Seyithan Akyüz.
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Seyithan Akyüz.

Seyithan Akyüz

Türkei: Pressfreiheit unter Erdogan - Kurdischer Journalist bleibt als „Terrorist“ in Haft

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Seyithan Akyüz ist wegen seiner unliebsamen Berichterstattung der Regierung von Recep Tayyip Erdogan ein Dorn im Auge - und muss bis 2030 mit einer Inhaftierung rechnen.

  • Der kurdische Journalist Seyithan Akyüz sitzt weiter in Haft.
  • Türkei unter Erdogan: Frankfurter Rundschau setzt sich seit langem für Akyüz ein
  • Die FR erreicht eine Botschaft aus dem Gefängnis in der Türkei.

Es gibt Nachrichten von Seyithan Akyüz, aber keine guten. Der kurdische Journalist sitzt weiter in Haft, weil ihn die türkische Justiz als „Terroristen“ ansieht. Journalistenorganisationen halten ihn hingegen für einen Mann, der allein wegen seiner journalistischen Tätigkeit verurteilt wurde – aus politischen Gründen.

Deswegen setzt sich die Frankfurter Rundschau für seine Freilassung ein, angeregt durch eine Solidaritätsaktion der deutschen Journalistengewerkschaften. Im Jahr 2017 gingen Briefe aus der FR-Redaktion an 15 inhaftierte Journalistinnen und Journalisten in der Türkei, darunter der 39-jährige Seyithan Akyüz.

Türkei: Seyithan Akyüz setzt sich mit der FR in Verbindung

Manche von ihnen konnten antworten, oft auf Umwegen, doch Akyüz darf nach Angaben seines Bruders keine Briefe aus dem Hochsicherheitsgefängnis nach draußen schicken. Jetzt ist es ihm zum zweiten Mal in diesen drei Jahren gelungen, trotzdem eine Botschaft an die FR zu senden. Ein Freund brachte den Brief mit nach draußen, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde.

„Ich bin fast 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern“, schreibt Seyithan Akyüz. „Ich habe fast die Hälfte meines ganzen Lebens im Gefängnis und unter schwierigsten Bedingungen verbracht und tue dies auch weiterhin.“ Seine Familie versuche mit einem sehr knappen Einkommen zu überleben. Seine Kinder hätten bereits das Universitätsalter erreicht, ohne dass er sie habe aufwachsen sehen können.

Briefpatenschaft

Die Frankfurter Rundschau unterstützt seit 2017 die Aktion „Patenschaften gegen das Vergessen“, zu der der Deutsche Journalistenverband (DJV) und die Deutschen Journalistenunion (DJU) aufgerufen hatten. Dabei übernehmen deutsche Journalistinnen und Journalisten Briefpatenschaften für inhaftierte türkische Kolleginnen und Kollegen. (pit)

Akyüz wurde zum Verhängnis, dass er sich journalistisch für die Rechte der Kurden einsetzt. Er arbeitete für die damals noch zugelassenen Zeitungen „Özgür Gündem“, die auf Türkisch erschien, und „Azadiya Welat“ (in kurdischer Sprache). Verurteilt wurde er für eine angebliche Mitgliedschaft in der KCK, die der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahesteht. Der einzige Grund für seine Verurteilung sei die Arbeit für die Zeitungen gewesen, versichert der Journalist. Er habe „niemals Gewalt und Terror unterstützt“. Vor Gericht habe er sich nicht verteidigen können, da man ihm eine Aussage auf Kurdisch verweigert habe.

Das erste Urteil: zwölf Jahre Haft. Nach der Beschlagnahmung von Kalendern, Magazinen und Büchern in kurdischer Sprache wurde Akyüz ein zweites Mal verurteilt, zu drei Jahren und einem Monat. Inzwischen gebe es ein drittes Urteil gegen ihn, berichtet er. „Im Jahre 2023 sollte ich eigentlich freigelassen werden, allerdings wurde ich Ende 2019 für weitere sechs Jahre und drei Monate wieder mit derselben Begründung inhaftiert“, schreibt Akyüz. Wenn dieses Urteil vom obersten Gericht bestätigt werde, könne er erst 2030 mit seiner Freilassung rechnen. „Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein Mensch aus demselben Grund dreimal bestraft werden kann“, klagt der Journalist.

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In der Türkei sind seit einem gescheiterten Putschversuch 2016 Hunderttausende Staatsbedienstete, Menschenrechtler und Journalisten drangsaliert worden. Sie wurden entlassen und teilweise inhaftiert. Dieses Schicksal trifft auch Justizbeamtinnen und -beamte – einschließlich jener, die über Akyüz zu urteilen hatten.

Alle Polizisten, Richter und Staatsanwälte, die an den Ermittlungen und an seinen Gerichtsverfahren beteiligt gewesen seien, seien inzwischen selbst inhaftiert worden, schildert der Journalist. „Nun befinden sich also die meisten Beamten, die in meiner Inhaftierung eine Rolle gespielt haben, selber wegen Terrorermittlungen im Gefängnis“, schließt er.

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