Der große Goldene ist das 2010 aufgestellte Denkmal für Heinrich Heine, in Weiß davor Jubilar Klaus Hübotter.
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Der große Goldene ist das 2010 aufgestellte Denkmal für Heinrich Heine, in Weiß davor Jubilar Klaus Hübotter.

Klaus Hübotter

Sein Feind ist der Abrissbagger

  • vonEckhard Stengel
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Der „konkret“-Mitbegründer, Bremer Ehrenbürger und Gebäuderetter Klaus Hübotter wird 90.

Dass ein Kapitalist zugleich Kommunist ist – das scheint schon ungewöhnlich genug. Wenn er zudem wegen seiner roten Weltsicht im Gefängnis landet, aber später zum Ehrenbürger aufsteigt, dann lohnt ein genauerer Blick auf diesen Mann. Er heißt Klaus Hübotter, hat die linke Zeitschrift „konkret“ mitgegründet, schreibt Gedichte, ist eigentlich Jurist, arbeitet aber als Bauinvestor und rettet abrissbedrohte wertvolle Gebäude. An diesem Sonntag wird er 90 Jahre alt.

Für all das, was Hübotter verkörpert, bräuchte es eigentlich mehrere Leben. 1930 in Hannover geboren, trat er 1950 der KPD bei. Damals träumte er von einer „humanen und vernünftigen“ Welt. Doch bald bestand seine Welt nur noch aus einer Gefängniszelle: 1956 wurde er zu anderthalb Jahren Haft verurteilt – als Funktionär des im Westen verbotenen Jugendverbands FDJ. Neun Monate U-Haft wurden ihm angerechnet, die Reststrafe erlassen.

Schon 1955 hatte er seine damaligen Verbindungen zur DDR genutzt, um mit deren Finanzhilfe die Hamburger Zeitschrift „Studentenkurier“ mit zu gründen, den Vorläufer der „konkret“. Noch heute besitzt er deren Namensrechte, obwohl er mit ihr eigentlich nichts mehr zu tun haben will, ja, sie nicht mal liest.

Nach dem Jurastudium brachte er es bis zum Doktortitel. Aber als Kommunist durfte er nicht Anwalt werden. Also suchte er sich ein anderes Gebiet, um die Welt mitzugestalten: Hübotter wurde Baukaufmann in Bremen. Dabei wirkte er nicht nur als Makler, sondern hinterließ auch Spuren als stadtbildprägender Investor.

Seine Neubauten verkörpern anspruchsvolle Architektur. Vor allem aber engagiert er sich für den Erhalt historisch oder architektonisch bedeutender Gebäude. Sein Feind ist der Abrissbagger. So rettete er einen ehemaligen Radio-Bremen-Sendesaal, der trotz hervorragender Akustik vor dem Abbruch stand. Er kaufte und modernisierte einen 400 Meter langen verfallenden Hafenspeicher. Dort sitzt jetzt die Bremer Kunsthochschule neben einem von Hübotter betriebenen Hafenmuseum. Eine besondere Herzensangelegenheit war ihm, dem Antifaschisten, der Erwerb und die Sanierung eines früheren jüdischen Kaufhauses. Er vermietete es dann an die VHS – zu einem Spottpreis.

Eines seiner Umbauprojekte wurde 1984 mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz geadelt, und seit 2010 ist er Ehrenbürger von Bremen. „Gut, dass es den Rettungsanker Klaus Hübotter gab und gibt“, lobte ihn damals Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD).

Auch als Mäzen für kulturelle und politische Initiativen hat sich Hübotter hervorgetan. Erstaunlich, dass der bescheidene Humanist trotz seiner Gemeinwohl-Orientierung zum Millionär wurde – und das, obwohl er noch bis 1991 Mitglied der KPD-Nachfolgerin DKP war. Wie hat er das bloß geschafft? „Mit Glück und Verstand“, antwortet er knapp.

Inzwischen glaubt er nicht mehr, die Welt verändern zu können. Trotzdem, so sagte er mal, sollte man sich „jeden Tag für die gute Sache, für die Gerechtigkeit, für den Frieden einsetzen“. Für seine Vergangenheit schämt er sich nicht, auch wenn er sich „in manchem geirrt haben“ mag. Heute wählt er mal SPD, mal die Linke, „je nachdem, was auf dem Spiel steht“.

Noch mit knapp 90 Jahren arbeitet „Hü“ (so sein Kürzel und Spitzname) als einer von drei Geschäftsführern seiner Firmengruppe, mit rund 60 Beschäftigten unter sich. Einen Betriebsrat gibt es dort zwar nicht, aber Tarifgehälter, wie er versichert.

Eigentlich wäre der schmächtige und charmante Feingeist, der sich gerne mit Hut und breiten Hosenträgern zeigt, lieber Schriftsteller oder Verleger geworden. Immerhin hat er nebenbei Dutzende von Aphorismen- und Gedichtbänden verfasst, unter anderem in seiner restaurierten Windmühle bei Cuxhaven. Seine Frau Lore, mit der er zwei Töchter hat und seit 1963 verheiratet ist, hat die Umschläge gestaltet. Da sinniert der Goethe-Verehrer beispielsweise über „Biosprit statt Roggenbrot / bringt uns in die größte Not“. Ein Zweizeiler liest sich wie die Kurzfassung seines Lebens: „In der Jugend Heldentaten / und im Alter Moritaten“.

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