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Unterstützer des neuen Präsidenten feiern vor der gambischen Botschaft im Senegal.

Yahya Jammeh

Senegal interveniert in Gambia

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„Mindestens eine Milliarde Jahre“ wollte der Diktator von Gambia herrschen. Die sind nun offenbar vorbei: Senegalesische Truppen marschieren ein, um die Demokratie durchzusetzen. Eine Reportage.

Am Donnerstagabend ist es schließlich soweit. Senegalesische Truppen rücken nach Angaben eines Militärsprechers ins Nachbarland Gambia ein. Das Ziel: Präsidenten Yahya Jammeh zur Machtübergabe an seinen gewählten Nachfolger Adama Barrow zu bewegen. Kurz zuvor hatte der UN-Sicherheitsrat dem westafrikanischen Staatenbund Ecowas mit der einstimmigen Annahmen einer Resolution Rückendeckung gegeben.

Schon seit Tagen spitzte sich die Lage in Gambia zu. Die Gerüchteküche brodelte. „Er wird noch heute Nacht das Land verlassen“, sagt der Fahrer, der uns vom Flughafen der gambischen Hauptstadt Banjul abholt am Mittwochabend: Das wisse er von höchster Stelle. Vor wenigen Minuten sei auch Mauretaniens Staatschef hier gelandet, raunt ein europäischer Diplomat, der mit uns in einer ansonsten fast leeren Maschine aus dem benachbarten Senegal gekommen ist. Mohamed Ould Abdel Aziz habe seinen widerspenstigen Amtskollegen noch in letzter Minute zur Besinnung gebracht.

Der Hotelmanager besteht darauf, dass der Präsident schon in einer Ambulanz versteckt zum Flughafen gebracht worden sei: Auf seinem Handy kann er sogar Bilder von einem Konvoi mit Krankenwagen zeigen. Schließlich will ein Hotelgast wissen, dass auch Marokkos Vizepräsident beim dramatischen Finale des jüngsten afrikanischen Possenspiels eine zentrale Rolle spiele. Nur: Einen marokkanischen Vizepräsidenten gibt es gar nicht.

Es ist Mittwoch, 20 Uhr. In vier Stunden läuft die Amtszeit des seit 22 Jahren regierenden Präsidenten Jammeh ab, der für alle Welt überraschend am 1. Dezember die gambischen Wahlen verloren hat. Noch überraschender kam das spontane Eingeständnis des Autokraten, bei dem Urnengang tatsächlich unterlegen zu sein – bis der berüchtigte Kleinstaatherrscher die Zustimmung zu seiner Niederlage eine Woche später doch wieder zurückzog. Seitdem wird die nur knapp zwei Millionen Einwohner zählende Nation von einer Krise geschüttelt, die ihrem Ansehen als Freizeitparadies und „freundlichem Gesicht Afrikas“ (Eigenwerbung) nicht gerade förderlich ist.

Hunderte Touristen wollen schnell weg

In der Abflughalle des Banjuler Flughafens drängeln sich bei unserer Ankunft Hunderte europäischer Touristen, die von Reiseveranstaltern wie Tui und Thomas Cook hastig ausgeflogen werden sollen. Ein britisches Ehepaar, das heute keinen Platz mehr ergattern konnte und erst am nächsten Tag dran sein soll, ist den Tränen nahe. „Wo doch heute Nacht Blut fließen wird!“, jammert der rot gebrannte Herr aus Birmingham.

Das ist gar nicht so weit hergeholt. Auf dem Flughafen der senegalesischen Hauptstadt Dakar war schon eine Transportmaschine der nigerianischen Streitkräfte gelandet, die ein Vorauskontingent von Soldaten der westafrikanischen Supermacht näher ans Krisengebiet brachte. Senegalesische Truppen sollen bereits an der Grenze zu dem fast rundum von Senegal umgebenen Kleinstaat aufmarschiert sein, melden Radiostationen zu dieser Zeit vor Ort: Sie würden, falls sich Jammeh auch seinen Abschied wieder anders überlegen würde, noch in der Nacht nach Gambia vorstoßen.

Das ungewöhnliche Land, das sich am Nord- und Südufer des Gambia-Fluss entlang rund 500 Kilometer weit in den Kontinent hinein erstreckt, weitet sich an seiner breitesten Stelle nur 50 Kilometer aus: Ein Leichtes für die von ghanaischen und nigerianischen Soldaten unterstützte Eingreiftruppe aus dem Senegal, die lediglich gut 1000 Mann starken gambischen Streitkräfte zu überrennen. Entschieden wie noch nie in der afrikanischen Geschichte hat sich der westafrikanische Staatenbund Ecowas hinter den oppositionellen Wahlsieger Barrow gestellt – selbst die ansonsten chronisch unentschlossene Afrikanische Union (AU) erkennt Jammeh nicht länger an.

„Wir werden uns nicht militärisch einmischen“, kündigte Gambias Militärchef Ousman Badjie am Vorabend des Banjuler Frühlings an: „Ich werde meine Soldaten in keinen dummen Kampf verwickeln. Dafür liebe ich sie zu sehr.“ Als es schließlich zur Intervention kommt, soll er sich in Banjul einer Kundgebung von Barrows Anhängern angeschlossen haben, die den Einmarsch feierten.

Am Donnerstagmorgen aber stellen sich noch alle Gerüchte zumindest als verfrüht heraus. Der 51-jährige Ex-Boxer und ehemalige Offizier Jammeh hat sich über Nacht nirgendwo hinbegeben und die westafrikanischen Truppen sind ebenfalls noch nicht in der Hauptstadt aufmarschiert. Dafür haben einheimische Uniformierte Straßensperren errichtet, an denen sie bis an die Zähne bewaffnet aber durchaus freundlich die wenigen Autofahrer kontrollieren, die sich überhaupt noch auf die Straße wagen.

So gut wie alle Geschäfte sind inzwischen geschlossen, deren vornehmlich libanesischen Besitzer haben sich wie Zigtausende von Gambiern aus dem Staub gemacht. Die meisten von ihnen brachten sich in ihren Heimatdörfern auf dem Land in Sicherheit. Den UN zufolge flohen zudem bis zu 25 000 ins Nachbarland. Banjul gleicht einer Geisterstadt. Über den Hotelburgen im „Industrieviertel“ am Atlantikstrand strahlt ein blitzeblauer Himmel: Der Wind ist lau, die Temperaturen paradiesisch. Im Combo Beach Hotel spielt eine Vier-Mann-Band eher gelangweilt alte Bob-Marley-Schlager: Ein grauhaariges Pärchen aus Europa tanzt zwischen leeren Tischen einen wackligen Stehblues dazu. Szenen wie aus einem Fellini-Film.

Der neue Präsident ist schon vereidigt

Im Fußballstadion wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt sollte am Donnerstag eigentlich die Inauguration Adama Barrows zum Präsidenten über die Bühne gehen – der erste demokratische Machtwechsel, den das 52 Jahre alte Land in seiner Geschichte erlebte. Stattdessen liegt die von Chinesen erbaute Arena brach wie eine seelenlose Ruine da. Trotzdem triumphiert der außer Landes geflohene Oppositionschef über Twitter: „Liebe Gambier, die Präsidentschaft Jammehs ist offiziell vorbei. Endlich ist in Gambia eine neue Ära angebrochen.“

Nachmittags um 16 Uhr wird der ehemalige Grundstücksmakler, der genauso alt wie der gambische Staat ist, ohne große Zeremonie in der Botschaft seines Landes in Dakar vereidigt: Allerdings sind zu dem Anlass zahlreiche Gesandte aus aller Welt und Botschafter mehrerer Länder erschienen. Das Ereignis hat schon deshalb mehr als symbolische Bedeutung, als Präsident Barrow nun die internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Beseitigung des „Rebellen“ Jammeh im Präsidentenpalast von Banjul bitten kann: Keine Regierung der Welt erkennt den widerspenstigen Staatschef offiziell noch an.

Was den ehemaligen Boxer, der sich als 29-Jähriger an die Macht geputscht hatte, nachdem er gerade von einer Offiziersausbildung in Fort McClellan im US-Bundesstaat Alabama zurückgekehrt war, dermaßen verbissen an der Macht festhalten lässt, weiß in Banjul keiner zu sagen. Sowohl Marokko wie Nigeria haben dem Präsidenten Asyl angeboten: Der durch allerlei finstere Geschäfte zu sagenhaftem Reichtum gekommene Jammeh hatte keine Zukunft hinter Gittern zu fürchten. Trotzdem bot der gläubige Muslim alle Tricks auf, seiner bereits vor mehreren Jahren geäußerten Prognose zu entsprechen, mit Allahs Hilfe „mindestens eine Milliarde Jahre“ lang zu herrschen.

Nach Jammehs Wahlniederlage schien der Allmächtige seine Meinung allerdings geändert zu haben: Jetzt schickte er seinen Diener dessen Worten zufolge in den verdienten Ruhestand. Schon wenige Tage später sah es allerdings wieder anders aus: „Allah hat mich zum Präsidenten gemacht“, deklarierte der gehorsame Jünger nun: „Nur er kann mich wieder entlassen.“

Zunächst suchte Jammeh seine Wahlniederlage vor dem gambischen Supreme Court anzufechten, hatte allerdings das Pech, dass er bereits vor zwei Jahren fast alle Richter des obersten Tribunals des Landes gefeuert hatte, nachdem sie gegen den Willen des Präsidenten ein Moratorium der Todesstrafe aufrecht erhalten hatten. Nun hätte der Supreme Court bis Mai gebraucht, um über Jammehs Beschwerde entscheiden zu können: Bis dahin hätte sich der Präsident mit dem abgelaufenem Haltbarkeitsdatum allerdings nicht im Amt halten können. Nicht, dass sich der Herrscher, der von sich behauptet, Asthma, Epilepsie und selbst Aids mit Bananen und Gebeten heilen zu können, aus der Verfassung allzu viel machen würde: Doch seine Kollegen im Staatenbund Ecowas hatten inzwischen die Geduld mit dem Relikt aus einer vergangenen Zeit verloren.

Im Gegensatz zum Osten und vor allem dem Süden des Kontinents, wo mehrheitlich noch immer die Abkömmlinge ehemaliger Befreiungsbewegungen an der Macht sind, hat sich in den 15 Mitgliedsstaaten der Ecowas längst ein bedeutungsvoller Generationenwechsel vollzogen. Die Präsidenten aller einflussreichen westafrikanischer Nationen – ob Nigerias, Ghanas, des Senegals oder der Elfenbeinküste – waren einst selbst Oppositionschefs und wissen aus eigener Erfahrung, wie verbissen und verhängnisvoll sich die alten Amtsinhaber an ihrer Macht festzuklammern suchen. Keiner erinnert sich besser daran als der Ivorer Alassane Ouattara, der im Jahr 2011 ebenfalls die militärische Hilfe des Staatenbundes Ecowas sowie der einstigen französischen Kolonialmacht brauchte, um den inzwischen vor dem Den Haager Strafgerichtshof angeklagten Wahlverlierer Laurent Gbagbo aus dem Amt zu jagen.

Jammeh nahm die Entschlossenheit seiner Amtskollegen offenbar nicht ernst genug. Er suchte sich noch an der Macht zu halten, indem er am Dienstag den Ausnahmezustand ausrief und das Parlament – von dessen 53 Mitglieder 48 seiner Partei angehören – eine Resolution verabschieden ließ, die ihm noch weitere drei Monate im Amt bescheren sollte. Der Entschluss erwies sich allerdings weder als verfassungsrechtlich haltbar noch als politisch relevant: Der Stern des ewigen Regierungschefs glüht aus. Immer mehr Mitglieder des Kabinetts haben inzwischen ihr Amt niedergelegt: Mit der Benennung neuer Minister, die schon wenige Stunden später wieder ihre Demission einreichten, kam der einst gefürchtete Autokrat gar nicht mehr mit. Als schließlich selbst sein Vize das Handtuch warf und das Land verließ, löste Jammeh seine gesamte Regierung am Donnerstag kurzerhand auf.

Schon lange zuvor hatten die Ecowas-Präsidenten entschieden, dass sie den renitenten Kollegen notfalls mit Gewalt aus seinem Banjuler Amtssitz holen würden. Dessen Image als einer der letzten feudalen Führer Afrikas, die ihre Kontrahenten im Gefängnis foltern lassen und sich schamlos an den Staatseinnahmen bereichern, passt nicht mehr zu dem Bild, das der politisch und wirtschaftlich erwachende Kontinent von sich vermitteln will.

Auf Antrag Senegals verabschiedete der UN-Sicherheitsrat in New York wenig später eine Resolution, die Ecowas Unterstützung für eine Lösung des Machtkampfs in Gambia gibt. Ein konkretes Mandat für ein militärisches Eingreifen ist die Resolution nicht, das braucht die Ecowas für einen Einsatz aber auch nicht unbedingt. Am Abend melden die senegalesischen Streitkräfte dann, dass der Einmarsch begonnen habe. Zeugen berichten Nachrichtenagenturen zufolge von Gefechtslärm an der Grenze und langen Kolonnen von Militärfahrzeugen mit schwerbewaffneten Soldaten.

Einen Krieg zu beginnen, sei einfach, man müsse jedoch auch an die Folgen denken, warnte Gambias stellvertretender UN-Botschafter Samsudeen Sarr, der im Gegensatz zu seinem Chef zumindest bislang noch dem alten Präsidenten loyal ist: Mehr als ein Dutzend abtrünniger Diplomaten wurden von Jammeh gefeuert. Gerüchten zufolge hat der belagerte Ex-Präsident liberianische Söldner angeheuert, die zusammen mit der Präsidentengarde seinen Palast schützen sollen: Schon vor zwei Jahren hatten sie einen Putsch vereitelt. Dieses Mal steht dem exzentrischen Herrscher jedoch die ganze Welt gegenüber: „Ich gebe ihm höchstens noch ein, zwei Tage“, sagt der 28-jähriger Blogger Abdullahi, der sich am Donnerstag bereits mit dem oppositionellen T-Shirt „Gambia hat entschieden“ auf die Straße wagte: „Endlich sind wir frei“.

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