Japanische Namen

Shinzo Abe heißt jetzt Abe Shinzo

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Japanische Namen werden ab sofort anders geschrieben. Das soll für Klarheit sorgen, freut aber vor allem Nationalisten.

Die Menschen in Japan heißen jetzt anders. Shinzo Abe, wie der Premierminister weltweit bekannt war, lässt seit Anfang des Jahres darum bitten, mit Abe Shinzo adressiert zu werden. So sage man es in Japan schließlich schon immer, warum also sollte es der Rest der Welt dann anders machen? Die neue Regel, die die Regierung schon im Frühjahr des vergangenen Jahres veranlasste, jetzt aber erst Wirkung hat, lautet: Zuerst kommt der Familienname und erst danach das, was in der deutschen Sprache Vorname genannt wird.

Die Reform, die für eine neue Einheitlichkeit sorgen soll, war konservativen Kräften im Land schon länger ein Anliegen. In einer globalisierten Welt, in der auch Menschen in Japan zusehends weltweit Kontakte pflegen, ist es schließlich umständlich für Japaner, in internationalen Korrespondenzen immerzu ihre Namen umzudrehen – nur um für Menschen anderer Kulturen verständlicher zu werden. So befürworten nicht nur hartgesottene Nationalisten die Umstellung. Laut einer Umfrage unterstützen ganze 59 Prozent diesen Schritt.

Die neue Schreibweise ist in ostasiatischen Ländern ohnehin üblich. Auch in China und Korea erwähnt man zuvorderst den Familiennamen. Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un trägt nicht etwa den Vornamen, sondern den Familiennamen Kim. Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping entstammt einer Familie namens Xi.

In Japan nahm man allerdings einst freiwillig die westliche Art der Namensschreibung an, als sich das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in rasanten Schritten modernisieren wollte. 250 Jahre der Abschottungspolitik, während derer kaum jemand ins oder aus dem Land gelangen konnte, hatten zwar die japanische Kultur aufblühen, das Staatswesen aber in anderen Bereichen rückständig wirken lassen. Als die USA dem japanischen Kaiser 1853 mit Krieg drohten, sollte sich Japan nicht für Handel öffnen, war man in Tokio plötzlich beeindruckt und panisch zugleich.

Um sich vor dieser fremden Militärmacht sicher zu fühlen, wollte man die vermeintlich fortschrittlicheren westlichen Länder so schnell und klug kopieren wie möglich. Man eignete sich das Bildungssystem der Franzosen an, die parlamentarische Demokratie der Briten, das marktwirtschaftliche Denken der Amerikaner. Und auch die Schreibweise der Namen, die die Länder im Westen gemein hatten, wurde übernommen. Den Vornamen vorneweg zu nennen schien modern und im Vergleich zum alten konfuzianischen Muster weniger hierarchisch.

Die Umstellung war damals eine nationalistische Maßnahme: Japan sollte sich von den besten Dingen des Westens bedienen, damit das Land bereit sei, sich gegen den Kolonialismus aus Europa und Nordamerika zu wappnen. Ebenso ist der jetzigen Umstellung ein gewisser Nationalismus nicht abzuerkennen. Die japanische Zeitung „Nikkan Asian Review“ schrieb vor kurzem, dass die Namensumstellung auf eine längst stattgefundene kulturelle und geopolitische Gewichtverschiebung von Westen gen Osten folge. Dass ein japanischer Familienname fortan wieder zuerst genannt werde, und zwar überall auf der Welt, nicht nur in Japan, bedeute „Authentizität und Normalisierung“.

Allerdings kommt der Schritt in einer interessanten Zeit. 2020 ist nicht nur das Jahr der Japanisierung japanischer Namen im Ausland, sondern auch das Jahr der Olympischen Spiele in Tokio. In diesem Zusammenhang will sich das Land als besonders weltoffen präsentieren. Japan sei ein Land der Diversität, heißt es derzeit häufig auf Plakaten. Japanische Bildungsinstitutionen legen sich seit einigen Jahren ins Zeug, das Englischniveau ihres Nachwuchses zu verbessern. Zumindest in Tokio sind die Namen der U-Bahn-Haltestellen mittlerweile auch in romanischen Buchstaben zu lesen. Man will es der Welt leicht machen, Japan zu verstehen.

Mit der Namensschreibung geht es nun für die überwiegende Mehrheit der Welt in die andere Richtung. Für sie wird erst mal eine Umorientierung nötig sein. Einfacher wird es ab jetzt dagegen für Japaner, die sich an das während der letzten 150 Jahre gängige System nicht gewöhnen konnten oder wollten.

Besonders glücklich darüber sind aber die Nationalisten, die stark in der Regierung vertreten sind. Im Wahlkampf vor gut sieben Jahren, als die konservative liberaldemokratische Partei erneut die Macht übernehmen sollte, hieß es: „Japan wieder zurückholen“, darüber das Konterfei desjenigen, der nun wieder einen Schritt in diese Richtung getan hat, Shinzo Abe. Ab jetzt also Abe Shinzo.

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