Die Anteilnahme am Tod Samuel Patys ist groß.
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Die Anteilnahme am Tod Samuel Patys ist groß.

Frankreich

Selbstzensur im Klassenzimmer

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Nach dem Tod des Geschichtslehrers Samuel Paty berichten viele Lehrkräfte aus Pariser Vororten von ihren Problemen im Unterricht.

Die „nationale Hommage“ für den am letzten Freitag ermordeten und enthaupteten Geografie- und Geschichtslehrer Samuel Paty war am Mittwochabend nicht von ungefähr in der Pariser Sorbonne-Universität geplant: Dieser „Tempel des Wissens“ sei ein Symbol der Aufklärung und Bildung, erklärte ein Berater des Präsidenten Emmanuel Macron vor dessen feierlicher Ansprache.

Ebenso viel Interesse wecken derzeit Aussagen von Lehrerinnen und Lehrern, die wie Paty in den Vororten von Paris unterrichten und auf ähnliche Widerstände stoßen. Und das, ohne dass sie auch nur die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus dem Satireheft Charlie Hebdo thematisieren.

Ihr Befund ist eigentlich nicht neu: Der Chef-Schulinspektor Jean-Pierre Obin hatte schon 2004 über 60 Mittelschulen analysiert und Alarm geschlagen, weil Schüler:innen den Unterricht dort mit islamistischen Thesen zu stören suchten. Sie oder ihre Eltern stellten mehr und mehr den Holocaust infrage, meinte er beispielsweise.

Bloß war dieser 37-seitige Bericht nie erschienen. Der damalige Premierminister François Fillon beerdigte ihn mit dem Vorwand, die Publikation könnte das Leben französischer Geiseln im Irak gefährden. Jetzt berichten die Pariser Medien ausführlich darüber. In der Zeitung „Le Parisien“ erzählten betroffene Lehrkräfte, ohne ihre richtigen Namen zu nennen, über ihren schwierigen Banlieue-Alltag. Eine „Aurélie“ schilderte, wie sie vor den neunjährigen Kindern in ihrer Klasse über Esel, Schweine und andere Tiere gesprochen habe – um darauf eine Elternnotiz im Schulheft zu finden, sie solle ihren Schützlingen doch bitte keine „verbotenen“ Worte wie „Schwein“ in den Mund legen. Die Lehrerin informierte die Schulleitung nicht, da sie, wie sie sagte, in solchen Fällen „ohnehin keine Unterstützung“ erhalte.

Andere Lehrkräfte berichten, sie stießen neuerdings sogar im Geometrieunterricht auf Einwände, wenn ein Konstrukt zu sehr an ein Kreuz erinnere. Eine gewisse „Marie“ erzählte in der Zeitung, sie habe immer mehr Mühe, die Evolutionstheorie „durchzubringen“. Seit September hätten Schulkinder bei ihr schon dreimal auf der religiösen Sicht der Weltwerdung beharrt. „Was Sie sagen, ist falsch“, habe ihr einer bedeutet. „Mit Ihrem Darwin brauchen Sie uns nicht mehr zu kommen.“

Die gleiche Lehrerin erzählte auch, sie erhalte nach jedem Sexualunterricht Kommentare wie „Sie sollten sich schämen“, oder: „Ihr Franzosen steht zu sehr ‚darauf‘.“ Dabei hält sich „Marie“ keineswegs für eine Verfechterin eines harten Laizismus. Als ihr eine Schülerin geklagt habe, sie würde von ihren Eltern geschlagen, wenn sie ein Biologieheft mit schematischen Darstellungen der Geschlechtsteile nach Hause bringe, habe sie als Lehrerin zugestimmt, dass das Mädchen das Heft in der Schule lassen könne.

Es gibt Tabuthemen

Die Pariser Medien sprechen nach der barbarischen Enthauptung des Lehrers Paty vom „Ende der Omertà“, des Schweigegesetzes. Der Verband der französischen Geschichts- und Geografielehrer:innen, Clionautes, gibt allerdings zu bedenken, dass sich ihre Mitglieder „weiterhin alleingelassen“ vorkämen.

Dabei räumen viele Lehrkräfte ein, dass sie den dornenreichsten Themen wie der Meinungsfreiheit und den Mohammed-Karikaturen aus dem Weg gingen. „Wir sitzen auf glühenden Kohlen“, meinte eine Lehrerin im Linksblatt „Libération“. „Man muss höllisch aufpassen, was man sagt und wie man es sagt.“ Das gelte vor allem bei Themen wie dem Nahostkonflikt oder dem Koran.

Wie repräsentativ solche Aussagen sind, ist schwer zu sagen. Zwischen September 2019 und diesem März zählten die Schulbehörden 935 Angriffe auf den Laizismus, das heißt die in Frankreich geltende strikte Trennung von Kirche und Staat. Diese relativ überschaubare Zahl – bei 67 Millionen Menschen im Land – stagniert, wie Bildungsminister Jean-Michel Blanquer diese Woche erklärt hat.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein. Die Rechtspolitikerin Nadine Morano erklärte, all diese kleinen Laizismusverstöße seien heute so alltäglich, dass sie gar nicht mehr gemeldet würden. Häufig wüssten die Schuldirektionen nicht, wie sie einschreiten sollten. Etwa, wenn Kinder in der Grundschule den Fastenmonat Ramadan befolgten und zu geschwächt für Unterricht seien.

Solche Beispiele nennt Obin in seinem neuen Buch „Wie wir den Islamismus in die Schule eingelassen haben“. Die Zeitung „Le Monde“ kommentierte zufällig wenige Stunden vor der Ermordung Samuel Patys, es gelte „die Proportionen zu wahren“. Obin dramatisiere die Lage zu stark: Laut einer Umfrage von 2018 hätten nur neun Prozent der französischen Lehrer:innen die Stimmung an ihrer Schule als „gespannt“ bezeichnet.

Man könnte dagegenhalten: Dieser Prozentsatz entspricht in etwa den Banlieue-Zonen, wo der Islamismus grassiert. Dort sind die Spannungen wirklich die Norm. Und die Schulen oft letzte Bollwerke der Republik gegen den Vormarsch der Religion.

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