Corona-Virus

Erneut Krawalle in Belgrad - Demonstranten dringen in Parlament ein

  • vonThomas Roser
    schließen

Der Protest gegen die Corona-Politik auf den Straßen in Serbien eskaliert. Die Opposition spricht von gesteuerten Hooligan-Attacken, die Regierung von ausländischen Geheimdiensten.

  • Tausende Menschen gehen in Serbien auf die Straße.
  • Sie demonstrieren gegen das Corona*-Krisenmanagement des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic.
  • Die Opposition spricht von gesteuerten Hooligan-Attacken.
  • Erneut große Demonstration in Belgrad
  • Polizei reagiert mit Tränengas
  • Demonstranten stürmen Parlament

Update vom Samstag, 11. Juli 2020, 9.10 Uhr: Eine mehrstündige friedliche Kundgebung in Belgrad gegen die Corona-Politik der Regierung ist nach Angriffen von Randalierern gegen die Polizei erneut von Gewalt überschattet worden. Am Abend drang eine Gruppe nationalistischer Demonstranten gewaltsam in das serbische Parlament ein. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die dann gegen Mitternacht den Ansturm gewaltbereiter Demonstranten mit Knüppeln und Tränengas beendete. Auch Journalisten und fotografierende Demonstranten wurden von Randalierern angegriffen. Nach Medienberichten wurden mindestens 70 Hooligans festgenommen. Mehrere Menschen seien verletzt worden, berichtete die Zeitung „Blic“.

Protestierende warfen am Freitagabend Steine und Flaschen auf das Parlamentsgebäude. Eine Gruppe junger Männer durchbrach das Metallgeländer vor dem Parlament und drang, patriotische Lieder singend, in das Gebäude ein. Die Randalierer wurden dort jedoch von Polizisten erwartet, die sie wieder aus dem Gebäude herausdrängten und eine Kette um den Eingang bildeten. Die Polizisten wurden daraufhin mit Flaschen und Fackeln beworfen.

„Belgrad steht in Flammen“

Erstmeldung: Serbien - Erneut heulten in Serbiens Großstädten die Sirenen der Rettungs- und Streifenwagen durch die Dunkelheit. Der Unmut über vertuschte Corona-Infektionszahlen, überfüllte Krankenhäuser und die beschönigenden Propagandabotschaften der Regierung ließen in der Nacht zum Donnerstag erneut Tausende Demonstranten in Belgrad, Novi Sad, Kragujevac und Nis durch die Straßen ziehen. Blutige Ausschreitungen wurden neben der Hauptstadt vor allem aus Novi Sad vermeldet: Maskierte schleuderten Mülltonnen und Feuerwerkskörper durch eingeschlagene Fenster des Rathauses.

Krawalle in Serbien: Feuer in Belgrad die zweite Nach hintereinander

„Ausländische Geheimdienste und Kriminelle setzen Belgrad in Flammen!“, titelte nach der zweiten Krawallnacht in Folge das regierungsnahe Boulevardblatt „Alo!“. Vom „Versuch eines Staatsstreichs“ sprach Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Und der nach Paris gereiste Präsident Alexander Vucic versicherte seinen Landsleuten: „Trotz der Attacken krimineller Gewalttäter werden wir den Frieden bewahren. Serbien wird siegen.“

Die Opposition wittert hingegen nicht nur hinter den harten Knüppel- und Tränengaseinsätzen der Polizei, sondern auch hinter den Gewaltexzessen rechtsextremer Hooligans die Geheimdienste. Gezielt seien bei den Protesten „Trupps von Hooligans“ auf Oppositionspolitiker angesetzt worden, sagte SSP-Chef Dragan Djilas.

Immerhin im Gespräch: Demonstranten und Polizisten vor dem Parlament in Belgrad. 

Proteste in Serbien: Regierung in Belgrad spricht von Hooligans

Er sei von mehreren Mitgliedern der rechtsextremen „Leviathan“-Bewegung attackiert worden, berichtete der PSG-Vorsitzende Sergej Trifunovic. Die Regierung habe die Hooligans geschickt, um in den Reihen der Demonstranten für „Chaos und Konflikte“ zu sorgen, sagte der Narodna Stranka-Parteichef und frühere Außenminister Vuk Jeremic: „Sie wollen uns gegeneinander aufhetzen.“

Tatsächlich scheinen die heftigen Proteste in Serbien bislang eher spontan, aber ohne klare Zielrichtung zu sein. Die Demonstranten seien überwiegend „sehr junge Leute, voller Energie und Zorn“, sagte der Sicherheitsexperte und frühere Studentenaktivist Strahinja Brajuskovic im Gespräch mit der FR. „Sie sind wütend auf Vucic, wütend über seine Corona-Propaganda, wütend über die Lügen vom goldenen Zeitalter, wütend auf die Opposition, wütend auf alles.“ Die Demonstranten seien weder von der Opposition gesteuert, noch hätten sie klare Ziele, sie seien unerfahren und leicht manipulierbar.

„Die Regierung und Geheimdienste machen sich wieder ihre Strukturen in den Hooligan-Kreisen zunutze, um die Proteste zu radikalisieren, zu brutalisieren, zu teilen – und zu diskreditieren. Aber ich glaube nicht, dass sie damit die Proteste und die Lage in den Griff bekommen. Der Zorn der Leute ist einfach zu groß“, sagte Brajuskovic.

Serbien: Wut treibt Menschen auf die Straße - Hohe Dunkelziffer bei Corona-Infektionen vermutet

Es ist nicht nur die Wut über die vom Präsidenten erst angekündigte und dann wieder zurückgenommene Ausgangssperre, die die Menschen auf die Straße treibt. Sie werfen ihm auch vor, zur Durchführung der Parlamentswahl am 21. Juni fahrlässig das Versammlungsverbot aufgehoben, die Infektionszahlen manipuliert zu haben – und nun die Verantwortung dafür bei seinen Landsleuten abladen zu wollen.

Serbien
Einwohnerzahl6,982 Millionen (Stand: 2018)
HauptstadtBelgrad
PräsidentAleksandar Vucic

Auch seine wochenlange Versicherung, dass die Epidemie „besiegt“ sei, fällt nun auf ihn zurück. Die offizielle Zahl der Infizierten ist erstmals seit April über die Grenze von 350 geklettert, doch die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. (Von Thomas Roser)

Rubriklistenbild: © Darko Vojinovic

Mehr zum Thema

Kommentare