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Die Inszenierung des Wolodymyr Selenskyj – Vom TV-Star zur Ikone im Ukraine-Krieg

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Von: Martin Benninghoff

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Wolodymyr Selenskyj ist drei Jahre Präsident der Ukraine. Der frühere TV-Star hat eine Wandlung durchgemacht. Die Inszenierung bleibt – auch im Ukraine-Krieg.

Kiew – Luxusuhren, nichts als Luxusuhren. Patek Philippe, Hublot, Vacheron Constantin, welche Marke auch immer: Der Anfang des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj liegt in einem Geschäft für luxuriöse Armbanduhren, zumindest im Fernsehen. In der Serie „Diener des Volkes“ spielt Selenskyj, damals noch kein Präsident, den verängstigten Geschichtslehrer Wassyl Holoborodko, der über Nacht ins Kiewer Staatsamt gespült wird. Nur weil seine Schüler:innen ein Video mit seiner Wutrede gegen die Korruption in der Ukraine online gestellt haben, das viral geht. Der Lehrer hält Hublot für einen Schriftsteller, den er nicht kennt.

Er wird in den Tagen danach dazulernen. Als ein düsterer Politikberater ihm nach seiner überraschenden Wahl steckt, dass ein gewisser Wladimir Putin eine solche sündhaft teure Armbanduhr tragen soll, nickt der Geschichtslehrerpräsident. Putin, den kennt er aus dem Fernsehen. Immerhin! Dass er mit dem russischen Präsidenten in der Welt der Politik und des Luxus gleichziehen soll, daran mag er zu jenem Zeitpunkt noch nicht so recht glauben.

Die Szene in „Diener des Volkes“ ist 2015 gedreht worden, sieben Jahre vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar dieses Jahres. Wolodymyr Selenskyj, der an diesem Freitag drei Jahre im Amt ist, war damals Schauspieler, Comedian und Fernsehproduzent, eine Art Stefan Raab der ukrainischen TV-Unterhaltung. Putin hatte da bereits mehr als 15 Jahre an der Staats- oder Regierungsspitze auf dem Buckel, die tschetschenische Hauptstadt Grosny in Schutt und Asche legen lassen und die ukrainische Krim annektiert.

Vor dem Ukraine-Krieg: Der Aufstieg von Wolodymyr Selenskyj

Selenskyj wurde 2019 zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Die Koketterie im Drehbuch der Serie – hier der schwachbrüstige Ukrainer, dort der übermächtige Kremlherrscher – erscheint sieben Jahre später angesichts des Krieges wie eine düstere Prophezeiung. Bei der einem freilich das Lachen im Hals stecken bleibt: Das russische Fernsehen hat die Szene mit Putins Luxusuhr zensiert. Und in diesem Jahr haben Putins Häscher offenbar versucht, Selenskyj in Kiew zu schnappen und umzubringen. Selten nimmt Fiktion derart die Realität vorweg.

Wolodymyr Selenskyj bei einem TV-Auftritt.
Bild aus besseren Zeiten: Selenskyj bei einem Auftritt in Kiew rund ein Jahr vor seiner Wahl ins Präsidentenamt und lange vor Beginn des Ukraine-Kriegs. © Pacific Press Agency/Imago Images

Selten schafft es ein Schauspieler wie Selenskyj in die professionelle Politik. Selbst die Schauspieler Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger waren dagegen Novizen – Reagan brauchte acht Gouverneursjahre, bis er sich ins Weiße Haus traute. Und Schwarzenegger hat es als gebürtiger Österreicher nie über die kalifornische Politik hinaus geschafft.

Nach dem großen Erfolg der Serie in der Ukraine reifte im Umfeld des Hauptdarstellers die Idee, aus der Fiktion Wirklichkeit werden zu lassen. Seine Partei sollte denselben Namen bekommen – „Diener des Volkes“. Für die Öffentlichkeit verschwammen die Fernsehfigur und der smarte Vierziger, der anders aussah als die Oligarchen oder Politiker vom Schlage seines Kontrahenten, des Präsidenten Petro Poroschenko. Selenskyj wirkte smart, cool, jung, als Hoffnungsträger wurde er zur Projektionsfläche, auch dank maximal vager Aussagen und mit Hilfe seines Heimatsenders „1+1“, der mehrheitlich einem Oligarchen gehört. Selbst das nahm Selenskyj in der Serie vorweg: Der Geschichtslehrer spricht, angesprochen auf die Finanzierung, von „Crowdfunding“. Irgendwo wird das Geld schon herkommen.

Selenskyj und der Ukraine-Krieg: Vom politischen Betriebsunfall zum starken Mann in Kiew

Im Ausland galt der Comedian lange als politischer Betriebsunfall, ähnlich wie der Reality-Star Donald Trump. Das Narrativ vom naiven Komiker dürfte auch Putin in seiner Haltung bestärkt haben, Selenskyj nicht allzu ernst zu nehmen. Der aber ließ sich nicht unterkriegen und inszenierte sich als starker Mann in Kiew, organisierte einen Gefangenenaustausch im Donbass-Krieg und bot an, sein Präsidentenamt niederzulegen, wenn dies nur dem Frieden im Osten seines Landes diene – so viel rhetorische Entschlossenheit beeindruckte.

Innenpolitisch nahm sein Image spätestens im zweiten Jahr seiner Amtszeit Schaden. Er hatte versprochen, den Krieg zu beenden. Weit gefehlt! Die Wirtschaft stagnierte, und dann sollte er auch noch einen Teil seines Vermögens im Ausland geparkt haben. Ausgerechnet der smarte junge Präsident, der der Korruption den Kampf angesagt hatte.

Das Kapitel des Präsidenten Selenskyj hätte an dem Punkt schon enden können. Doch mit dem monatelangen Aufmarsch russischer Truppen an der ukrainischen Grenzen fand der frühere Schauspieler die Rolle seines Lebens. Noch in der Nacht der Invasion hielt er eine historische Ansprache, zuerst auf Ukrainisch, dann an die russische Öffentlichkeit gewandt auf Russisch. Eindringlich erinnerte er, der frühere Sowjetbürger mit jüdischen Wurzeln, daran, dass die Kreml-Propaganda angeblicher Nazis in Kiew nur ein Witz sein könne, ein schlechter wohlgemerkt. „Wie kann ich ein Nazi sein?“

Wolodymyr Selenskyj: Der Gegenentwurf zu Putin im Ukraine-Krieg

Der seichte Unterhaltungsstar wurde über Nacht zum charismatischen Kriegspräsidenten. Die Welt konnte Selenskyjs Verwandlung vor allem durch die sozialen Medien in Echtzeit verfolgen. In dieser Hinsicht ist er ein Virtuose: Selenskyj gab zu Kriegsbeginn Interviews vor Sandsackbarrikaden, seitdem ließ er sich praktisch in jedes relevante Parlament schalten. In der ersten Woche der Invasion tauschten Selenskyj und die gesamte Regierungsmannschaft die Anzüge gegen Tarnkombis oder zumindest olivgrüne Hosen und T-Shirts. Ob das aus militärischer Hinsicht nötig ist, sei dahingestellt – die Bilder entfalten ihre Wirkung.

Der klein gewachsene, aber stämmig gebaute Präsident sieht zwar müde aus, er wirkt aber weiterhin entschlossen und zupackend – und stellt sein eigenes Schicksal in den Dienst seines Landes. Als ihn die US-Amerikaner ausfliegen wollten, formulierte er prägnant wie kein anderer: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Ein Satz, der über Facebook, Twitter, Instagram und Telegram um die Welt ging.

Selenskyj ist damit zu Putins Gegenentwurf geworden. Während der russische Präsident, aufgedunsen und mit hasserfülltem Gesicht von „Entnazifizierung“ oder „Entwaffnung“ der Ukrainer:innen faselte, sagte Selenskyj in die Kamera, dass er seine Frau Olena und die Kinder vermisse, die in Sicherheit gebracht worden seien. Die Botschaft: Er ist Vater, Ehemann, einfacher Bürger. Und Putin? Diktator, Unmensch, Kriegsverbrecher. Putin spricht die Sprache des Faschismus, Selenskyj klingt wie Robert Habeck an der Front: „Es schneit. Ein Frühling, der so ist wie der Krieg“, sagte er in einem Telegram-Video. „Es ist so traurig. Aber alles wird wieder normal. Wir werden siegen.“ Auf Trauer folgt Bestärkung, auf Melancholie Optimismus. Bei Twitter hat Selenskyj 6,2 Millionen Follower:innen, Olaf Scholz kommt auf 550.000.

Happyend für Selenskyj? Der TV-Star im Ukraine-Krieg

Doch Selenskyj ist nicht der postheroische Präsident, für den ihn manche halten. Seine Handyvideos im Regierungsviertel von Kiew strotzen auch vor martialischer Männlichkeit, manchmal wirkt sein Kriegskabinett wie eine olivgrüne Frontboygroup. Im Spiegel des russischen Präsidenten, der mit nacktem Oberkörper auf Bärenjagd geht, wirken die Posterboys um Selenskyj dennoch zeitgemäßer, moderner – und harmloser. Selenskyj kraftmeiert weniger als Putin; während die Züge des russischen Präsidenten erstarrt sind, menschelt Selenskyj wie ein Zivildienstleistender, der in den Krieg geworfen wurde.

Selenskyjs Stil, seine Reden und Auftreten bleiben dennoch Inszenierung, selbst wenn die Rahmenhandlung bittere Realität ist. Doch wer möchte ihm das, der sein Leben riskiert, zum Vorwurf machen? Am Ende hat Selenskyj eine Ernsthaftigkeit gefunden, wie sie sein Alter Ego, der Geschichtslehrer, von Beginn an hatte. Zum Schluss der Serie reicht ihm jemand das Telefon, es ist der russische Präsident. „Putin?“, fragt er. Nein, Russland habe einen neuen Präsidenten. „Was, Sie?“, fragt Holoborodko. Es ist ein Happyend mit halboffenem Ausgang. Bleibt nur die Frage, wie viel Happyend der echte Selenskyj in diesem Krieg erleben wird. (Martin Benninghoff)

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