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Attentat auf Shinzo Abe: Prägend wie kein anderer

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Von: Martin Benninghoff

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Shinzo Abe hat Japan lange regiert und nach rechts gerückt. Nun ist er offenbar ausgerechnet einem ehemaligen Armeeangehörigen zum Opfer gefallen.

Tokio – Zwei Tage vor den Parlamentswahlen am Sonntag (7. Juli) steht Japan – mindestens der Wahlkampf – still. Die Trauer und das Entsetzen über die Bluttat sind parteiübergreifend groß – gerade weil Shinzo Abe nicht irgendein früherer Premierminister war.

Der getötete Spitzenpolitiker hat in seiner Regierungszeit das Land verändert. Abes Wirtschaftsreformen, „Abenomics“ genannt, waren der Versuch, die Krise des hoch entwickelten Wirtschaftsstandortes durch Deregulierungen und Konjunkturprogramme in den Griff zu bekommen: Die Arbeitslosigkeit fiel zwar, dafür geriet die Wohlstandsverteilung in Schieflage.

Japan: Shinzo Abe stirbt bei Attentat

Abe war zunächst 2006 bis 2007 und dann wieder mehrere Wahlperioden von 2012 bis 2022 Regierungschef Japans. Kein Ministerpräsident vor ihm lenkte die Geschicke des Landes länger als der 67 Jahre alte Spross einer bekannten Politikerfamilie. In seinen Amtszeiten rückte Japan nach rechts - und von einigen Tabus der Nachkriegszeit ab: etwa der pazifistischen Nachkriegsverfassung, die unter dem Druck der allierten Mächte 1947 angenommen wurde.

Die Menschen erweisen am 8. Juli 202 in Nara vor einem provisorischen Denkmal außerhalb des Bahnhofs Yamato-Saidaiji ihren Respekt, wo früher am Tag der frühere japanische Premierminister Shinzo Abe erschossen wurde
Die Menschen in Japan gedenken am 8. Juli 2022 in Nara außerhalb des Bahnhofs Yamato-Saidaiji des früheren Premierministers Shinzo Abe. © PHILIP FONG/afp

Neben der graduellen Rückkehr zur nationalen Souveränität (bis hin zur Aufnahme in die UN 1956) markierte diese Verfassung scheinbar einen Bruch mit den kriegerischen und totalitären Traditionen des japanischen Militärs, beziehungsweise seiner feudalen Vorgänger. Eben diese, die Samurai und ihre für den Westen bis heute faszinierende wie weitgehend fremd gebliebene Philosophie aus Ehre, Disziplin, Selbstlosigkeit und Brutalität, war ein kultureller Kernpunkt der japanischen Nachkriegs-Renaissance. Von den einen wurde sie für alles Unglück Japans verantwortlich gemacht, von den anderen wurde sie zur einzigen Tradition stilisiert, die Japan vor dem angeblichen Krebsgeschwür der Moderne retten konnte.

Japan: Politische Instrumentalisierung des Samurai-Ethos

Tatsächlich war Shinzo Abe nur der im 21. Jahrhundert herausragende Exponent einer ganz anderen Tradition, nämlich der politischen Instrumentalisierung des Samurai-Ethos. Militärisch bedeutungslos war der Samurai seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Während der radikalen Modernisierungsphase unter Kaiser Meji von 1868 an wurde die feudale Institution gar zum überflüssigen Kostenfaktor degradiert. Ein paar Aufstände der Samurai gegen ihre drohende Verarmung schoss die nach westlichem Muster reformierte Armee dann zusammen.

Seiner politischen Realität beraubt, wurde der Samurai zum philosophischen Ideal der Mächtigen Japans. Das Militär konnte sich eine eigene Traditionslinie basteln und das neue Massenheer damit bis zum suizidalen Gehorsam drillen, der dann im Zweiten Weltkrieg Japans Gegner fassungslos machen sollte.

So fassungslos, dass eine Remilitarisierung Japans überhaupt nicht vorgesehen war. Der Korea-Krieg (1950 bis 1953) führte zum Sinneswandel in Washington, und 1954 wurden die „Japanischen Selbstverteidigungskräfte“ gegründet, eine Armee, die bestenfalls mit Hilfe westlicher Alliierter die Heimat verteidigen konnte. Für Traditionalisten in Japan war das ein Schlag ins Gesicht, so wie es die Kapitulation 1945 und die pazifistische Verfassung gewesen waren.

Shinzo Abe.
Die Trauer und das Entsetzen über die Bluttat sind parteiübergreifend groß. © AFP

Shinzo Abe rückte Japan nach rechts

Rechte Gruppierungen – die natürlich vorgaben, nur dem Samurai-Ethos zu folgen –, konnten in der Folge immer wieder vor allem Jugendliche und junge Männer zu politischen Attentaten animieren. Vor Abe waren es allein 15. Eines davon, im Oktober 1960, endete für den Chef der Sozialistischen Partei Japans, Asanuma Inejiro, tödlich. Er wurde mit einem Samurai-Schwert getötet; das Pressefoto vom Augenblick des Attentats wurde zur erschreckenden Ikone rechter politischer Gewalt.

Hauptansatz der ultrarechten Kritik an Japans politischem System ist der Artikel 9 der 47er-Verfassung, der festschreibt, dass man nie mehr „ein kriegerisches Potenzial“ vorhalten werde. Die „Selbstverteidigungskräfte“ umgehen das mittels ihrer defensiven Ausrichtung. Abe wollte dies weiter aushöhlen und Japans Armee neue Offensivkapazitäten ermöglichen. (Martin Benninghoff)

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