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Anne Wizorek, geboren 1981, wurde durch die #Aufschrei-Kampagne bekannt.

Interview

"Den sexistischen Nährboden entziehen"

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Die Feministin Anne Wizorek spricht im Interview über Gewalt als Folge patriarchaler Kultur und zu milde Strafen.

Frau Wizorek, eine wachsende Zahl von Frauen wird von ihren Partnern angegriffen. 147 Frauen wurden 2017 getötet. Überrascht Sie das?
Leider überrascht mich daran überhaupt nichts, denn wer sich wie ich kontinuierlich mit dem Problem Gewalt gegen Frauen beschäftigt und dabei auch im engen Austausch mit Beratungsstellen und -organisationen steht, sieht das Ausmaß jeden Tag und nicht erst zu irgendwelchen Gedenktagen oder wenn bestimmte „große Fälle“ durch die Medien gehen. Aber selbstverständlich machen mich diese Zahlen immer noch absolut wütend und zeigen, wie notwendig gerade feministische Arbeit eben immer noch ist.

Worin sehen Sie die Gründe?
Die kurze Antwort: das Patriarchat.

Und die längere?
In unserer Gesellschaft mit patriarchaler Kultur wird Gewalt gegen Frauen immer noch weggeredet, Frauen eine Mitschuld an den Taten gegeben und das Ganze verharmlost. Trotz aller Fortschritte, die wir natürlich in dem Bereich gemacht haben und die in erster Linie Feministinnen zu verdanken sind. Gerade Opferanwältinnen berichten immer noch davon, wie gering Strafen ausfallen, wenn es sie denn überhaupt gibt. Wenn ein Ehemann seine Frau schlägt, dann wird das in der Regel milder bewertet, als wenn er das einer fremden Person auf der Straße angetan hätte. Es gibt in unserer Gesellschaft leider einfach immer noch einen großen Hang dazu, die Gewalt, die Frauen vor allem in Partnerschaften angetan wird, einfach hinzunehmen, statt alles daranzusetzen, dass sie gar nicht erst passiert.

Was kann man aus Ihrer Sicht gegen Partnerschaftsgewalt tun?
In akuten Situationen müssen wir alle weitaus mehr Zivilcourage zeigen. Wenn es in der Nachbarswohnung immer wieder laut wird und der Verdacht auf eine gewaltvolle Beziehung besteht, hören und schauen noch zu viele von uns weg. Dabei haben wir ja Mittel, etwas zu tun. Man kann sich da zum Beispiel auch ans Hilfetelefon wenden und beraten lassen, welches Vorgehen im jeweiligen Fall am besten ist. Generell braucht es noch mehr Aufklärungsarbeit, damit Betroffene sehen, dass sie all das nicht aushalten müssen und sie ihre Rechte sowie Beratungsangebote kennen. Es muss endlich genügend Geld für schon bestehende, aber auch neue Initiativen gegen Gewalt in die Hand genommen werden.

Und sonst?
Gleichzeitig brauchen wir eine breit aufgestellte antisexistische Präventionsarbeit in unserer Gesellschaft. Die kann nie früh genug losgehen, sollte aber letztlich in allen Altersschichten stattfinden. Geschlechterstereotype, also die aufgezwungenen Vorstellungen, wie Frauen und Männer zu sein haben, bilden ja die Grundlage für das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern. Und das zeigt sich dann eben auch in entsprechender Gewalt. Diesen sexistischen Nährboden müssen wir einfach entziehen.

Interview: Markus Decker

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