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Wolodymyr Selenskyj schweigt und lauscht.

Ukraine

Selenskyjs Dauer-Befreiungsschlag

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Der ukrainische Präsident palavert 14 Stunden lang mit der Presse über den Donbass und alles. Am Ende fehlt echte neue Politik aber es gibt etwas mehr Sympathie.

In der Nacht zu Freitag hat Wolodymyr Selenskyj einen neuen Weltrekord aufgestellt – sehr Guinness-Buch-verdächtig. Der Ex-TV-Komiker antwortete in einem Kiewer Food-Market 14 Stunden lang auf Fragen von über 300 Journalisten. – die längste Pressekonferenz, die je ein Politiker gegeben hat.

Aber hatte er auch was mitzuteilen? Schon. Selenskyj hat einen Plan B zum Minsker Friedenskonzept. „Wenn ich im Normandie-Format merke, dass kein Dialog stattfindet, dann gibt es auch kein Geschäft“, sagte der ukrainische Präsident. „Dann werden wir eine andere Variante suchen.“ Das wirft Fragen nach Inhalt auf. Wieder Selenskyj: „Wenn der Weg zur Rückgabe unserer Gebiete endlos lang wird, sind die Menschen die Priorität.“ Kiewer Politologen mutmaßen jetzt, dass er offenbar bereit ist, die Rebellengebiete im Donbass lange, vielleicht sogar endlos lang abzuschreiben …

Auch auf dem Food-Market ging Selenskyj auf volles Risiko; Ständig saßen sieben bis zehn Reporter am Tisch, alle 30 Minuten wurde gewechselt. Und Nachfragen gab es auch – im Gegensatz etwa zu Wladimir Putins zarischer Jahrespresseshow. Zum Teil geriet es recht aggressiv, Selenskyj parierte, stritt, ereiferte sich. „Wirklich ungewöhnliches hat er nicht gesagt“, urteilt der Politologe Vadim Karasjew über den Gehalt des Guinness-Rekordbuch-Interviews. „Aber das war wohl das richtige Format für einen Staatschef, dessen politische Linie noch immer unklar ist.“

Der Pressemarathon gilt als Befreiungsschlag. Der Präsident scherte sich bisher wenig um die Kiewer Medien, seine Pressesprecherin ist als zickig verschrien. Und am Wochenende demonstrierten etwa 10 000 Menschen gegen seine Zustimmung zur „Steinmeier-Formel“, hinter der Patrioten eine Kapitulation im Minsker Prozess befürchten. Selenskyj, dessen Popularitätsrate noch im September bei 71 Prozent lag, wollte mit seinem Palaver offenbar verhindern, dass die öffentliche Stimmung umschlägt.

Er bekannte sich zum Frieden, schimpfte auf Vorgänger Petro Poroschenko und verteidigte sein Telefonat mit Donald Trump, zwischendurch aß er Pizza und klagte, er habe keine Zeit mehr, zum Friseur zu gehen. Und entschuldigte sich persönlich bei einem Journalisten, der gegen die „Steinmeier-Formel“ protestiert hatte, für die Worte seines Bürochefs Andrij Bohdan, die Demonstranten seien bezahlt gewesen. Und er wirkte ehrlich dabei.

Auch der oppositionelle krimtatarische Blogger Aider Muschdabajew lobte Selenskyj später als guten Menschen, mit dem er gern ein Bier trinken ginge. Aber Selenskyjs Vision von Frieden mit Putin sei fatal. Selenskyj dagegen spekulierte im Food-Market, vielleicht seien die Russen nach fünf Jahren Krieg ermüdet. Und Politologe Karasjew schließt nicht aus, der Ukrainer habe schon mal für künftige Endlosverhandlungen mit dem Kremlchef trainiert.

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