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Ein betagter Häftling in der Justizvollzugsanstalt Singen 

Senioren im Gefängnis

Dement hinter Gittern

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In deutschen Gefängnissen sitzen immer mehr Senioren ein. Doch die Anstalten sind nicht ausreichend auf eine angemessene Unterbringung Alter und Kranker ausgerichtet. 

Im Gefängnis den Lebensabend verbringen – eine trostlose Vorstellung. Doch für eine wachsende Zahl von Straftätern ist sie Realität. Zwar sind von den derzeit rund 50 000 Häftlingen in deutschen Gefängnissen nur rund vier Prozent älter als 60, doch ihr Anteil hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt und seit 1990 nahezu verdreifacht.

Die Zahl der über 70-Jährigen unter den Inhaftierten habe sich sogar vervierfacht, sagt der Kriminologe Thomas Görgen von der Hochschule der Polizei in Münster. Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe: Die Lebenserwartung ist stetig gestiegen, die Menschen werden immer älter und damit auch die Strafgefangenen. Etliche der betagten Inhaftierten säßen bereits seit vielen Jahren ein, sagt der Kriminologe, weil Richter sie zu langen Haftstrafen verurteilt haben, so bei „besonderer Schwere der Schuld“.

Solche sehr langen Strafen seien vor Jahrzehnten noch seltener vorgekommen. Aber daneben gebe es schlicht auch mehr Straftäter im fortgeschrittenen Alter, darunter nicht wenige, die bereits in ihrer Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren und es eben auch dann nicht lassen können, wenn andere längst in die Rente gegangen sind.

Die meisten Gefängnisse in Deutschland allerdings sind nicht auf ältere Insassen eingestellt. Ein zunehmendes Problem, wie die Gerontologin Liane Meyer von der Universität Bielefeld erklärt, die ihre Doktorarbeit über „Alte Inhaftierte in Justizvollzugsanstalten“ geschrieben hat. Die Ergebnisse ihrer Recherchen in acht Gefängnissen in Rheinland-Pfalz stellte sie kürzlich bei der Frühjahrstagung der „Sektion Alter(n) und Gesellschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt vor, wo das Thema „Straffälligkeit im Alter“ ein Schwerpunkt war.

Nur in wenigen Haftanstalten hat man bislang die Bedingungen den Bedürfnissen älterer, körperlich möglicherweise angeschlagenerer und vielleicht sogar gebrechlicher Menschen angepasst. Das gilt für die medizinische Versorgung ebenso wie für die Ausstattung und Freizeitangebote.

Zwar gibt es inzwischen einige Einrichtungen mit speziellen Abteilungen für diese wachsende Gruppe, doch sie sind eine Minderheit. Eine absolute Ausnahme ist die Justizvollzugsanstalt im baden-württembergischen Singen – bundesweit das einzige Seniorengefängnis, wo ausschließlich Männer über 60 einsitzen. Es besteht bereits seit 1970. In dieser Zeit sprach noch niemand von demographischem Wandel. Die damalige Landesregierung erhoffte sich von der Einrichtung eines Seniorengefängnisses vielmehr, damit mehr Ruhe in die Haftanstalten zu bringen und Konflikte zu vermeiden, die durch das Aufeinanderprallen von verschiedenen Generationen entstehen könnten.

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Tatsächlich haben es ältere Häftlinge in „normalen“ Gefängnissen oft schwer, sagt Liane Meyer. Denn noch mehr als „draußen“ gelte in der geschlossenen Welt hinter Mauern eine Hierarchie, bei der die Stärksten an der Spitze stehen. Das wiegt umso schwerer, da ältere Strafgefangene ein stark erhöhtes Risiko für eine psychische Erkrankung haben. Insbesondere litten sie weitaus häufiger als gleichaltrige Menschen in Freiheit unter Depressionen, erklärt die Gerontologin. Auch chronische körperliche Erkrankungen plagen Strafgefangene öfter und früher als den Durchschnitt der Bevölkerung. Bei den von Meyer befragten Häftlingen standen Bluthochdruck, Gelenkverschleiß und erhöhte Blutfettwerte auf der Liste ganz oben.

Überproportional oft kamen auch Durchblutungsstörungen in den Beinen und chronische Lungenerkrankungen (für beides ist Rauchen ein wesentlicher Risikofaktor) sowie Diabetes vor. Auch Hepatitis C ist unter Häftlingen weitaus stärker verbreitet als im Rest der Bevölkerung, Eine der Hauptursachen für diese meist chronisch verlaufende Infektionskrankheit ist gemeinsam benutztes Spritzbesteck beim Drogenkonsum. Viele Insassen sind zudem multimorbid, leiden also unter mehreren Krankheiten gleichzeitig.

Erster Ansprechpartner für all diese Patienten ist der Anstaltsarzt, bei kleineren Gefängnissen kann diese Aufgabe auch ein externer Mediziner als Partner übernehmen. „Strafgefangene sind nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert, das endet mit dem Tag der Inhaftierung“, erklärt Meyer, „eine freie Arztwahl gibt es nicht“.

Patienten jenseits der Gefängnismauern können sich entscheiden, den Arzt zu wechseln, wenn ihnen nicht weitergeholfen wird. Einem Häftling ist das nicht möglich. Sollten seine Symptome die Konsultation eines Facharztes erforderlich machen, so bedeutet das einen enormen Aufwand. Die bestmögliche medizinische Versorgung kann schon deshalb nicht immer gewährleistet sein.

Und auch an ganz praktischen Dingen mangelt es in vielen Gefängnissen, wie Untersuchungen ergeben haben – etwa an Barrierefreiheit, genügend Rollstühlen, erhöhten Betten oder Haltegriffen, die Gebrechlichen in Duschen und neben der Toilette Sicherheit bieten.

Manche Beschwerden kollidieren zudem mit den strengen Regeln, wie sie in einer Haftanstalt herrschen. Meyer nennt hier an erster Stelle die Inkontinenz. Die nachlassende Kontrolle über die Blase ist ein weit verbreitetes Problem, das nicht nur bei Frauen (wie es die Werbung zuweilen suggeriert), sondern auch bei vielen Männern ab der Lebensmitte auftreten kann.

Im Gefängnis, wo bei erkennbarer Schwäche fatale Folgen für die eigene Position in der Gemeinschaft drohen, kann Inkontinenz zur persönlichen Katastrophe werden, schildert die Wissenschaftlerin Meyer: „Als Gefangener darf man außerhalb der eigenen Zelle nicht alleine zur Toilette gehen, sondern muss einen Wärter rufen, der einen dorthin begleitet.“ Wenn jemand unter Dranginkontinenz leide, also plötzlich dringend Wasser lassen muss, könne bei diesem Procedere leicht zu viel Zeit vergehen. Sich Einlagen für die Unterhosen zu besorgen, sei im Gefängnis oft nicht so leicht und zudem mit einem Eingeständnis der Inkontinenz verbunden. Die Folge: „Manche Betroffenen gehen nicht mehr raus aus ihrer Zelle, aus Angst sich in die Hose zu machen.“

Es ist ein Teufelskreis: Das Gefängnis lässt Menschen früher verschleißen, krank und hinfällig werden – ist aber gerade dafür nicht ausgerichtet, sondern orientiert sich eher an fitten jungen bis mittelalten Erwachsenen. Wo die Zahl der älteren Häftlinge wächst, steigt überdies auch die Zahl derjenigen, die eine Demenz bekommen und zum Pflegefall werden. Häufig bleibt dann nichts anderes als ein Wechsel in eine andere Einrichtung.

Die Resozialisierung, die in Deutschland Ziel jedes Strafvollzugs sein sollte, ist bei diesen Gefangenen dann kaum mehr zu erreichen und kann bei der Verurteilung betagter Täter je nach Länge der Haft generell in Frage stehen. Grundsätzlich bedeute eine Strafe „für einen 40-Jährigen nicht das Gleiche wie für einen 80-Jährigen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Theresa Grüner von der Hochschule München.

Sie weist auch darauf hin, dass „höchstrichterliche Rechtsprechung“ vorgebe, dass eine Chance auf ein Leben nach der Haft bestehen müsse. Sollte man deshalb bei Senioren Milde walten lassen und mit anderem Maß als bei jüngeren Tätern messen? Eine ebenfalls bislang wenig beackertes Thema, für das es keine verbindlichen Vorgaben gibt: In Deutschland existiert keine Gesetzesgrundlage, die ein fortgeschrittenes Alter beim Strafmaß ausdrücklich berücksichtigt.

In Italien verhält sich das anders, erklärt Grüner. Dort würden Haftstrafen für über 70-Jährige nur in Ausnahmefällen verhängt. Das Recht sieht für sie Hausarrest oder Sozialstunden vor. Das hat übrigens auch den ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vor dem Gefängnis bewahrt. Der damals 77-Jährige durfte 2014 seine wegen Steuerbetrugs verhängte Strafe als Sozialdienst in einem Seniorenheim ableisten.

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