet ihm das Bundesarbeitsministerium 2018. „Offiziell ist das Gesetz keine Entschädigung, wird aber so wahrgenommen“, sagt Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust-Studien am Touro College in Berlin.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen bürokratischen Regeln und dem, was als gerecht empfunden wird, zieht sich durch die Gespräche in Rijnsburg. „Was sie meinen mit angemessen ist, dass man für die Zeit bezahlt wird, die man gearbeitet hat“, sagt Gladys de Leeuw. „Nein, das ist nicht meine Meinung“, entgegnet Albert de Leeuw. Für eine angemessene, würdige Rente fehlten ihm die Ersatzzeiten, die ältere Überlebende bekommen, sagt er. Mit 200 oder 250 Euro wäre er demnach schon zufrieden.

Auf eine Antwort wartet er bis heute

Während Überlebende aus seinem Umfeld teils über 300 oder 400 Euro bekamen, nahm de Leeuw vor fast zehn Jahren einen Kampf auf, bei dem es um mehr als die Ghettorente geht. Keine materielle Leistung kann die Shoah wiedergutmachen. Beim Streit um die Ghettorente geht es de Leeuw nach der Erfahrung der absoluten Entmachtung wohl aber auch darum, sich aktiv dafür einzusetzen, dass erlittenes Leid anerkannt wird.

Wochen später kommt Albert de Leeuw in einem Telefonat noch mal auf seine Chaim-Kette zurück. „Für mich bedeutet das, dass ich weiterlebe und es so erfreulich wie möglich mache“, sagt er. Nachdem er Mitte September erfahren hat, dass die Bundesregierung weitere Kompensationen für Holocaust-Überlebende plant, entscheidet er sich doch nochmal für einen Brief nach Deutschland: diesmal an Finanzminister Christian Lindner (FDP), in der Hoffnung, dass sich bei der Ghettorente noch etwas tut. „Die letzten zehn Jahre sagen Leute: Lass es sein, lass es in Ruhe mit den Briefen. Geht nicht“, betont de Leeuw. Zu sehr begleiten ihn die Schrecken der Vergangenheit. „Ich vergesse es nicht, dann kannst du besser weiterkämpfen“, sagt er. Auf eine Antwort wartet er bis heute.

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