„Schlagt nicht euer Volk“: Sitzstreik am Donnerstag vor dem Parlament in Belgrad. 	Andrej Isakovic/afp
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„Schlagt nicht euer Volk“: Sitzstreik am Donnerstag vor dem Parlament in Belgrad. Andrej Isakovic/afp

Ausschreitungen

Serbien: Gewalt im Auftrag der Geheimdienste?

In Serbien mehren sich die Hinweise, dass die gewaltsamen Proteste der vergangenen Nächte inszeniert wurden - mit Hilfe von Hooligans.

Die Sitzstreikenden gaben den Schlägern keine Chance. „Hinsetzen und Kapuzen runter!“, riefen die vor Serbiens Parlament kauernden Demonstranten den ratlos wirkenden Trupps durchtrainierter Maskenmänner in den schwarzen T-Shirts zu. „Schlagt nicht euer Volk, verhaftet die Hooligans!“, lautete ihre Botschaft an die Polizei.

Steinwürfe, Parlamentssturm, vermummte Schläger, Dutzende Verletzte und wie von Sinnen auf Demostrierende einprügelnde Polizisten: Zwei Nächte hatten die Bilder der heftigen Corona-Ausschreitungen aus Belgrad die Welt schockiert. Die Schadensbilanz des dritten Tages der sich im ganzen Land ausbreitenden Proteste fällt hingegen auffällig bescheiden aus: Zwei von Hooligans verprügelte Journalisten, eine in die Mitte der sitzenden Menge gefeuerte Rakete. In Belgrad mehren sich Hinweise, dass die heftigen Ausschreitungen in den Nächten zuvor inszeniert wurden.

Es ist nicht nur die Wut über die vom mächtigen Präsidenten Aleksander Vucic erst angekündigte und dann wieder abgeblasene Ausgangssperre wegen steigender Corona-Zahlen, die die Demonstranten auf die Straßen treibt. Kritiker werfen dem autoritär gestrickten Landesvater vor, für die Parlamentswahl am 21. Juni das Versammlungsverbot aufgehoben, das Ausmaß der Epidemie vertuscht zu haben – und die Verantwortung dafür nun bei seinen Landsleuten abzuladen. Auch seine Versicherung, dass die Epidemie „besiegt“ sei, fällt angesichts völlig überfüllter Kliniken und steil steigender Todesraten nun wie ein Bumerang ihn zurück.

Doch haben Serbiens Geheimdienste zur Diskreditierung der Proteste gar ihre Hooligan-Hilfstruppen in die Prügelschlacht gegen die eigene Polizei geschickt?

Von der Politik gesteuerte Hooligan-Gewalt hat in Serbien schon seit den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre Tradition. Ob beim Abfackeln der Barjakli-Moschee (2004) in Belgrad, den Botschaftsbränden (2008) oder den generalstabsmäßig vorbereiten Krawallen bei der Anti-Homophobie-Parade 2010: Zufällig setzen sich die Schlägerhorden abseits der Stadien selten in Bewegung.

„Vucic und die Hooligans – ein Pakt, der schon seit Jahren andauert“, erinnert das Portal „nova.rs“ an die „Ordnungsdienste“ polizeibekannter Hooligans, die Journalisten nicht nur bei dessen Amtseinführung 2017 zu spüren bekamen: Berichterstatter unabhängiger Medien und Oppositionspolitiker wurden an den beiden ersten Protesttagen auffällig häufig zu Opfern von Prügelattacken vermeintlicher Demonstrationsteilnehmer.

Vor einem „schwarz-weiß-Bild“ warnte indes am Freitag der Analyst Djordje Vukadinovic. Nicht alle Jugendlichen, die sich Scharmützel mit der Polizei geliefert hätten, seien „Vucic-Hooligans“. Die Androhung, erneut eine Ausgangssperre zu verhängen, sei nur der Anlass für die Proteste, denen die Unzufriedenheit über die Alleinherrschaft von Vucic zugrundeliege: „Man muss einen Unterschied machen zwischen Provokateuren und jungen Leuten, die beim Kampf gegen das Regime selbst Verletzungen in Kauf nehmen.“

Doch nicht nur die Muskelmänner in schwarzen T-Shirts, die sich schon vor Protestbeginn in den Seitenstraßen und hinter dem Parlament zu versammeln schienen, deuten darauf hin, dass die entscheidende Initiative von gut instruierten Berufsschlägern ausging. In einer vom Portal „dnevnizurnal.com“ veröffentlichten Analyse des Parlamentssturms am Dienstag kommt der Ex-Polizeibeamte Vladimir Savic zu dem Schluss, dass als Hooligans vermummte Agenten der Sondereinheit OPA des Innenministeriums die Krawalle initierten: „OPA-Agenten attackierten und provozierten bewusst die Polizei.“

Die Regierung sieht hingegen ausländische Geheimdienste, Rechtsextremisten und die Opposition beim Versuch eines „Staatsstreichs“ am Werk. Gerät in Serbien Europas erste Regierung über die Corona-Krise ins Straucheln? Die Abgesänge der Demonstranten auf Vucic scheinen verfrüht. Doch steigenden Infektionszahlen dürften spätestens im Herbst vermehrte Entlassungen folgen. „Die Unzufriedenheit der Leute nimmt zu,“ konstatiert Momir Stojanovic, der frühere Chef des Militärgeheimdienst VBA: „Wir werden einen turbulenten Herbst erleben – mit ungewissen Ausgang.“

Der Fußball hat sich als eine der öffentlichsten Bühnen für das Gedenken an das Massaker von Srebrenica vor 25 Jahren herausgebildet – aber auch für Provokationen.

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