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Laut der Shell-Jugendstudie blickt die Generation Greta eher zuversichtlich in die Zukunft. Die größte Angst ist die Furcht vor der Umweltverschmutzung.

Jugendliche in Deutschland

Shell-Jugendstudie: Generation Greta fürchtet Umweltverschmutzung

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Die neue Shell-Jugendstudie zeigt: Die Generation Greta ist zunehmend tolerant und politisch engagiert. Doch zugleich wächst die Zustimmung zu populistischen Parolen.

Die größte Angst hat die Jugend von heute vor Klimawandel und Umweltzerstörung. Das belegt nun schwarz auf weiß Deutschlands größte Studie zu Haltungen, Wertvorstellungen und Struktur der 12- bis 25-Jährigen – die Shell-Jugendstudie. Sie wurde am Dienstag in Berlin von den Autoren und der für Jugend zuständigen Bundesministerin, Franziska Giffey (SPD) vorgestellt.

In diesem Punkt zumindest bestätigt sich also der Eindruck, den die ältere Bevölkerung in den vergangenen Wochen und Monaten bekommen hat, wenn sie die Schüler und Studenten freitags für den Klimaschutz durch die Straßen hat ziehen sehen – und wenn sie auf das Wahlverhalten und die Helden der heutigen Jugend blickt.

Doch schon die Annahme, dass die riesigen „Fridays for Future“-Demonstrationen eine massive Politisierung der heutigen Jugend belegen, ist nur halb richtig: „Es gibt eine Politisierung“, erklärte Studienleiter Mathias Albert von der Universität Bielefeld, „aber das heißt bei der gegenwärtigen Jugend, dass diejenigen, die bereits politisch interessiert waren, sich nun noch intensiver mit Politik auseinandersetzen – und sich noch intensiver engagieren.“

Auch in vielen anderen Punkten überrascht, was die Sozialwissenschaftler durch die aufwendige Auswertung ihrer repräsentativen Umfrage unter 2 572 Jugendlichen zwischen Januar und März dieses Jahres ermittelten. So sei die Jugend insgesamt zuversichtlich, sagte Albert, zumindest blicke so mehr als die Hälfte auf die gesellschaftliche Zukunft. Das sind genauso viele wie noch vor vier Jahren – und das, obwohl unter den Befragten viele Ängste im Vergleich zur Studie von 2015 deutlich zugenommen haben: neben der vor dem Klimawandel auch die vor steigender Armut sowie die vor zu viel Zuwanderung. Noch größer ist allerdings die Angst vor wachsender Ausländerfeindlichkeit.

Insgesamt zeige sich die Jugend pragmatisch und tolerant, sagte der Studienleiter. Es habe noch nie eine Generation in Deutschland gegeben, die so weltoffen sei und so positiv gegenüber der Demokratie und Europa eingestellt sei. Und doch gebe es Warnsignale – etwa, was die Skepsis gegenüber Politikern und die Anfälligkeit für populistische Thesen angehe. Giffey wollte jedenfalls gleich mehrere Handlungsaufforderungen erkannt haben – zumal sie neben der Jugend auch für Familie und Gleichstellung der Frauen zuständig ist.

Nur Teile der Jugend sind politisiert:  Hohe Wahlbeteiligungen, Demonstrationen für Klimaschutz oder gegen Uploadfilter – die Jugend gilt als so politisch engagiert wie selten zuvor. Die Studie kommt allerdings zu der These, dass eine Politisierung nur in den Kreisen zu erkennen ist, die ohnehin als politisch interessiert galten, vor allem also unter eher Gebildeten wie Gymnasiasten und Studenten. Unter allen ist das Vertrauen in Parteien und Politik gering ausgeprägt: Zwei Drittel glauben nicht, dass sich Parteien und Politik ausreichend „um ihre Belange kümmern“. Die Studie sieht folglich trotz der starken Artikulation politischer Interessen eine in Teilen politikverdrossene Jugend. Insgesamt, also auch unter Einbeziehung eher schlechter gebildeter Jugendlicher, ist das politische Interesse sogar erstmals seit der Jahrtausendwende gesunken. Nur noch 41 Prozent (2015: 43 Prozent) behaupten von sich, politisch interessiert zu sein.

Klima und Umwelt treiben die Jugend um:  Was die freitäglichen Klimademos der „Generation Greta“ seit gut einem Jahr zeigen, bestätigt die Studie: Umwelt- und Klimathemen beherrschen die Ängste und Sorgen der Jugend für die Zukunft. Erstmals wird Umweltverschmutzung (71 Prozent) als das größte Problem unserer Zeit genannt. Dahinter folgen Terroranschläge (66 Prozent) und der Klimawandel (56 Prozent). Themen wie die Wirtschaftslage, Armut und Arbeitslosigkeit, die bis 2010 vorherrschend waren, nehmen nur noch hintere Ränge ein. Dabei zieht sich das Problemverständnis bei Umwelt und Klima durch die gesamte Generation. „Auch viele Jugendliche, die nicht demonstrieren, unterstützen die Fridays-for-Future-Bewegung“, sagt Albert. Trotz des Klimabewusstseins möchten viele Jugendliche weiter mobil bleiben.

Smartphones bestimmen das Leben:  Umwelt hin oder her – auf Konsum will kaum jemand verzichten. Oder zumindest nicht beim eigenen Smartphone beginnen. Ohne das, sagen 38 Prozent, „fehlte ihnen ihr halbes Leben“. Fast alle nutzen mindestens einmal täglich Messengerdienste wie Whatsapp (94 Prozent) und soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube (81 Prozent). Etwa jeder Zweite streamt täglich Musik, Filme oder Serien. Zwei Drittel sind mindestens zwei Stunden täglich im Internet. Wenn es um Informationen und deren Vertrauenswürdigkeit geht, vertrauen aber die meisten weiterhin den klassischen Medien wie Fernsehnachrichten von ARD und ZDF und Tageszeitungen. In sozialen Netzwerken geht es dagegen häufiger um Unterhaltung, Kommunikation und Selbstdarstellung. Eine kritisch-kompetente Mediennutzung ist trotz des Bewusstseins um Datensicherheit und des hohen Konsums im Internet selten. Weniger als ein Drittel überprüft die Sicherheitseinstellungen zum Schutz ihrer Daten.

Die Jugend ist tolerant, weltoffen und bunt:  In Deutschland gab es noch nie eine so internationale junge Generation wie heute. So ist der Anteil der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln stetig gewachsen – besonders mit dem Beginn der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015. Trotzdem ist mehr als die Hälfte (51 Prozent) aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren. Den vielen Jugendlichen mit Migrationsgeschichte wird mit einem hohen Maß an Toleranz begegnet. Ressentiments gegenüber bestimmten sozialen Gruppen oder Minderheiten gehen immer stärker zurück. So sind etwa die Vorbehalte gegenüber einer türkischen Familie als potenzielle Nachbarn von 27 Prozent (2010) auf 18 Prozent gesunken. Im Osten Deutschlands sind sie allerdings weiter verbreitet als im Westen.

Die größte Spaltung geht mit der sozialen Herkunft einher:  Als größte Spaltung innerhalb der Jugendgeneration stellt sich durch die gesamte Studie die soziale Herkunft und mit ihr die Bildungs- und Einkommensschicht heraus. Einerseits hält der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen an. Das Gymnasium ist unangefochten die populärste Schulform und das Abitur der mit Abstand am häufigsten angestrebte Schulabschluss. Andererseits erreichen weiterhin viele nicht den gewünschten Bildungsgrad. Als Folge lassen sich politische und persönliche Einstellungen oft entlang der Linie zwischen den Bildungsschichten ableiten. So sind Jugendliche in den höheren Schichten generell zufriedener, schauen häufiger optimistisch in die Zukunft und würden ihre Kinder ähnlich oder genauso erziehen wie es die Elterngeneration mit ihnen gemacht hat. Außerdem sind eher besser Gebildete deutlich umweltbewusster und weniger anfällig für populistische Thesen. Für Ministerin Giffey Grund genug, Programme zur politischen Bildung stärken zu wollen.

Ein kleiner Teil ist anfällig für Populismus:  Nur die wenigsten Deutschen bezeichnen sich selbst als Populisten – das ist unter Jugendlichen nicht anders. Die Forscher griffen deshalb zu einem üblichen Umweg und fragten die Zustimmung zu einer Handvoll Thesen ab, die sie als populistisch einordnen, weil dahinter unzulässige Vereinfachungen stecken. Sätze wie „Deutschland wäre ohne die EU besser dran“ oder „Deutschland wird durch den Islam unterwandert“ fanden keine große Zustimmung – in einigen Fällen sogar weniger als ähnliche Untersuchungen beim deutschen Gesamtschnitt ergaben. Die größte Verbreitung habe demnach die – für die Forscher populistische – Ansicht, dass man in Deutschland nichts Negatives über Ausländer sagen dürfe, ohne als Rassist zu gelten. So sehen es 68 Prozent der Jugendlichen. Das beruhigendere Ergebnis der Studie: Nur neun Prozent der Befragten stimmten allen angebotenen Populismus-Thesen zu. Das beunruhigendere: Einzelne Aussagen haben in der Jugend eine ähnlich große oder sogar größere Anschlussfähigkeit wie unter der deutschen Gesamtbevölkerung. Studienleiter Mathias Albert gab auch einer „stiefmütterlichen Situation der politischen Bildung“ die Schuld, Jugendministerin Giffey gelobte Besserung.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen wünscht sich ein „männliches Versorgermodell“:  Bei der Frage, wer bei der Kindererziehung beruflich zurückstecken sollte, bevorzugen viele die Rückbesinnung auf die traditionelle Rollenverteilung. Wenn ein Paar ein zweijähriges Kind hat, sagen 54 Prozent, dass sie ein „männliches Versorgermodell“ befürworten. Demnach soll der Mann 30 oder 40 Stunden arbeiten, die Frau hingegen gar nicht oder maximal halbtags. Der Wunsch nach einer traditionellen Mutterrolle und der Rolle des Vaters als Familienernährer ist im Westen besonders stark ausgeprägt – und zwar sowohl unter Männern (58 Prozent) als auch unter Frauen (56 Prozent). Im Osten sind gleichwertiger aufgeteilte Familienmodelle deutlich beliebter.

Ost-West-Unterschiede werden geringer:  In einem knappen Monat ist der Fall der Berliner Mauer 30 Jahre her – und doch lässt sich die einstige innerdeutsche Grenze in den Antworten auf faste alle Fragen noch immer klar und deutlich erkennen: Ost und West ticken unterschiedlich – nähern sich aber an. So ist die Anfälligkeit für populistische Thesen im Osten stärker (bei 42 Prozent der Befragten) als im Westen (31 Prozent), während die Zufriedenheit mit der hiesigen Demokratie im Westen noch immer größer (78 Prozent sind zufrieden) ist als im Osten (66 Prozent). Allerdings ist sie auch in Ostdeutschland deutlich gestiegen: Vor vier Jahren zeigten sich nur 44 Prozent der jugendlichen Ostdeutschen glücklich mit der deutschen Demokratie.

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