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1200 Euro kann er seiner Pflegerin pro Monat zahlen – mehr geht nicht.
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1200 Euro kann er seiner Pflegerin pro Monat zahlen – mehr geht nicht.

Pflege

Selbstbestimmtes Leben mit schlechtem Gewissen

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Jürgen Adam* beschäftigt illegal drei Betreuerinnen. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts bringt ihn in Bedrängnis – und viele andere Pflegebedürftige auch.

Für Jürgen Adam steht außer Frage: Seiner 24-Stunden-Betreuerin aus Serbien steht mehr Geld zu als die 1200 Euro, die er ihr im Monat zahlt. „Das ist ein Stundenlohn von etwas mehr als ein Euro, das ist ein Witz“, sagt der Mitsechziger. „Doch in der Realität ist das nicht durchsetzbar.“ Zumindest in seiner Realität.

Adam verfügt nicht über ausreichend finanzielle Mittel, um dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts zu folgen, wonach der Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit gilt. Auch dafür müsste der Mindestlohn von 9,60 Euro gezahlt werden.

Jürgen Adam heißt in Wirklichkeit anders. Würde sein wahrer Name bekannt werden, könnte er Ärger bekommen. Dabei macht er das, was Hunderttausende Pflegebedürftige in der Republik seit Jahrzehnten tun, vor aller Augen, stillschweigend geduldet von der Politik.

Schichtwechsel nach 90 Tagen

Er ist illegaler Arbeitgeber eines Menschen, der rund um die Uhr zur Verfügung steht, um ihm beim Meistern seines Alltags zu helfen. Genauer gesagt sind es drei Frauen, die sich im Rhythmus von 90 Tagen abwechseln, weil dann ihr Visum abläuft und sie nach Hause fahren müssen: Tanja, ihre Tochter und ihre Schwägerin. „Ohne sie wäre ich nicht hier.“

Hier, das ist die Wohnung im Elternhaus, die sich der MS-Kranke nach seinen Bedürfnissen hergerichtet hat. Breite Türen, jeweils ein Hebelift in Bad und Schlafzimmer. Eine breite Treppe führt unters Dach, wo seine Pflegerin, wie er sie nennt, sich im eigenen Zimmer mit separater Toilette zurückziehen kann. Nah genug, um auf Zuruf runterzukommen, um dem Mitsechziger zur Hand zu gehen. Beim Toilettengang braucht er Hilfe, beim Waschen, beim Einkleiden, und auch aus dem Bett kommt er trotz des Lifts nicht allein.

Sie kocht, kauft ein, hält die Wohnung in Schuss, geht mit ihm spazieren. Mit Medikamenten, sagt Jürgen Adam, hat sie nichts zu tun. Die beiden Spritzen am Tag verabreicht er sich selber. So klappt das mit dem Leben im Elektro-Rollstuhl, den er inzwischen nur noch mit der linken Hand bedienen kann. Rechts hat der Muskelschwund inzwischen auch schon ganze Arbeit getan. „Leider.“ Schlecht für einen Rechtshänder wie ihn.

Seit 15 Jahren im Rollstuhl

Das Hadern mit der Krankheit hat er sich abgewöhnt. „Bringt ja nichts.“ Hat sich damit arrangiert, dass es mit bestimmten Tätigkeiten vorbei ist. Dass es für andere mehr Zeit braucht. Wenn Besuch vor der Tür steht, dauert es halt einige Minuten, bis der Öffner surrt.

Seit 15 Jahren benötigt er den Rollstuhl. Und er ist überzeugt, dass es ihm nur deshalb gut geht, weil er sein Leben alleine organisiert. „Ich bin zu Hause besser aufgehoben als im Heim.“ Hier, sagt er, hat er seine Arbeit, seine Bücher. Hier wohnen seine Freunde und Bekannte. „Hier kann ich bestimmen, was gemacht wird.“

Dann denkt er kurz nach und ergänzt, dass es Pflegefälle gibt, die aufwendiger sind: „Mich muss man nicht wickeln oder spritzen. Ich brauche lediglich eine Betreuung.“ Wobei lediglich nicht falsch zu verstehen sei: „Ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmissen.“

Nur zehn Prozent sind legal gemeldet

Dieser ganze Lebensentwurf könnte rasch wie ein Kartenhaus zusammenfallen, wenn Tanja von oben herunterkäme und das einfordern würde, was ihr nach Überzeugung des Bundesarbeitgerichts in Erfurt zusteht. Nach Deutschland vermittelte ausländische Pflege- und Haushaltshilfen, die Menschen rund um die Uhr in ihren Wohnungen betreuen, haben auch in den Bereitschaftsdienstzeiten Anspruch auf Mindestlohn, urteilten die höchsten Arbeitsrichterinnen und -richter Ende Juni. Geklagt hatte eine Frau aus Bulgarien, die über eine in ihrem Heimatland ansässige Firma vermittelt worden war. Fachleute gehen davon aus, dass in Deutschland zwischen 300 000 und 600 000 ausländische Arbeitskräfte in der häuslichen Pflege tätig sind – lediglich zehn Prozent legal.

Jürgen Adam nutzt keine Vermittlungsagentur. Das Arrangement mit den Frauen aus Serbien organisiert der Mann, der früher als Selbstständiger seine Brötchen verdiente, selbst. Gefunden hat er sie über Mund-zu-Mund-Propaganda mithilfe des Internets.

Er würde ihnen liebend gerne das zukommen lassen, was ihnen zusteht, sagt er noch mal. „Ich weiß selbst, dass sie völlig unterbezahlt sind.“ Und auch wenn 1200 Euro in Serbien viel Geld sind, sie bei ihm zumindest haft-, unfall- und krankenversichert sind, fühlt er sich in seiner Haut nicht wirklich wohl. „Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen. Die müssten das Zehnfache bekommen.“ Auch eine Sozial- und Rentenversicherung wäre geboten. Doch das, sagt er, könne er sich einfach nicht leisten.

Es bleibt nichts übrig am Ende des Monats

Er rechnet vor: 728 Euro Pflegegeld, die Einnahmen aus der Vermietung der zweiten Wohnung in Haus, plus die Lebensversicherungsrente von 600 Euro im Monat – damit lassen sich noch nicht mal mehr kleine Sprünge machen. „Das geht alles drauf. Für mich bleibt nichts übrig.“ Das Geld für die Pflegerinnen steuert ein Bekannter bei, im Gegenzug erwirbt er Ansprüche auf das Haus. „Wenn ich im Pflegeheim wäre, würde das die Krankenkasse 1628 Euro kosten.“

Dass die schlecht bezahlten Kräfte der Gemeinschaft viel Geld sparen, ist ein offenes Geheimnis. Und dass häusliche Pflege für den überwiegenden Teil der Betroffene die erste Wahl ist, ebenfalls.

Die Folgen aus dem Urteil dürfen nicht Menschen wie er ausbaden, fordert Jürgen Adam. Die Politik müsse endlich tätig werden: „Der Staat soll die Pflegekräfte ordentlich bezahlen.“ Solange die Politik ihrer Verantwortung nicht nachkommt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das aktuelle Arrangement mit Tanja, ihrer Tochter und ihrer Schwägerin fortzusetzen. Eine belastende Situation. „Natürlich habe ich Angst, dass ein Kontrolleur kommt und ich nachbezahlen muss.“ Das würde für ihn das Ende des selbstbestimmten Lebens bedeuten. Eine Situation, in der es nur Verlierer geben kann: „Die sollen lieber die Schwarzarbeit bei den Baulöwen kontrollieren. Da ist mehr zu holen als bei uns Pflegebedürftigen.“

* Name geändert

Die Bevölkerung wird älter, der Bedarf an Unterstützung größer.

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