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Der DFB will in Russland auch abseits des Platzes Position beziehen, aber ohne sich "zu überheben": Die Mannschaft bereitet sich derweil in Sotschi auf den Cup vor.

Confed-Cup

DFB setzt auf Dialog

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Gegen Homophobie und Gewalt: Der Fußballbund und Fanvertreter haben sich schon vor den Turnieren in Russland positioniert.

Martin Endemann hat mit Blick auf den Confederations Cup 2017 und die WM 2018 deutliche Erwartungen. Der Projektmanager der Fanorganisation Football Supporters Europe (FSE) hat sehr aufmerksam wahrgenommen, wie die brutalen Übergriffe russischer Hooligans bei der EM 2016 in Marseille politisch bewertet wurden: „Die Gewalt wurde vom russischen Fußballverband bis hoch ins Sportministerium zum Teil ja sogar gedeckt.“ Jetzt ist der Berliner Politologe gespannt, „wie lernwillig die russischen Behörden sind“. Er hat da „durchaus Sorge“ und will mit seiner Organisation dazu beitragen, dass im Zuge von Confed-Cup und WM „die progressiven Kräfte unter den Fans gestärkt werden“.

Auch beim viel gescholtenen Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist das Bestreben spürbar, sich im Angesicht der beiden Turniere zu positionieren. DFB-Präsident Reinhard Grindel formuliert dabei für einen Fußballfunktionär erstaunlich deutlich in Richtung der Gastgeber. „Es war bei der EM schon schlimm genug, dass russische Hooligans derart gewütet haben. Es war aber noch schlimmer, dass der Parlaments-Vize Igor Lebwedew danach den Eindruck hinterlassen hat, er heiße das gut.“ Der vormalige CDU-Bundestagsabgeordnete Grindel erwartet, dass dem russischen Hooliganismus „klar die Rote Karte“ vorgehalten wird.

Neulich, am Rande des Champions-League-Finales im walisischen Cardiff, hat der 55-Jährige die Gelegenheit genutzt, mit Fifa-Präsident Gianni Infantino und seinem russischen Kollegen im Fifa-Council, Vitali Mutko, zu sprechen. Grindel schlug den beiden vor, dafür zu sorgen, dass in Russland die Dopingkontrollen unabhängig von der Fifa nur durch die Weltdopingagentur Wada durchgeführt werden sollten. „Beide haben mir erwidert, dass sei eine richtige Idee.“ Jetzt will er Infantino und Mutko an diesen Worten messen: „Mal sehen, was passiert.“ Mutko, seit Oktober 2016 einer der russischen Vize-Ministerpräsidenten, war während der Olympischen Winterspiele 2016 in Sotschi noch russischer Sportminister und wurde verdächtigt, über das staatlich gesteuerte Doping bestens informiert gewesen zu sein.

Reinhard Grindel ist zwar Delegationsleiter der deutschen Nationalmannschaft. Aber am Donnerstagmorgen in Frankfurt ist er nicht mit Bundestrainer Joachim Löw und den Spielern in den Flieger nach Sotschi gestiegen, sondern gemeinsam mit Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nach Moskau geflogen. Hitzlsperger wurde jüngst als neuer DFB-Botschafter für Vielfalt vorgestellt und soll vor Ort unter anderem die Diskriminierung Homosexueller in Russland thematisieren. Er wolle aber „vor allem zuhören und kleine Brücken bauen“, sagt der 35-Jährige, der vor dreieinhalb Jahren als erster prominenter deutscher Fußballprofi öffentlich erklärte, er sei schwul.

Grindel hat mit Blick auf die beiden Großveranstaltungen ein paar Forderungen formuliert. Unter anderem verlangt er, dass ausländische Reporter „ohne jede Beschränkung vollumfänglich berichten“ können und sich Menschen jeder Hautfarbe und unabhängig der persönlichen sexuellen Neigung willkommen fühlen. „Ich erwarte eine einladende, offene Atmosphäre.“ Jedes Land, das eine WM ausrichte, müsse wissen, „dass der Lichtkegel der Welt auf dieses Land gerichtet ist“. In der Uefa-Exekutive sei zudem beschlossen worden, den Fifa-Präsidenten Infantino mit Blick auf die prekären Arbeitsbedingungen an den Stadien-Neubauten einzuschalten. „Wir haben klare Erwartungen, dass Standards und Gesetze eingehalten werden.“ Grindels persönliches Verhältnis zu Infantino ist allerdings stark abgekühlt. Der DFB-Boss ist nachhaltig enttäuscht über den im Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten gewählten autokratischen Führungsstil des Schweizers.

Die heftig umstrittene WM-Vergabe der Fifa an Russland verteidigt Grindel inhaltlich im Grundsatz: „Russland ist eine Fußballnation mit Millionen Fans. Haben Fußballfans, die in einem totalitären Staat wohnen, dennoch das Recht, eine solche Veranstaltung zu erleben? Ich finde: Ja, sie haben das Recht!“ Gemeinsam mit Hitzlsperger will der DFB-Boss während des Confederations Cup einen „zivilgesellschaftlichen Dialog“ anschieben, „ohne sich als Fußball zu überheben“. So viel darf getrost erwartet werden: Bundestrainer Joachim Löw möchte sich an diesem Dialog lieber nonverbal beteiligen: Mit guten Leistungen seiner Mannschaft, sympathischem Auftreten und, ganz ähnlich wie bei der WM in Brasilien, kleinen Inseln der Nähe zur einheimischen Bevölkerung.

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