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Rotlicht im Lockdown: Geschlossenes Bordell in Halle.

Interview

„Sex mit Maske ist doof, klar“

  • vonMatthias Halbig
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Verbandsvorständin Johanna Weber über Hygiene und Distanz.

Johanna Weber ist Finanzvorstand und Sprecherin des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen in Berlin.

Frau Weber, der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen hat ein Hygienekonzept für Sexarbeitende erarbeitet. Wie ist deren Lage nach mehr als zwei Monaten Prostitutionsverbot?

Die Situation ist zweischneidig. Da sind auf der einen Seite diejenigen – aktuell etwa 85 Prozent – der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, die in Deutschland ganz normal gemeldet sind und eine Steuernummer haben, die werden als Selbstständige gesehen. Da sind wir also in einem Topf mit anderen Soloselbstständigen wie den freien Künstlern und den freien Journalisten. Es geht uns genauso gut oder schlecht wie denen – die Soforthilfen sind nur für die Betriebskosten gedacht. Und genau wie bei den anderen Genannten gibt es bei uns viele, die mit dem Geld gerade so über den Monat kommen, ohne groß Rücklagen bilden zu können. Gut ist bei alldem, sehr gut sogar, dass wir als ganz normale Selbstständige angesehen werden. Unser Beruf geht damit gerade einen weiteren großen Schritt in die Normalität.

Es gibt auch die Sexarbeiter, die an allen staatlichen Töpfen vorbeifallen.

Viele in der Sexarbeit, ich schätze, derzeit sind es vielleicht 15 Prozent, kommen gerade so durch den Tag mit ihren Einkünften. Das sind die Leute ohne festen Wohnsitz, die durch Deutschland gereist sind und in den Bordellen wohnen oder auf den Straßenstrichen arbeiten. Die haben keine Steuernummer, weil sie nie so viel verdient haben, dass sie wirklich an die Steuergrenze gekommen wären. Für diese Menschen gibt es gar keine staatliche Unterstützung. Für die ist das Prostitutionsverbot seit zwei Monaten eine richtige Katastrophe.

Was tun diese Menschen jetzt?

Viele der osteuropäischen Frauen sind nach Hause gefahren. Andere stehen trotzdem auf dem Straßenstrich. Sie geben weiterhin ihre Anzeigen im Internet auf und besuchen trotzdem Leute zu Hause. Das geht natürlich überhaupt nicht mit der Corona-Pandemie zusammen. Aber von irgendetwas müssen sie ja leben.

Wie ist die Situation der Bordelle?

Die sind geschlossen. Seit Monaten. Und für uns Sexarbeiter ist es total wichtig, dass wir demnächst in irgendeiner Weise dort arbeiten können, und wenn auch nur mit einem Zehntel der Kundschaft. Wir haben alle nichts davon, wenn demnächst alle Bordelle pleite sind. Das sind unsere Arbeitsplätze. Wir wollen auch nicht woanders arbeiten, wir brauchen die.

Ihr Konzept sieht strenge Hygienemaßnahmen vor, Sex mit Mundschutz, Sexarbeit auf Distanz. Das dürfte auf Kunden eher abtörnend wirken.

Ja. Natürlich ist Sex mit Mundschutz total doof, klar. Aber es geht. Es geht unserer Branche am Anfang ja auch nur darum, unsere Miete zusammenzukriegen. Und wenn jetzt nur 20 Prozent unserer Kunden kommen, das würde erst mal reichen. Früher hätte kein Kunde so etwas mitgemacht. Aber jetzt nach zwei Monaten mit Ostereiersuchen unterm Sofa, Lagerkoller mit Familie, da macht man ja alles. Da geht man mit Mundschutz einkaufen und ins Restaurant – unglaublich. Und dann geht man auch mit dem Mundschutz in den Puff.

Die angedachte Festhaltung der Kundenpersonalien – ähnlich wie in Restaurants – dürfte viele abschrecken.

Die meisten, die Sexarbeit regelmäßig in Anspruch nehmen, haben ein sogenanntes Ficktelefon, über das sie erreichbar sind. Das ist oft ein Prepaid-Handy, das man für solche Zwecke hat. Fast alle haben eine spezielle Mailadresse – auch darüber sind sie erreichbar. Es geht ja um die Kontaktverfolgung, darum, dass wir diese Leute informieren. Auf stillem Wege. Umgekehrt gilt auch für mich: Ich muss ein gutes Gefühl bei der Person haben, die sich mit mir verabreden will. Wenn ich das Gefühl habe, dem ist das alles scheißegal, wird nichts aus dem Termin.

Interview: Matthias Halbig

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