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In der Keupstraße verübte die Terrorgruppe NSU 2004 einen Nagelbombenanschlag
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In der Keupstraße verübte die Terrorgruppe NSU 2004 einen Nagelbombenanschlag

NSU-Terror

Semiya Simsek: „Warum tut Deutschland so, als habe es kein Problem mit Rassismus?“

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Buchautorin und Pädagogin Semiya Simsek spricht über den Schmerz der Angehörigen von NSU-Opfern, den Kampf gegen den Rassismus und die bleibenden Gefahren.

Frau Simsek, vor zehn Jahren, am 4. November 2011, flog der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) auf. Damit war auch klar, wer am 9. September 2000 Ihren Vater ermordet hatte. Können Sie sich daran erinnern, wie Sie 2011 davon erfahren haben?

Ich weiß noch, dass das ein Wochenende war. Ich habe das zufällig durch meinen Bruder Abdulkerim mitbekommen, der hatte es im Radio gehört. Ich habe erst einmal gesagt: Wir warten jetzt ab bis Montag, dann rufen die uns bestimmt an.

Die Ereignisse haben sich dann sehr schnell überschlagen. Wie waren Ihre ersten Gefühle zu den Enthüllungen zum NSU?

Das war erst einmal ein Schock für uns. Es ging alles wahnsinnig schnell in dieser Zeit. Ich habe auch gleich dieses schreckliche NSU-Bekennervideo gesehen. Die Erkenntnis, dass mein Vater aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Identität sterben musste, war erschütternd für uns. Zugleich war ich aber auch sehr erleichtert, weil wir jetzt wussten, von wem und warum er ermordet wurde. Die Täter waren auf einmal für uns klar. Davor hatten wir elf Jahre in der Luft gehangen, wir wussten ja gar nichts.

Und Sie waren als Familie sogar Verdächtigungen ausgesetzt.

Klar, von meinem Vater hieß es, er habe mit Drogen zu tun gehabt. Dann wurde von „Dönermorden“ geredet, und dann wurden wir als Familie noch kriminalisiert! Sogar meine Mutter wurde ja beschuldigt, dass sie mit dem Mord etwas zu tun habe. Insofern: Klar waren wir erleichtert. Aber eben auch in einem völligen Schockzustand. Du fühlst dich in diesem Land zu Hause, fühlst dich angekommen, und dann merkst du, du bist doch anders, und dein Vater musste deshalb sterben. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sich das angefühlt hat.

Semiya Simsek ist direkte Betroffene der NSU-Vorfälle. Auch 10 Jahre nach der Tat will sie das Thema aktuell halten. (Archivfoto)

NSU-Komplex nie vollständige aufgeklärt: Viele Fragen bleiben offen

Auf der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des NSU, auf der Sie eine Rede gehalten haben, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel lückenlose Aufklärung versprochen. Ist dieses Versprechen gehalten worden?

Definitiv nicht. Dieser Prozess in München hat fünf Jahre gedauert, es gab die ganzen Untersuchungsausschüsse, aber für mich als Tochter sind viele Fragen immer noch offen. Nach welchen Kriterien wurden die Opfer ausgesucht? Ich gehe nicht davon aus, dass sie Zufallsopfer waren. Warum ausgerechnet mein Vater? Und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es Helfershelfer gab. Wer sind die? Warum hört man nichts von Ermittlungen gegen die? Und am Ende des Prozesses wurde an uns, die Angehörigen, kein einziges Wort gerichtet. Kein einziger Satz. Man ist im Urteil auf die Familiensituation der Täter eingegangen, aber was ist denn mit meiner Familie?

Bleibt der NSU-Komplex für Sie also eine offene Wunde, die nicht verheilt?

Die Wunde wird immer bleiben, die heilt nicht. Und es wird auch nichts für die Heilung getan. Ich möchte einfach meine Fragen beantwortet bekommen. Man hat zwar viel gemacht für die Aufklärung, aber es ist einfach kein Ende in Sicht. Warum tut man immer nur so, als habe der NSU aus drei Leuten bestanden? Warum tut Deutschland so, als habe es kein Problem mit Rassismus?

Vorfälle in Hanau: „Es ist der gleiche Schmerz“

Sie haben sich in den Jahren nach 2011 stark eingemischt, Interviews gegeben, den Prozess besucht, waren in Talkshows, haben das Buch „Schmerzliche Heimat“ geschrieben. Würden Sie heute sagen, dass dieser Kampf um Gerechtigkeit und Erinnerung sich gelohnt hat?

Natürlich hat sich das gelohnt, es hat mir ja auch Kraft gegeben. Die ganzen Auftritte, das Buch. Wir wollten ja verhindern, dass man die Opfer vergisst. Man darf sie niemals vergessen. Gamze Kubasik und ich sind als Töchter an die Öffentlichkeit gegangen, und heute sehe ich, wie die Betroffenen des Anschlags von Halle sich einmischen und Forderungen haben. Die sehen uns als Vorbild, und so etwas ist schon schön. Ich werde auch niemals in den Hintergrund treten. Solange ich kann, werde ich weitermachen.

Zur Person

Semiya Simsek, 35, ist Pädagogin und wurde im hessischen Friedberg geboren. Am 9. September 2000 wurde ihr Vater, der Blumengroßhändler Enver Simsek, von der Terrorzelle NSU an seinem Verkaufsstand in Nürnberg niedergeschossen. Er starb zwei Tage später.

Im Februar 2012 hielt Semiya Simsek bei der Gedenkfeier für die NSU-Opfer eine vielbeachtete Rede, 2013 erschien ihr Buch „Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater“. Es wurde unter dem Titel „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ verfilmt.

Heute lebt Simsek mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Türkei, sie kommt regelmäßig nach Deutschland. han imago images

Das sagen auch die Überlebenden und Angehörigen des rassistischen Anschlags in Hanau ...

In Hanau habe ich Abitur gemacht, in der Nähe der Tatorte haben wir uns am Wochenende aufgehalten. Es hätte mich auch treffen können. Ich fühle den Schmerz, den die Familien haben. Es ist der gleiche Schmerz.

Es wird derzeit oft gesagt, nach den Anschlägen von Hanau sei die öffentliche Reaktion anders gewesen als beim NSU. Haben Sie den Eindruck, dass es in der Gesellschaft ein Umdenken gibt?

Ich kriege mit, dass nicht mehr ganz so viele Fehler gemacht werden wie bei uns. Dass es mehr Mitgefühl gibt. Ich denke schon, dass sich da was getan hat. Viele Menschen wollen nicht mehr so blind sein für den Rassismus. Dafür haben wir uns ja auch diese ganze Mühe gegeben, dass sich etwas ändert.

Vom Terror betroffen: Die Thematik muss aktuell bleiben

Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang hat kürzlich gesagt, so etwas wie der NSU könne wegen der Reformen in den Sicherheitsbehörden heute nicht mehr passieren. Überzeugt sie das?

Nein. Wenn man sieht, was in Halle passiert ist, was in Hanau passiert ist – wie kann man da sicher sein, dass das nicht morgen wieder passiert? Und in den letzten zehn Jahren ist ja auch sonst viel geschehen. Die Pegida-Aufmärsche, der Mord an Walter Lübcke, der NSU 2.0, es geht ja immer weiter. Da ist der Staat, da sind Justiz und Politik gefordert. Sonst kommen wir nicht voran.

Haben Sie eigentlich Kontakt zu den Betroffenen aus Hanau oder Halle?

Mein Bruder war schon öfter in Hanau. Und ich werde am 4. November ein paar Frauen kennenlernen, die in Halle aktiv sind. Ich möchte mich mit ihnen austauschen, wie sie mit dem Anschlag umgehen, wie die Behörden mit ihnen umgegangen sind, wie sie sich an die Öffentlichkeit wenden. Und ich möchte sie stärken.

Semiya Simsek.

Zum 10. Jahrestag des Bekanntwerdens des NSU gibt es Medienberichte, Veranstaltungen und Diskussionen. Wird genug an den NSU und die Opfer erinnert?

Wenn der 4. November kommt, wird sicher groß in den Medien berichtet. Aber sonst? Wir müssen uns überlegen, wie wir das Thema aktuell halten können. Es muss in die Schulbücher, in die Jugendarbeit. Wir müssen unsere Kinder anders erziehen, anstatt nur Presseartikel zu Jahrestagen zu schreiben. Wir müssen über Rassismus sprechen, zum Umdenken anregen.

Das Leben danach: „Damit kann ich nicht abschließen“

Sie leben heute mit Ihrer Familie in der Türkei. Ist Deutschland für Sie im Alltag weit weg oder sehr präsent?

Ich lese jeden Tag Nachrichten aus Deutschland. Deutschland ist meine Heimat. Aber ich bin heute weder in Deutschland noch in der Türkei wirklich zu Hause. Ich habe das Gefühl, ich gehöre nirgendwo wirklich hin.

Begleitet der Mord an Ihrem Vater Sie noch jeden Tag?

Durch den 20. Todestag meines Vaters im vergangenen Jahr und die ganzen Anfragen jetzt bin ich wieder voll drin. Wenn das alles vorbei ist, ziehe ich mich erst einmal zurück. Aber dass mein Vater tot ist, dass meine Kinder ihren Opa nicht kennengelernt haben und nach ihm fragen, wenn wir zu seinem Grab gehen, das bleibt. Diese Zeit ohne ihn, was wir alles verpasst haben, was uns geklaut wurde, das macht mich immer noch wütend. Damit kann ich nicht abschließen.

Interview: Hanning Voigts

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