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Selbstbestimmungsgesetz: „Trans* Frauen sind Frauen. Und Trans* Männer sind Männer“

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Von: Katja Thorwarth

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„Emma Terfs ins Klo“ steht auf dem Aufgang zu dem Alice Schwarzers „Emma“-Redaktion.
„Emma Terfs ins Klo“ steht auf dem Aufgang zu dem Alice Schwarzers „Emma“-Redaktion. © Christoph Driessen/dpa

Die Bundesregierung will trans* Menschen die Änderung des amtlichen Geschlechtseintrags erleichtern. LSVD-Vorstand Pantisano zum Thema im Interview.

Herr Pantisano, im Tagesspiegel haben Sie Ihre Community zu mehr Solidarität mit trans* Menschen aufgerufen. Warum denken Sie, dass solch ein Aufruf nötig ist?
Seit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare haben sich manche Schwulen, Lesben und Bisexuelle ein Stück weit zurückgelehnt, vielleicht in dem Glauben, jetzt sei alles erreicht. Dem ist aber nicht so, wie wir eben am menschenunwürdigen Transsexuellengesetz sehen, welches nun bald abgeschafft werden soll. Daher ist meine Bitte und Forderung an die queere Community: Lasst uns die trans* Community unterstützen, sie brauchen uns jetzt mehr denn je.

Sie werfen der queeren Community Egoismus vor. Können Sie das konkretisieren?
Gesagt habe ich, dass man im Diskurs meinen könnte, dass die errungenen Selbstverständlichkeiten die queeren Communities stiller, zufriedener, egoistischer haben werden lassen. Es sieht hin und wieder so aus, als ob wir uns zurücklehnen und aus den Augen verlieren, dass es auf dem Weg nach 100%-Gleichstellung noch viel zu tun gibt. Das Transsexuellengesetz muss abgeschafft werden, bei der Blutspende werden Männer, die Sex mit Männern haben, immer noch diskriminiert. Eine der Mütter, in deren lesbische Beziehung ein Kind geboren wird, muss dieses Kind adoptieren, was völlig inakzeptabel ist. Die Hasskriminalität gegen queere Menschen ist horrend hoch – es gibt jeden Tag Gewalt und Hass gegen Schwule und Lesben, gegen bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen. Die Liste ist leider noch lang.

Selbstbestimmung vs. Transsexuellengesetz: „Schlüssel zur Freiheit“

Sie schreiben, dass sich hin und wieder auch Schwule und Lesben gegen trans Menschen stellen würden. Warum sollten Sie das tun?
Warum sie das tun, kann ich Ihnen nicht sagen. Warum sich Menschen überhaupt gegen die Selbstbestimmung einer einzelnen Person stellen können, ist mir schleierhaft. Eins muss uns allen klar sein: Für andere einzustehen, ist das Politischste, was man tun kann. Zu anderen zu stehen, ist aus meiner Sicht der Schlüssel zur Freiheit.

Die Ampel will das Transsexuellengesetz abschaffen und durch ein Selbstbestimmungsrecht ersetzen. Was konkret wird sich ändern?
Die Ampelkoalition hat heute den ersten Schritt getan, um die geschlechtliche Selbstbestimmung von trans*- und intergeschlechtlichen sowie nichtbinären Menschen zu gewährleisten und das grundrechtswidrige Transsexuellengesetz endlich zu beerdigen. Immer wieder hatte das Bundesverfassungsgericht deutlich gemacht, dass die im Transsexuellengesetz gestellten Anforderungen für eine Änderung des Personenstandes gegen die Grundrechte verstoßen. Noch immer müssen trans* Menschen ein demütigendes und langwieriges gerichtliches Verfahren mit zwei Begutachtungen über sich ergehen lassen. So mussten oft etwa auch Fragen zum Masturbationsverhalten oder zur Unterwäsche beantwortet werden.

Alfonso Pantisano ist Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands LSVD.
Alfonso Pantisano ist Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands LSVD. © Christian Anderl

Bitte konkreter.
Die rechtliche Änderung des Vornamens und des Geschlechtseintrags im Personenstand soll mit dem zukünftigen Selbstbestimmungsgesetz beim Standesamt möglich sein – ohne Gutachten, Atteste oder Gerichtsbeschlüsse. Die Selbstauskunft der Person soll künftig ausreichen. Die Rechte von trans* und intergeschlechtlichen Menschen sollen durch ein sanktionsbewehrtes Offenbarungsverbot gestärkt werden.

„Jugendliche sollen über den Geschlechtseintrag selbst entscheiden können“

Jugendliche ab 14 Jahren sollen über den Geschlechtseintrag selbst entscheiden können. Das begrüße ich sehr. Doch nach den Eckpunkten sind sie dabei auf die zwingende Zustimmung der Sorgeberechtigten oder des Familiengerichts angewiesen. Dieses Vorgehen verstehe ich aber nicht, denn es entspricht nicht der zunehmenden Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit, die Jugendlichen in anderen Rechtsbereichen, wie beispielsweise der Wahl der Religion oder der Wahl über einen Beruf zugetraut wird.

Das Emma-Magazin spricht von einem „Täuschungsmanöver“ bezüglich Aussagen zum Selbstbestimmungsgesetz. Was entgegnen Sie?
Hören Sie mir bitte auf mit der Emma. Das, was Alice Schwarzer und ihre Redakteurinnen mittlerweile seit einiger Zeit tun, ist unsäglich und zerstört alles, was diese Frauen für Frauen in den letzten Jahrzehnten erreicht haben. Wie kann man nur aus Verlustangst der eigenen Relevanz die ganze Zeit so viel Hass gegen trans* Frauen sähen?

In den sozialen Netzwerken wird Ihnen teils Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Wie kommt dieser Vorwurf zustande?
Leider enthält das heute vorgestellte Eckpunktepapier keine Regelungen zu trans* Elternschaft. Nach derzeitiger Rechtslage werden transgeschlechtliche Eltern im Geburtenregister mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht eingetragen. Beispielsweise wird ein trans* Mann, der ein Kind geboren hat, in der Geburtsurkunde derzeit als Mutter eingetragen. Damit ist nicht nur ein Zwangsouting verbunden; es entstehen auch massive Probleme im Alltag. Allein schon diese Forderung wird oft als Frauenfeindlichkeit erklärt. Frauenrechte werden aber nicht geschmälert, wenn auch anderen Selbstbestimmung ermöglicht wird. Und: Die Welt verändert sich und mit dieser Veränderung müssen wir uns auch von alten Mustern lösen und eine Zukunft neu denken, in der alle in Würde und Freiheit über ihr Leben selbst bestimmen können.

Die Entwicklungen in den USA in Sachen Abtreibungsrecht sprechen da aber von einem Rollback ...
Angesichts der Tatsache, dass nicht nur das Abtreibungsrecht gestrichen worden ist, sondern nach Wahnvorstellung des Supreme-Court-Richters Clarence Thomas auch andere Grundrechte in den USA infrage gestellt werden, nämlich die Empfängnisverhütung, die Straffreiheit von homosexuellem Sex und auch die erst vor kurzem eingeführte gleichgeschlechtliche Ehe, ist diese Entwicklung nicht nur ein Rollback, sondern der Versuch einer tragischen Rückholung des Mittelalters. Errungenschaften sind leider nicht für die Ewigkeit, wie man an Amerika sieht.

Rollback in den USA bzgl. Abtreibungsrecht: Auch Deutschland nicht geschützt

Sehen Sie Parallelen zu Deutschland?
Auch bei uns gibt es keine Sicherheit und keinen richtigen Schutz vor erzkonservativen und fundamentalistischen, rechten Entwicklungen. Ich sage es mal salopp: Wenn wir Deutschen durchdrehen und bei einer nächsten Wahl die AfD oder andere radikale Kräfte mehrheitlich wählen würden, sind wir hier auch nicht vor diesem Horror geschützt. Und ich gebe noch zu bedenken: Der aktuelle Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth, war zu seiner Zeit stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion und ein strikter Gegner der Ehe für alle. Die Situation ist bei uns in Deutschland mindestens genauso fragil. Deswegen müssen wir ja immer achtsam bleiben und unsere vielfältige, offene und liberale Gesellschaft schützen. 

Der DFB hat das Spielrecht für trans*, inter* und nicht-binäre Spieler*innen geöffnet. Andere Verbände wollen bspw. trans* Frauen aus Schwimmwettbewerben ausschließen. Was sagen Sie denen, die eine Teilnahme als Ungerechtigkeit sehen?
Ganz einfach: Trans* Frauen sind Frauen. Und Trans* Männer sind Männer. Das sollten wir mal langsam alle begreifen. (Interview: Katja Thorwarth)

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