Colonia Dignidad

Sektenopfer der Colonia Dignidad werden entschädigt

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Deutschland sagt den Bewohnern der Colonia Dignidad je 10.000 Euro zu.

Es passiert nicht oft, dass sich Union, SPD, Grüne, FDP und Linkspartei völlig einig sind. Doch im Fall der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile eint Parlamentarier dieser Parteien die Überzeugung, die die Grünen-Politikerin Renate Künast am Freitag auf den Punkt brachte: „Deutschland hat Schuld auf sich geladen.“ Von unendlichem Leid der Opfer war die Rede, von einem völligen Versagen deutscher Behörden. Rein rechtlich sei die Bundesrepublik nicht zur Wiedergutmachung verpflichtet, stellte die vor einem Jahre eingesetzte gemeinsame Kommission von Bundesregierung und Bundestag fest. Wohl aber moralisch. Deshalb erhalten die Opfer nun eine finanzielle Unterstützung vom deutschen Staat.

Nach dem am Freitag vorgestellten Hilfskonzept sollen Betroffene möglichst schnell und unbürokratisch bis 10 000 Euro pro Person aus einem Hilfsfonds bekommen. Mit dem Geld können zum Beispiel medizinische Behandlungen oder berufliche Weiterbildungen bezahlt werden. Daneben wird ein zweiter Fonds eingerichtet, aus dem Pflegeleistungen für Betroffene gezahlt werden, die nicht in Deutschland versichert sind. Die Gesamtkosten werden auf 3,5 Millionen Euro für fünf Jahre beziffert.

In der Colonia Dignidad hatte der ehemalige Jugendpfleger Paul Schäfer ab 1961 eine kriminelle Sekte aufgebaut, die sich nach außen als harmonische, gottesfürchtige Gemeinschaft gab. Tatsächlich wurden Familien auseinandergerissen, die Einwohner zur Sklavenarbeit gezwungen und Kinder sexuell missbraucht. Schäfer arbeitete zudem mit der Militärdiktatur in Chile (1973–1990) zusammen und stellte das Lager dem Geheimdienst als Folterzentrum zur Verfügung.

„Symbolische Beträge“

Deutsche Diplomaten waren im Bilde, schauten aber weg. Erst 2006 wurde Schäfer wegen Kindesmissbrauchs in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt. Inzwischen hat sich die Siedlung in „Villa Baviera“ umbenannt. Der Bundestag hatte 2017 beschlossen, ein Hilfskonzept auf den Weg zu bringen.

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen (SPD), sagte, die Kommission habe alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für Hilfsleistungen ausgereizt. Kommissionsmitglied Michael Brand (CDU) räumte gleichwohl ein, es handele sich bei den Geldsummen um symbolische Beträge. Es gehe aber insbesondere auch um die Anerkennung der Leidensgeschichte der Opfer.

Das Hilfsangebot können deutsche Bewohner der Colonia Dignidad nutzen sowie chilenische Staatsbürger, die als Kinder dorthin verschleppt wurden. Insgesamt leben derzeit noch etwa 240 deutsche Betroffene, rund 160 von ihnen wohnen noch in Chile, 80 wieder in Deutschland. Straftäter sind von den Leistungen ausgeschlossen. Wer Täter und wer Opfer ist, entscheidet die Kommission auf Grund der Einschätzung von Experten. Künast sprach von einem schwierigen Prozess, da es mehrere Bewohner gebe, die sowohl Täter als auch Opfer seien.

In Deutschland wurde noch kein Täter zur Rechenschaft gezogen. Auch der in Chile wegen Beihilfe zur Vergewaltigung verurteilte Sektenarzt Hartmut Hopp, der sich nach Deutschland abgesetzt hatte, muss nicht ins Gefängnis. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen ihn wurden jüngst nach mehr als siebeneinhalb Jahren eingestellt.

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