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Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat, will die antirassistische Arbeit an Schulen fördern.
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Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat, will die antirassistische Arbeit an Schulen fördern.

Rassismus

Attentat von Hanau: Mutter eines Opfers im Interview: „Sein Tod kann nicht das Ende sein“

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Serpil Temiz Unvar, die Mutter des beim rassistischen Attentat in Hanau ermordeten Ferhat Unvar, will mit ihrer Initiative den alltäglichen Rassismus bekämpfen.

  • Mit der Bildungsinitiative Ferhat Unvar will Serpil Temiz Unvar von Rassismus Betroffenen Unterstützung und eine Stimme geben.
  • Temiz Unvars Sohn Ferhat wurde bei dem rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 ermordet.
  • Im Interview spricht sie über Rassismus in Schulen, den teils problematischen Umgang mit Betroffenen nach dem Attentat und die Pläne der Bildungsinitiative.

Frau Temiz Unvar, wann haben Sie entschieden, die nach Ihrem Sohn Ferhat benannte Bildungsinitiative aufzubauen?

Schon in der Woche nach dem rassistischen Terroranschlag habe ich den Entschluss gefasst: Ferhat darf nicht umsonst gestorben sein. Es kann nicht so weitergehen; Rassismus greift immer mehr um sich. Wir müssen uns viel intensiver für einen respektvollen Umgang miteinander, für eine Gesellschaft der Vielen einsetzen, in der niemand „fremd“ ist und alle tatsächlich die gleichen Rechte haben, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion. Und ein entscheidendes Mittel dafür ist Bildungsarbeit.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Rassismus gemacht?

Ich persönlich bin zum Beispiel bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz auf unüberwindbare Hürden gestoßen, bekam teilweise keine Chance – und empfand das ein Stück weit als „normal“, weil ich ja nicht von hier war. Ferhat hatte in der Schule Probleme, obwohl er intelligent und vielseitig interessiert war. Oft bekam er Sätze wie „Du schaffst es nicht!“ oder „Du wirst es nie zu etwas bringen!“ zu hören. Meinen zweitältesten Sohn, der ebenfalls viel Potenzial hatte, meldete ich an dem Gymnasium an, an dem auch Ferhat war. Der Schulleiter bestellte mich daraufhin zu einem Gespräch. Er sagte sinngemäß: „Wir können Ihren Sohn nicht ablehnen, aber Sie müssen wissen: Er hat hier keine Chance.“ Meine Kinder haben letzten Endes trotz allem ihren Weg gefunden. Ferhat hat seine Ausbildung abgeschlossen, wollte studieren – und wurde dann von einem Rassisten getötet. Was ich erlebt habe, ist der wichtigste Antrieb für mein Engagement.

Ein Jahr nach dem Terror in Hanau: Bildungsinitiative will Rassismus bekämpfen

Was will die Bildungsinitiative erreichen, und wie möchten Sie dabei vorgehen?

Uns geht es zunächst darum, von Rassismus betroffenen Schüler:innen und Eltern zur Seite zu stehen, zum Beispiel durch Austausch, Beratung, Empowerment. Ich habe Diskriminierung früher einfach als gegeben hingenommen und oft mit Ferhat gestritten. Bei Schwierigkeiten und Konflikten fühlte ich mich allein, hatte Angst und habe ihm deshalb gesagt, er müsse mehr machen als die „einheimischen“ Kinder. Ich habe den Druck an ihn weitergegeben. Das stand zwischen uns und war nicht richtig. Wir möchten den Familien vermitteln, dass sie nicht allein sind, dass sie viel wert sind und dass dieses Land auch ihr Land ist. Wer diskriminiert wird, für den ist es schwieriger, dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Wo möchten Sie noch ansetzen?

Wir möchten möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer sensibilisieren. Es ist wichtig, dass sie ihr Verhalten und das von Kolleg:innen kritisch hinterfragen und Rassismus intensiv im Unterricht thematisieren. Erste Umfragen, die wir durchgeführt haben, zeigen, dass Schüler:innen ähnliche Erfahrungen machen. Sie berichten von abwertenden Bemerkungen und Blicken, Messen mit zweierlei Maß und sogar ganz offenen rassistischen Beleidigungen. Die Folgen können schwerwiegend sein: Kinder schöpfen ihr Potenzial nicht aus oder geraten sogar auf die schiefe Bahn. Wir werden unter anderem Workshops anbieten, Raum für Diskussionen schaffen und nicht zuletzt junge Menschen zu Anti-Rassismus-Expert:innen ausbilden, die ihr Wissen weitergeben.

Zur Person

Serpil Temiz Unvar, 45, hat die nach ihrem Sohn Ferhat benannte Initiative für antirassistische Bildung und Empowerment gegründet. Ferhat wurde 1996 in Hanau geboren, hatte gerade als Zweitbester des Jahrgangs seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker abgeschlossen, wollte studieren und ein Buch über seine Erfahrungen schreiben. Doch am 19. Februar 2020 wurde er aus rassistischen Motiven ermordet.

Temiz Unvar wurde in Nusaybin Mardin geboren, lebte drei Jahre in Frankreich und kam 1995 nach Deutschland. Sie hat unter anderem als freie Journalistin gearbeitet. Mehr Infos zur Initiative: www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de.

Bei dem rassistischen Anschlag in Hanau wurden neun Menschen ermordet. Die FR begleitet seither die Familien – und analysiert die politischen Konsequenzen. Wir bündeln unsere Berichte unter www.fr.de/terror in einem Online-Dossier.

Eine Lehre aus dem Attentat in Hanau: Die Polizei hat ein Problem mit Rassismus

Manche Städte haben Antidiskriminierungsstellen. Wie schätzen Sie solche Schritte ein?

Das Problem wird damit nicht an der Wurzel angegangen. Wir müssen früh ansetzen, bei der Bildung, und darüber hinaus Schulen, Polizei, Arbeitsagenturen, Jugendämter und andere Behörden zu einer echten Auseinandersetzung mit ihrem eigenen, institutionellem Rassismus bewegen. Diese findet kaum statt, ebenso wie eine unabhängige Kontrolle. Institutionen tragen das Label „Ohne Rassismus“ und tun nicht wirklich etwas dagegen. Auch weil sich institutioneller Rassismus verfestigt hat, ist es für Betroffene sehr schwierig, sich zu wehren. Deshalb müssen wir Druck machen und für unser Recht kämpfen.

Ist der Umgang mit den Betroffenen nach dem Anschlag für Sie auch Ausdruck von Rassismus?

Ja, definitiv. Trotz allem, was passiert ist, weigern sich die Behörden nach wie vor, die rassistischen Strukturen in ihren Reihen anzuerkennen und zu benennen. Trotz konkreter Forderungen von uns als Betroffenen wird nicht gehandelt. Warme Worte von Politiker:innen helfen uns nicht weiter. Die Behörden nehmen uns, unsere Sorgen und Ängste nicht ernst. Ich wohne in unmittelbarer Nachbarschaft zum Vater des Täters, aber die Polizei ist mehr damit beschäftigt, ihn vor uns zu schützen als umgekehrt. Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis wir nicht mehr behandelt werden, als wären wir die Gefahr? Wie viele „Einzelfälle“ muss es noch geben, bis Studien zu Rassismus innerhalb der Polizei nicht mehr als unnötig angesehen werden?

Wo sehen Sie die Ursachen für den heutigen Rassismus?

Rassismus war schon immer ein Problem. In Deutschland kommt besonders hinzu, dass die Geschehnisse aus der Nazizeit nie konsequent aufgearbeitet wurden. Viele sind der Meinung, dass mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch der Rassismus geendet hätte, aber das ist falsch. Viele NS-Funktionäre haben danach weiter hohe Ämter begleitet und wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Es wurde viel zu viel weggeschaut und viel zu wenig aufgeklärt. Der Rassismus war nie weg.

Anti-rassistische Bildungsarbeit aus Hanau für die Gesellschaft: Am Anfang eines langen Weges

Wie war die erste Resonanz auf die Bildungsinitiative?

Wir haben offenbar einen Nerv getroffen, bekommen Mails aus ganz Deutschland, etwa aus dem Rhein-Main-Gebiet, Hamburg, München und der Schweiz. Es sind Schüler:innen, die uns von ihren Erfahrungen berichten und sich einbringen möchten, aber auch zahlreiche engagierte, bereits sensibilisierte Lehrer:innen, die es natürlich auch gibt. Viele davon sind selbst Menschen mit Migrationsgeschichte. Stiftungen und Bildungseinrichtungen, die bereit sind, mit uns zu kooperieren, melden sich. Das gibt uns Energie, Hoffnung und die Gewissheit, nicht allein zu sein.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Wir sind gerade in Gesprächen, um eine eigene Anlaufstelle in Hanau zu mieten. Hier wollen wir anfangen und unsere Arbeit nach und nach auf andere Städte in Deutschland ausweiten. Ich bin eigentlich keine starke Frau, und es ist ein sehr langer Weg. Aber Ferhat gibt uns Kraft, wir kämpfen zusammen. Sein Tod kann nicht das Ende sein.

Interview: Gregor Haschnik

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