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Sexualisierte Gewalt: „Damit hört Missbrauch schlicht nie auf“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Sportvereine müssten „Schutzräume sein, in denen Kindern geholfen wird, die auch an anderen Orten (...) sexualisierte Gewalt erleben“, sagt Bergmann.
Sportvereine müssten „Schutzräume sein, in denen Kindern geholfen wird, die auch an anderen Orten (...) sexualisierte Gewalt erleben“, sagt Bergmann. © AFP

Die Unabhängige Beauftragte Kerstin Claus und ihre Vor-Vorgängerin Christine Bergmann über die Notwendigkeit eines Rechts auf Aufarbeitung und mangelnde Prävention an Schulen.

Kerstin Claus amtiert seit April als Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Erste Inhaberin des Amtes war 2010 die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), die bis heute in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs arbeitet. Beide fordern ein gesetzlich verankertes Recht der Betroffenen auf Aufarbeitung und flächendeckende Prävention in allen Schulen.

Frau Claus, Frau Bergmann, Innenministerin Nancy Faeser hat der sexualisierten Gewalt gegen Kinder den Kampf angesagt und dies zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit erklärt. Was müsste sie tun?

Kerstin Claus: Sexualisierte Gewalt ist immer noch das sicherste Verbrechen, das es in Deutschland gibt. Dem können wir uns nur mit Kompetenz entgegenstellen, damit Taten verhindert oder wenigstens frühzeitig entdeckt werden. Das gilt für Ermittlungsbehörden genauso wie für Schulen, Kitas oder den Freizeitbereich, insbesondere die 90 000 Sportvereine im Land. Wir brauchen schlichtweg Handlungskompetenz, überall wo sich Kinder und Jugendliche bewegen. Hier ist politischer Wille gefragt, aber es geht auch um die notwendigen fachlichen wie finanziellen Ressourcen.

Christine Bergmann: Einrichtungen wie Sportvereine und Schulen müssen auch Schutzräume sein, in denen Kindern geholfen wird, die auch an anderen Orten wie beispielsweise in der Familie sexualisierte Gewalt erleben. Da gibt es noch beträchtliche Defizite. Deswegen ist es so wichtig, dass Schutzkonzepte verpflichtend werden.

Zur den Personen

Kerstin Claus ist seit dem 1. April Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Journalistin wirkte vorher mehrere Jahre lang im Betroffenenrat mit.

Christine Bergmann war 2010/2011 die erste Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Heute gehört sie der Aufarbeitungskommission an.

Wo fehlen sie?

Claus: In Bezug auf Schulen gibt es eine gesetzliche Verankerung von Schutzkonzepten bisher nur in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Wir brauchen aber verpflichtende Regelungen in allen Ländern. Bei Kitas sind sie Voraussetzung für die Betriebsgenehmigung. Und Schutzkonzepte müssen gelebt und umgesetzt werden und dürfen nicht als Ordner in den Regalen verstauben.

Kerstin Claus.
Kerstin Claus. © dpa

Was würde den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen?

Claus: Vielen Lehrkräften, Pädagog:innen, Erzieher:innen, Fachkräften im Jugendamt, auch medizinischem Personal fehlt das grundständige Handwerkszeug im Erkennen sexualisierter Gewalt und bei der Frage: Was tue ich dann? Das gehört in die Ausbildung, aber auch Weiterbildung dieser Berufe hinein. Täter:innen bahnen diese Taten strategisch an. Deswegen wird so oft nicht wahrgenommen, was wahrgenommen werden könnte – wenn die Fachlichkeit gegeben wäre. Warum wird nicht reagiert, wenn zum Beispiel in jeder zweiten Pause immer wieder ein Klassenraum abgeschlossen ist und sich eine Lehrkraft mit einer Schülerin darin befindet, und das teilweise über Monate und Jahre hinweg? Wenn solche Fälle aufgearbeitet werden, wird auch klar, welche Prävention notwendig wäre.

Bergmann: Genau an diesem Bewusstsein fehlt es auch im Bereich Schule. Es gibt seitens der Kultusministerkonferenz bisher keine Signale, wie es mit der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im System Schule weitergehen soll.

Oft heißt es, die Familie sei der gefährlichste Ort für Kinder und Jugendliche. Stimmt das?

Bergmann: Für manche Kinder ist das leider so. Die Familie ist der Ort, an dem Kinder am häufigsten sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Mehr als 50 Prozent der uns vorliegenden Berichte betroffener Menschen stammen aus diesem Bereich. Das ist insofern dramatisch für die Kinder, weil man der Familie nicht ohne weiteres entkommen kann. Einen Sportverein kann man eher verlassen. Außerdem ist die Familie eine geschlossene Institution, bei der man nicht will, dass etwas nach außen dringt. Wenn Betroffene das Schweigen brechen, wird ihnen oft vorgeworfen, sie würden damit die Familie zerstören. Wir fordern auch für Fälle in der Familie einen Anspruch auf Aufarbeitung.

Claus: Dort, wo Institutionen versagt haben, dort wo Familien versagt haben, brauchen wir das Recht der Betroffenen auf Aufarbeitung, damit sichtbar werden kann, was vorher gesellschaftlich oder institutionell vertuscht wurde.

Nicht nur die Fälle in Lügde, Bergisch Gladbach und Wermelskirchen machen deutlich, dass pädokriminelle Netzwerke hinter vielen Taten stecken können. Welches Ausmaß haben diese Netze?

Claus: Wir müssen aufpassen, dass wir beim „Netz“ nicht ein „irgendwo dort“ vermuten. Das sind Familienväter, Nachbarn, Menschen in unserer Umgebung und damit aus dem sozialen Nahfeld der Familie. Es ist mir ganz wichtig, dass wir nicht trennen zwischen Täternetzwerken im Netz und Täter:innen in den Familien. Wir müssen uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen, dass es diese oft monströse Gewalt gibt, von Tätern minutiös dokumentiert. Für Betroffene sind diese Bilder im Netz eine immense zusätzliche Belastung: Denn sie kursieren oft über Jahre und Jahrzehnte im Netz. Damit hört der Missbrauch schlicht nie auf.

Christine Bergmann.
Christine Bergmann. © Christine Fenzl www.christinefenzl.com

Daneben gibt es den Missbrauch in Institutionen wie der katholischen Kirche, die immer wieder neue schockierende Gutachten vorstellt. Wie weit ist die Aufarbeitung?

Bergmann: Vieles, was wir jetzt aus den Diözesen hören, entspricht nicht den Anforderungen an eine unabhängige Aufarbeitung. Man muss schon fragen, ob man der Institution die Aufarbeitung überlassen kann oder ob der Staat hier Verantwortung übernehmen muss.

Claus: Es fehlen bisher verbindliche Standards der Aufarbeitung auch in der Kirche. Deswegen ist die gesetzliche Festlegung von Standards ganz wesentlich, auch die Einrichtung einer Stelle, an die sich Betroffene wenden können, wenn Aufarbeitung nicht funktioniert. Ich beobachte außerdem eine Lücke zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. Die evangelische Kirche hinkt ein paar Jahre hinterher. Hier wird Ende kommenden Jahres die erste große Studie zu den systemischen Faktoren vorliegen. Bisher haben wir noch keine Übersicht, inwieweit Verantwortungsträger auch in der evangelischen Kirche bei der Meldung sexueller Gewalt durch Betroffene ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind.

Die Verjährungsfristen haben sich oft als Problem erwiesen, weil Taten erst nach Jahrzehnten angezeigt werden. Ist dieses Problem mittlerweile gelöst?

Claus: Die Verjährungsfristen sind zwar ausgeweitet worden, aber nur für die Fälle, die noch nicht verjährt waren. Eine rückwirkende Aufhebung der Verjährung ist aus rechtsstaatlichen Gründen bisher ausgeschlossen. Das ist für einige Betroffene ein Problem. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, inwieweit ein Nachweis von Taten überhaupt nach so vielen Jahren noch möglich ist. Deswegen setze ich mich so konsequent gerade mit Blick auf die vielen verjährten Fälle für ein Recht auf Aufarbeitung ein. Das ist für mich hier vorrangig. Denn der strafrechtliche Weg kann für Betroffene auch schwierig sein. Der Großteil der angezeigten Fälle wird eingestellt und landet nicht vor Gericht.

Bergmann: In den Anhörungen und Berichten der Betroffenen zeigt sich, dass viele von ihnen aus diesen Gründen kein Strafverfahren wollen. Sie wollen aber, dass der Missbrauch von der Täterinstitution anerkannt wird, dass sie ein Recht haben auf Aufarbeitung und auf Entschädigung.

Kinder, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden
Kinder, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden © FR

Wer soll entschädigen, etwa im Fall von Missbrauch in Familien?

Claus: Es gibt das Opferentschädigungsgesetz (OEG) mit ziemlich guten Leistungen. Aber diese Leistungen setzen einen Nachweis der Tat voraus, der vielfach nicht gelingt, weil sich sexualisierte Gewalt im Verborgenen abspielt. Dann gibt es den Fonds sexueller Missbrauch, der für Betroffene im familiären Bereich wichtig ist, weil er niedrigschwellig Hilfe in Form von Sachleistungen ermöglicht, zum Beispiel Therapien, medizinische Dienstleistungen oder Bildungsmaßnahmen. Es ist dringend notwendig, diesen Fonds dauerhaft abzusichern. Hier scheint es aktuell in der Koalition unterschiedliche Meinungen zu geben. Aus meiner Sicht aber ist ganz klar: Gerade für Betroffene im familiären Kontext ist dieses System oft die einzige Chance auf dringend benötigte Hilfen.

Seit zwölf Jahren gibt es das Amt von Unabhängigen Beauftragten. Was wurde seitdem erreicht?

Bergmann: Das Wichtigste war, endlich das Schweigen zu brechen. Es wurde ein Hilfetelefon ins Leben gerufen, bei dem sich zehntausende Betroffene gemeldet haben, die erstmals über das in der Kindheit Erlebte gesprochen haben. Daraus hat sich vieles entwickelt, etwa die Aufarbeitungskommission, die 2016 berufen wurde. Im Jahr 2010 hat mit der öffentlichen Berichterstattung über die Odenwaldschule und das Canisiuskolleg eine breite gesellschaftliche Sensibilisierung begonnen, die noch längst nicht abgeschlossen ist.

Claus: Ich habe 2010 Christine Bergmann einen Brief geschrieben, in dem ich von meinem Kampf um Aufarbeitung berichtet habe. Insofern schließt sich für mich heute ein Bogen, der nur möglich war, weil Politik in eine gewisse Verantwortung gegangen ist. Dass jemand wie ich mit Expertise und eigener Betroffenheit in dieses Amt berufen wird, wäre wegen des Tabus und der Opferstigmatisierung noch vor wenigen Jahren nicht möglich gewesen. Heute gibt es diese stabilen Strukturen, die seit 2010 meine beiden Vorgänger:innen im Amt politisch durchgesetzt haben. Es wurde 2015 der Betroffenenrat beim Amt berufen und 2016 folgte dann die Aufarbeitungskommission. So wurde konsequent auch die Betroffenenperspektive gestärkt. Dies ist eminent wichtig, weil sie wissen, was damals geholfen hätte und was heute helfen würde, und weil Betroffene Täterstrategien kennen.

Was leistet die Aufarbeitungskommission?

Bergmann: Für viele Betroffene ist es hilfreich, dass sie ihre Geschichte erzählen und Anerkennung erleben. Gemeldet haben sich seit 2016 über 3000 Personen. Das sind überwiegend Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, die das Erlebte aufarbeiten wollen und Botschaften an die Gesellschaft senden. Angehört haben wir inzwischen rund 1600 Menschen. Zudem liegen uns knapp 650 schriftliche Berichte vor. Daneben bringen wir gemeinsam mit Betroffenen ihre Geschichten in die Öffentlichkeit beispielsweise mit öffentlichen Hearings oder auf unserem Portal „Geschichten, die zählen“. Vielen Menschen öffnet es die Augen, wenn sie hören, was Kinder erlitten haben und wie schwer die Folgen noch in der Gegenwart sind. Daran kann man anknüpfen, wenn man schaut, wo die Gesellschaft für den Schutz der Kinder mehr machen muss, etwa in der Familie, in Schulen oder Sportvereinen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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