+
Das Virus hat sich unter anderem in dem fleischverarbeitenden Betrieb Westfleisch in Coesfeld ausgebreitet.

Fleischfabriken

Seuchenherd Schlachthof

Die Grünen fordern wegen neuer Hotspots für das ganze Land verbindliche Test-Regeln.

Ein weiterer, bislang weitgehend unbekannter Ort in der Provinz erlangt durch die Corona-Krise traurige Berühmtheit: Nach dem Corona-Ausbruch in einer Fleischfabrik in Coesfeld im gleichnamigen Kreis in Nordrhein-Westfalen liegt die Zahl der Neuinfektionen dort deutlich über der vereinbarten Obergrenze – laut Robert Koch-Institut (RKI) vom Sonntag bei rund 85 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche, hochgeschnellt von 76 Fällen 24 Stunden zuvor.

Das RKI machte nur die Einschränkung, dass es durch einen Verzug bei Datenübermittlungen zu Diskrepanzen zwischen seinen Angaben und den tatsächlichen lokalen Zahlen kommen könne.

Die Reproduktionszahl lag am Samstag laut RKI bei 1,10. Das bedeutet, dass zehn Infizierte gut elf weitere Personen anstecken. Der Wert lag also deutlich höher als noch vor einigen Tagen. Noch aber schlägt das Institut nicht Alarm wegen einer möglichen Trendwende.

Der Kreis Coesfeld lässt nicht nur aufmerken, weil NRW in den vergangenen sieben Tagen ansonsten deutlich unter dem Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner lag. In Coesfeld steht ein Schlachthof: Der ist der Hotspot an Neuinfektion, der den Kreis zum Hotspot des Landes hat avancieren lassen.

Überhaupt entwickeln sich deutsche Schlachthöfe zunehmend zu Corona-Brennpunkten. Im April wurden Fälle in einem Fleischwarenwerk in Birkenfeld in Baden-Württemberg bekannt; jetzt sind Belegschaften in Coesfeld und Oer-Erkenschwick (ebenfalls NRW) infiziert, wie auch in Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten kritisiert schon seit Jahren die Unterbringung der Arbeiter – viele aus Ost- und Südosteuropa, viele bei Subunternehmern beschäftigt. Der kostengünstige Umgang der Fleischindustrie mit ihren Arbeitskräften begünstigt nun ganz offensichtlich die Verbreitung des Virus. Dominique John von der DGB-Initiative „Faire Mobilität“ sagt mit Blick auf einen Fall in Sachsen-Anhalt: „Da wurden alte Wohnblocks angemietet und neun bis zehn Menschen in einer Wohnung untergebracht.“

Am Wochenende rückten Teams des Kreis-Gesundheitsamtes nach Coesfeld aus, wo sie bei mehr als 200 Arbeitern des Schlachthofs das Virus nachweisen konnten. Das Verwaltungsgericht Münster lehnte einen Eilantrag gegen die vorübergehende Schließung des Betriebs ab. Es verwies auf Überprüfungen, wonach es am Zerlegeband und in Umkleiden Probleme mit dem Mindestabstand von 1,50 Metern gebe. Masken würden nicht immer korrekt getragen.

Die Branche wehrt sich jedoch gegen Vorwürfe, Arbeiter schlecht unterzubringen. „Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen“ habe diese Kritik keine Substanz, wurde da behauptet – im vergangenen Oktober.

Die Grünen im Bundestag verlangen von Bund und Ländern mehr Klarheit über ihr Vorgehen in der Corona-Krise und schlagen fünf Corona-Warnstufen mit entsprechenden Testpflichten vor, um den unterschiedlichen regionalen Entwicklungen Rechnung zu tragen. In Hotspotregionen (5) sollten alle Menschen vorsorglich getestet werden. Wo man kaum Infektionen registriere, sollten lediglich Menschen mit Symptomen getestet werden. „Es braucht einheitliche Regeln zur Kontrolle der Entwicklungen, um verlässlich über weitere Lockerungen oder Beschränkungen entscheiden zu können“, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Nur durch „engmaschige und regional angepasste Kontrollen“ sowie ausreichend Personal in den Gesundheitsämtern könnten ein Rückfall und eine zweite Welle an Infektionen verhindert werden, warnte sie. (dpa)

Auch die Gewerkschaften üben in der Corona-Krise Kritik an den Bedingungen in Schlachthöfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion