Dokumentation

Selbst auf die Flüchtlingskonvois schossen die Russen noch

Florian Hassel über die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen der russischen Armee in Tschetschenien

Russische Soldaten gehen im Krieg gegen Tschetschenien auch gegen die Zivilbevölkerung mit unvorstellbarer Gewalt und Grausamkeit vor. FR-Korrespondent Florian Hassel hat in mehrwöchiger Recherche die Spuren russischer Kriegsverbrechen im Tschetschenien-Krieg verfolgt und dafür auch Berichte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ausgewertet. Am heutigen Donnerstag wird die Parlamentarische Versammlung des Europarates sich mit dem russischen Vorgehen in Tschetschenien befassen und über einen Antrag abstimmen, der den Ausschluss Russlands aus dem Europarat fordert.

Der Morgennebel hatte sich noch nicht gelichtet, als die russische Armee an jenem Freitagmorgen das Feuer auf Katyr-Jurt eröffnete. Es war der 4. Februar 2000. Vier Tage später war das Siebentausend-Seelen-Dorf vierzig Kilometer südwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ein Ruinenfeld aus zerbombten oder niedergebrannten Häusern, zerfetzten Tierkadavern und Lastwagen, auf die die russischen Soldaten Teppiche und Sessel, Fernseher und Stereoanlagen aus den geplünderten Häusern luden. Die Überlebenden von Katyr-Jurt sammelten in den folgenden Tagen Hunderte von Leichen ein und begruben sie. Und mit ihnen die Hoffnung, Katyr-Jurt und seine Menschen unbeschädigt durch den zweiten Tschetschenien-Krieg zu bringen.

Monatelang waren Besetzte und Besatzer ohne große Konflikte miteinander ausgekommen. Als die russische Armee im Oktober 1999 von Norden und Westen auf Grosny vorrückte, handelten die Ältesten von Katyr-Jurt mit dem russischen Kommando die kampflose Übergabe aus, so wie es schon andere tschetschenische Dörfer getan hatten. "Wir haben von den Russen nichts Gutes erhofft. Wir wollten einfach nur unser Dorf retten", sagt Achmed Dudajew, der als Mitglied des Ältestenrates an allen Verhandlungen beteiligt war.

Dann folgte das Zeremoniell der Satschistka, der "Säuberung". Die Armee bleibt mit ihren Granatwerfern und Panzern am Dorfrand zurück, Einheiten des russischen Innenministeriums durchsuchen das Dorf nach Rebellen und Waffen. In den folgenden Wochen organisierte der Ältestenrat gemeinsame Patrouillen und Kontrollposten von Omon-Polizisten und Dörflern. Vor allem mit den Omon-Polizisten aus Tambow, die im November nach Katyr-Jurt kamen, "war die Beziehung gut", sagt Dudajew. "Die Polizisten wurden sogar manchmal zum Essen eingeladen." Rund 15000 Flüchtlinge aus anderen Gegenden Tschetscheniens flüchteten nach Kriegsbeginn in das als sicher geltende Dorf.

Doch in der Nacht zum 1. Februar beschlossen die tschetschenischen Rebellen, sich nach wochenlangem, erbittertem Kampf mit der russischen Armee aus Grosny in die Berge im Süden Tschetscheniens zurückzuziehen. Auf ihrem Rückzug verloren die Rebellen Dutzende, möglicherweise Hunderte von Männern in einem von russischen Pionieren gelegten Minenfeld. "Allein unsere Gruppe des Kommandeurs Ruslan Gelajew hat in dem Minenfeld 150 Mann verloren", sagt Idriss, ein 19 Jahre alter Rebel der den Rückzug mitgemacht hat.

Auf ihrem Weg in die Berge zogen die in mehreren Gruppen marschierenden Rebellen, meist im Schutz der Nacht, südwestlich von Grosny von Dorf zu Dorf. Dort "ließen wir uns neue Kleidung und zu essen geben, beerdigten unsere Toten und ließen die Schwerverwundeten zurück", erzählt Idriss. Erste Station war das Dorf Alchan- Kala zehn Kilometer vom Stadtrand von Grosny: Dort amputierte der einzige Arzt den Unterschenkel von Rebellenführer Schamil Bassajew. Dann begann die russische Armee, immer bemüht, direkte Kämpfe mit den von ihnen gefürchteten Rebellen zu vermeiden, mit dem Bombardement des Dorfes. Achmed Dudajew und die Ältesten von Katyr-Jurt wussten, dass auch ihr Dorf in Gefahr war, wenn die Rebellen es durchqueren würden. Deren Kommandeur Ruslan Gelajew versprach den Ältesten bei einem Treffen, dass die Rebellen einen Bogen um Katyr-Jurt machen würden.

Um vier Uhr morgens des 4. Februar aber erreichten die Rebellen Katyr-Jurt und zogen in einer langen Kolonne durchs Dorf. Warum die Anführer ihr Wort brachen, weiß Idriss, der 19 Jahre alte Rebell, nicht. "Wahrscheinlich haben sie beschlossen, dass wir unbedingt unsere Verwundeten versorgen müssen und ohne Rast nicht weiterkommen." Die Rebellen ließen sich zu essen und warme Kleidung geben. In einigen Häusern ließen sie Verwundete und fünfzehn tote Kämpfer in der Moschee zurück. Mehr als 2000 Rebellen aber verließen das Dorf bis zum Morgengrauen.

Dann begann das Inferno für die mehr als 20000 Zivilisten in Katyr-Jurt, als die russische Armee und Luftwaffe das Feuer eröffneten. "Sie haben mit Granaten, Grad-Boden-Boden-Raketen, Flugzeugen und Kampfhubschraubern geschossen", berichtet Jessita Algirijewa in Übereinstimmung mit zehn anderen Flüchtlingen aus Katyr-Jurt, mit denen die Frankfurter Rundschau in unabhängig voneinander geführten Interviews an verschiedenen Orten gesprochen hat. Algirijewa rannte mit ihren vier Kindern in den Keller. Als das Feuer nach 48 Stunden nachließ und Algirijewa sich auf die Straße traute, sah sie Soldaten des russischen Innenministeriums, die wahllos Handgranaten in Keller warfen, in denen sie Rebellen vermuteten. "In anderen Häusern holten sie junge Männer aus den Kellern und erschossen sie: zum Beispiel unseren 22 Jahre alten Nachbarn Ali Delajew aus der Lenin-Straße."

Algirijewa und ihre Nachbarn nutzten eine Feuerpause und das russische Angebot eines Fluchtkorridors für zwei Stunden. Doch auf dem Weg aus dem Dorf wurde ihr mit weißen Fahnen gekennzeichneter Lkw ebenso von den Russen beschossen wie ein Flüchtlings-Konvoi, der das Dorf auf der anderen Seite verlassen wollte. Taja Abakarowa verlor drei ihrer fünf Kinder, als eine Granate direkt neben ihrem Fluchtauto explodierte.

Als die Zivilisten die Stellungen der russischen Armee erreichten, trennten die Soldaten Männer und Frauen und begannen, die Männer auf Lkw zu laden. Polizisten der Miliz des Moskau-nahen Tschetschenenführers Bislan Gantemirow sagten den Frauen, ihre Männer würden nach Tschernokosowo oder ein anderes Filtrationslager gebracht. Weitere Frauen und Zivilisten kamen hinzu und flehten die Russen an, die Männer frei zu geben. Gantemirows Polizisten drohten den Russen mit offenem Kampf. Am Abend des 5. Februar wurden die Männer wieder freigelassen.

Als Jessita Algirijewa vier Tage später nach Katyr-Jurt zurückkehrte, "waren neun Zehntel aller Häuser zerstört", auch das Haus ihrer Familie an der Sadowaja-Straße 29. Aus dem Haus hatten die russischen Soldaten "unseren Fernseher und die Musikanlage, die Sessel und das Sofa und sechs Teppiche gestohen. Selbst die Elektroleitungen hatten sie abgerissen." Der 42 Jahre alte Magomed Malsagow war aus dem zwischen Rebellen und der Armee umkämpften Staropromyslowskij-Stadtteil Grosnys ins Haus seiner Eltern in Katyr-Jurts "Straße der Freundschaft" geflüchtet. 24 Stunden verbrachte seine Familie im Keller und zählte die Raketeneinschläge. Dann retteten sie Nachbarn aus Atschchoi-Martan, die trotz des schweren Bombardements mit einem Lastwagen ins Dorf kamen und ihre Nachbarn herausholten.

Als Magomed Malsagow einige Tage später zurückkehrte, zählte er die Toten mit: Awgan Gelajew und seine Eltern Schapa und Sulpa im Haus Nummer 13 in der Tschapajewa-Straße, acht Tote im Haus vom Chamid und Maja Saslanbekow in der Schkolnaja-Straße, elf Tote bei Tuchan Schachidow in der Tschkalowa-Straße, der Hauptstraße des Dorfes. Das Haus der Malsagows war geplündert und niedergebrannt. "Ich kenne die russische Armee", sagt Magomed, der selbst zu Sowjetzeiten in Jena gedient hat. "Das Motto ist: Ihr bekommt kein Gehalt, aber ihr dürft nach Herzenslust plündern. Die Islamisten, von denen uns die Russen doch angeblich befreit haben, haben uns nicht so ausgeplündert."

Die 35 Jahre alte Leila Ibragimowa aus Katyr-Jurts Lenin-Straße 47 wollte am 4. Februar mit ihrem Mann Ramsan und den beiden Kindern den Geburtstag ihres Sohnes Ali feiern. Dann begannen die Bombardierungen. Als Leila einen Tag später aus dem Keller stieg, ging sie hinüber zum Haus ihres Onkels an der Lenin-Straße 38. Adrachman Alijews Kopf lag im Hof, abgerissen von der Wucht eines Bombentreffers auf sein Haus. "Wir haben ihn in Einzelteilen eingesammelt und begraben", sagt Leila. Sie fand einen Weg durch die russischen Kontrollposten und flüchtete zu Verwandten ins Nachbardorf Walerik. Am 8. Februar kehrte sie nach Katyr-Jurt zurück. "Das Dorf war voller Panzer, gepanzerter Mannschaftswagen und russischer Soldaten. Auf den Panzern und Mannschaftswagen waren unsere Möbel festgebunden. Ich sah russische Armeelastwagen voller Plündergut."

Vor ihrem Haus sah sie zwei Leichen von Rebellen. "Sie waren an den Füßen zusammengebunden und an einer drei Meter langen Kette offensichtlich zu Tode geschleift worden." Achmed Dudajew, das Mitglied des Ältestenrates, blieb während der ganzen Zeit des viertägigen Bombardements im Dorf. "Ich habe selbst gesehen, wie die Russen schätzungsweise zwanzig verwundete Rebellen erschossen oder mit gepanzerten Mannschaftswagen zu Tode schleiften. Dann begannen die Plünderungen. So bezahlen die russischen Generäle ihre Söldner." In der Nacht zum 6. Februar erreichte die Rebellenkolonne das nächste Dorf, Gechi-Tschu. In der Nacht verließen die letzten Rebellen das Dorf, doch für die Einwohner war es wieder einmal zu spät, um dem Feuer der russischen Armee zu entgehen. Um neun Uhr morgens am 7. Februar "begannen die Russen, uns mit allem außer Atombomben zu beschießen", erzählte der 54 Jahre alte Magomed Tepsajew der FR. Im dritten Keller auf der Zentralnaja-Straße fanden die russischen Omon-Soldaten Magomed und seine Söhne Ruslan und Musa. Sie befahlen den mehr als 100 Menschen, die in dem Keller Zuflucht gefunden hatten, herauszukommen. Tepsajew sah, wie die Soldaten vier junge Männer aus einem Nachbarkeller hinter eine Wand führten und hörte eine Salve aus Maschinenpistolen. Adlan Israilow, 32, und seine Brüder Aslambek und Turpal Israilow waren tot. Mit ihnen starb der 20 Jahre alte Alik.

Dann führten die Soldaten Magomed Tepsajews Söhne mit hinter dem Kopf erhobenen Händen fort. Am nächsten Morgen fand der Vater seinen erschossenen Sohn Musa. "Die Soldaten schossen auch Ruslan in den Kopf, zogen ihm die Stiefel aus und hielten ihn für tot. Doch ihn hat Allah gerettet", glaubt Tepsajew. "Die Kugel wurde von der hinter dem Kopf erhobenen Hand abgelenkt und ging ihm durch den Nacken. Ruslan schleppte sich zu Nachbarn, die ihn versorgten." Die Leiche von Musa kaufte Magomed Tepsajew bei einem russischen Offizier für 400 Rubel frei. Wie viele Menschen dem Blutbad der russischen Armee in Katyr-Jurt und Gechi-Tschu zum Opfer gefallen sind, könnte nur eine unabhängige internationale Untersuchung klären. Eine tschetschenische Kommandeurin, von der FR in Inguschetien befragt, sagt, dass in Katyr-Jurt Dutzende von Rebellen getötet wurden. Höher ist die Zahl der getöteten Zivilisten. Der Frankfurter Rundschau liegt eine Liste mit 47 Namen und Adressen getöteter Zivilisten vor. Doch die Indizien deuten darauf hin, dass nicht Dutzende, sondern Hunderte starben. "Allein bis zum 10. Februar hatten wir 125 Dorfbewohner beerdigt", sagt Achmed Dudajew. "Doch da hatten wir noch längst nicht alle Leichen eingesammelt und die Flüchtlinge nicht mitgezählt." Einem Korrespondenten der englischen Wochenzeitung Observer sagte ein Bewohner von Katyr-Jurt Anfang März, nach Ende der Bombenangriffe hätten sie weitere 363 Leichen eingesammelt, die russische Soldaten schließlich auf Lastwagen geladen und in einem Massengrab beerdigt hätten. Auch der FR bestätigen mehrere Flüchtlinge, sie hätten nach ihrer Rückkehr Lastwagen mit Leichen gesehen.

Nicht nur in Katyr-Jurt hat die russische Armee offenbar versucht, die Spuren von Bombardements und Massakern zu verwischen. Bis die Rebellen Grosny am 31. Januar verließen, hatte die russische Armee die Stadt mit einem wochenlangen Bombenhagel in eine Trümmerwüste verwandelt. Niemand litt mehr als die bis zu 40000 Zivilisten, die zu alt, zu arm, zu schwach waren, Grosny zu verlassen. In ihrem Kampf gegen die Rebellen verloren die Russen Hunderte von Soldaten. Im Stadtteil Staropromyslowskij im Nordwesten Grosnys ermordeten russische Truppen zwischen Ende Dezember und Anfang Januar mindestens 38 Zivilisten (Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die die russischen Kriegsverbrechen als einzige Organisation systematisch dokumentiert, hat dazu eine ausführliche Dokumentation vorgelegt. Im Internet: www.hrw.org) . Am 14. Februar verkündete Wiktor Kasanzew, der Oberkommandierende der russischen Kaukasustruppen, der Zugang nach Grosny bleibe bis zum 1. März gesperrt, "weil die Stadt noch nicht von Minen und Granaten gesäubert ist und die Gefahr des Einsturzes eines Gebäudes bleibt". Einen Tag später ging Sina Chalimowa aus dem Staropromyslowskij-Stadtteil in das zerstörte Stadtzentrum. Dort sah sie am Mittag des 15. Februar, wie russische Soldaten "Dutzende von Leichen von Kamas-Lastwagen in große Bombentrichter kippten und die Massengräber anschließend mit Schutt und Erde zuschoben". In einem früheren Bankgebäude an der Schikowskaja-Straße im Stadtteil Leninskij habe sie am gleichen Tag "mehr als zwanzig übereinander geschichtete Leichen gesehen", sagte Chalimowa der FR.

Kein einziges Massaker ist bisher gründlich untersucht worden. Bereits am 21. Oktober schoss die russische Armee mehrere Raketen auf den Marktplatz von Grosny ab, um einen Munitions- und Waffenhandelsplatz zu treffen. Mehrere Überlebende bestätigten, dass tatsächlich mehrere Rebellen getötet worden seien. Vor allem aber starben bis zu mehreren hundert Zivilisten. Als nächstes traf es Anfang Dezember 1999 die Einwohner von Alchan-Jurt, einem Dorf mit in Friedenszeiten 9000 Einwohnern zwölf Kilometer südlich von Grosny.

Alchan-Jurts Schicksal wird in einer neuen Human Rights Watch-Dokumentation beschrieben. Demnach bombardierten die auf Grosny vorrückenden russischen Einheiten Alchan-Jurt seit dem 6. November und töteten mehrere dutzend Zivilisten. Der Speditionsunternehmer Wacha Chisigikow, der mit seiner Familie aus Grosny nach Alchan-Jurt flüchtete, schätzte gegenüber der FR, dass allein am 21. und 22. November "zwanzig Zivilisten in Alchan-Jurt ums Leben gekommen sind". Drei Granaten schlugen im Haus und auf dem Hof der Schwiegereltern an der Mendelejewa-Straße 5 ein. Chisigikow und seine Familie flohen nach Inguschetien weiter - und entgingen Schlimmerem.

Um Alchan-Jurt zu retten, bat der Ältestenrat unter Führung von Mullah Wacha Muradow die Rebellen Mitte November, ihre gut ausgebauten Stellungen am Dorfrand zu verlassen. Eine Gruppe lokaler Rebellen folgte der Bitte der Ältesten. Eine zweite Gruppe weigerte sich und leistete den Russen erbitterten Widerstand. In zweiwöchigem Kampf verloren die Russen zehn Panzer und Mannschaftswagen und 72 Soldaten. Bevor die russische Armee am 1. Dezember in Alchan-Jurt einrückte, befahl sie den Zivilisten, das Dorf in Richtung des Nachbardorfes Kularij zu verlassen.

Die Flüchtlings-Konvois wurden, wie später in Katyr-Jurt, von den Russen beschossen. Als die Russen am gleichen Tag in Alchan-Jurt einrückten, plünderten die mit der "Säuberung" des Dorfes beauftragten Einheiten die etwa 500 zurückgebliebenen Dorfbewohner systematisch aus und ermordeten innerhalb weniger Tage Dutzende von Zivilisten. Die 65 Jahre alte Maret Paschajewa, die 70 Jahre alte Deti Timirsultanowa und ihre Tochter Sordat starben, als die Soldaten in ihren Keller in der Suworow-Straße ohne Warnung Granaten warfen. Die über 100 Jahre alte Nabitst Kornukajewa und ihr Sohn Arbi wurden am 2. Dezember erschossen, als sie ihr Haus verließen. Musa Gilkajew aus der Demilchanw-Straße wurde am 4. Dezember von plündernden Soldaten erschossen. Isa Muiradow, der Sohn des Mullahs Wacha Muradow, wurde am 8. Dezember mit Schüssen in Kopf und Bauch getötet.

Am 17. Dezember besuchten der russische Vize-Premier und Tschetschenien-Bevollmächtigte Nikolaj Koschman und Malik Saidulajew, Führer eines von Moskau ernannten tschetschenischen Staatsrates, Alchan-Jurt. Ein Mitarbeiter Saidulajews hielt den Besuch Koschmans auf Video fest. Die Dorfbewohner überreichten dem Vize-Premier eine Liste mit Namen von 41 ermordeten Zivilisten, erzählten ihm von den Morden und Plünderungen und identifizierten die russischen Soldaten als die des 15. Bataillons unter Oberst Jewgenij Wasiljewitsch, zugehörig zur Westgruppe der russischen Tschetschenienarmee unter dem Kommando von General Wladimir Schamanow.

Koschman und Saidulajew entdecken verschiedene Verstecke mit Plündergut, einschließlich eines mit Teppichen vollgestopften Zelts und eines mit Videorecordern und anderer Elektronik beladenen LKW. Als Koschman aus einem Haus kommt, in dem er Plündergut entdeckt hat, drohen ihm Soldaten, offenbar in Unkenntnis des hohen Besuchs, ihn zu erschießen. Der Koschman begleitende General Wacha Ibragimow schreit die Soldaten an: "Wisst Ihr, zu wem Ihr sprecht? Das ist nicht (das Gleiche, d.Red.), wie Frauen zu vergewaltigen!" Als einer der Dorfbewohner dem sichtbar erregten Koschman vorschlägt, den russischen Kommandeur vor Gericht zu stellen, antwortet der Vize- Premier: "Daran gibt es keinen Zweifel. Was ich hier gesehen habe, geht über alles hinaus, was ich je zuvor gesehen habe."

Am 23. Dezember 1999 kündigte Koschman die Veröffentlichung einer Untersuchung über Alchan-Jurt innerhalb von zehn Tagen an. Sie wurde nie veröffentlicht. Als Journalisten General Schamanow auf Alchan-Jurt ansprachen, antwortete er: "Wagt es nicht, die Soldaten und Offiziere der russischen Armee anzurühren. Sie vollbringen heute eine heilige Tat: Sie verteidigen Russland." Der oberste Militärstaatsanwalt Jurij Djomin war offenbar der gleichen Meinung. Er gab am 31. Dezember 1999 bekannt, es gebe "keinen Grund, in Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen im tschetschenischen Dorf Alchan-Jurt ein Strafverfahren einzuleiten".

Wiktor Kalamanow, vom Kreml am 17. Februar zum Menschenrechtsbevollmächtigten für Tschetschenien ernannt, sagte am 9. März, er habe die Militärstaatsanwaltschaft um Informationen zu Alchan-Jurt gebeten, aber bisher nicht bekommen. Ohnehin ist Kalamanow ein Bevollmächtigter ohne Vollmachten. Er hat keine eigenen Ermittlungsbefugnisse und kann Meldungen über Menschenrechtsveletzungen lediglich an die Militärstaatsanwaltschaft weitergeben. Diese ist nominell dem russischen Generalstaatsanwalt unterstellt, arbeitet indes faktisch unabhängig von ziviler Aufsicht.

Bis heute hat die Militärstaatsanwaltschaft kein einziges der Kriegsverbrechen des ersten Tschetschenien-Krieges aufgeklärt - etwa das Massaker im Dorf Samaschki im April 1995, als Soldaten des Innenministeriums mehr als 100 Zivilisten ermordeten. Im noch wesentlich brutaleren zweiten Tschetschenienkrieg hat die Militärstaatsanwaltschaft gegen russische Soldaten gerade neun Ermittlungsverfahren eingeleitet, nur drei davon wegen des Verdachts auf Mord. Nach Aussage des stellvertretenden Militärstaatsanwalt Jurij Jakowlew wird lediglich zwei mutmaßlichen Verbrechern der Prozess gemacht. "Fakten von Plünderung seitens russischer Militärs sind nicht gesichert", so Jakowlew.

Dass sich der Ermittlungseifer der Militärstaatsanwaltschaft in engen Grenzen hält, bewies sie auch nach dem Massaker russischer Truppen im Dorf Aldi im Süden von Grosny. Dort steigerten sich Soldaten des Innenministeriums am 5. Februar im Verlauf einer "Säuberung" in eine wahre Plünder- und Mordorgie hinein. Am Ende des Tages hatten die Soldaten offenbar mehr als 100 Menschen ermordet.

Als die Rebellen in der Nacht zum 31. Januar aus Grosny abzogen und ihr Fluchtweg nahe Aldi vorbeiführte, antwortete das russische Militär ebenso verspätet wie unverhältnismäßig und bombardierte Aldi ab dem 1. Februar mit Granatwerfern und Flugzeugbomben. "Am 3. Februar schlug sich eine Abordnung unserer Ältesten zum nächsten russischen Kommando durch und sagte: Hört endlich auf mit dem Bombardierungen. Bei uns sind keine Rebellen", berichtete der 38 Jahre alte Wesa K. aus Aldis Masajewa-Straße der FR. Am Abend des 4. Februar kamen Armeeaufklärer nach Aldi, überprüften korrekt die Dokumente und kündigten für den nächsten Tag die "Säuberung" durch die Einheiten des Innenministeriums an.

Als Wesa K. am 5. Februar um 8.30 Uhr von einem Nachbarn in die Masajewa-Straße zurückkehrte, sah er seinen 50 Jahre alten Nachbarn Chabasch Rasajew in Kopf und Brust getroffen auf der Straße liegen. Wesa K. versteckte sich und sah, wie Omon-Soldaten vier Häuser anzündeten, und hörte immer wieder einzelne Salven aus Maschinenpistolen. Am frühen Abend verschwanden die Soldaten. Wesa K. und seine Nachbarn gingen durch die Häuser und zählten "allein in unserer Nachbarschaft 60 Tote". Wesa K. nannte der FR mehr als 20 Namen und Adressen. Der 42 Jahre alte Ruslan Jandarow und seine Frau Leila verloren an diesem Tag einen großen Teil ihrer Familie in der Podalskaja-Straße Nummer 1: Leilas Vater Jacha Estamirow und seine Frau, ihr 37 Jahre alter Sohn Chosch-Achmed mit seiner hochschwangeren Frau Toita und dem einjährigen Hassan sowie den Vetter Said-Achmed Massarow.

Am 9. Februar taten sich einige Dorfbewohner zusammen und nahmen die noch nicht beerdigten Leichen und die Aussagen der Überlebenden auf Video auf. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Einwohner von Aldi 84 Ermordete gezählt, viele Flüchtlinge nicht mitgerechnet. Das etwa einstündige Video, das der FR vorgeführt wurde, zeigt und benennt 39 Ermordete, die noch in ihren Häusern liegen. 29 dieser Namen stimmen mit einer Totenliste überein, die Human Rights Watch nach Gesprächen mit Überlebenden in der Nachbarrepublik Inguschetien gesammelt hat. Es überlebte, wer sich sein Leben bei den russischen Soldaten mit Geld oder Gold erkaufen konnte. Sultan Dschabrailow und Wacha Satujew wurden erschossen. Auf dem Video ist zu erkennen, dass die Soldaten offenbar versuchten, ihnen nach der Erschießung die Goldzähne aus dem Mund zu schlagen. Nach FR-Informationen ist das Video UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson bei ihrem Besuch in Inguschetien und Tschetschenien übergeben worden. Robinson traf sich außerdem mit acht Überlebenden der Massaker. Die russische Militärstaatsanwaltschaft indes sieht keinen Grund für die Annahme, dass russische Soldaten in Aldi die Menschenrechte verletzt haben. Sie stellte ihre Ermittlungen am 21. März offiziell ein.

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