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Angekommen in der Hauptstadt: Nina Peretz, Baby Ronja und ihr Mann Dekel Peretz vor der Synagoge Fraenkelufer.

Jüdisches Leben

Jüdisches Leben: Sehnsuchtsort Berlin

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Ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt kommen immer mehr junge Juden aus den USA und Israel zusammen – trotz neuer antisemitischer Übergriffe.

Es ist kurz vor ein Uhr am Sonntagmorgen. Die Kreuzberger Nacht hat gerade erst begonnen, der Sabbat aber ist vorbei. In der Synagoge am Fraenkelufer, gleich um die Ecke vom Kottbusser Tor, feiern vier Dutzend junge Juden die Havdalah, den Gottesdienst zum Ende des Feiertags. Sie singen und tanzen fröhlich und gelöst: Hier verbindet sich religiöser Ernst mit Partystimmung.

Dekel Peretz kommt aus dem Saal. Der 39-jährige Israeli lebt seit 17 Jahren in Berlin. Er ist sozusagen Veteran der großen Welle junger Menschen aus Israel, für die Deutschlands Hauptstadt ein Sehnsuchtsort ist. Die Synagoge am Fraenkelufer hat keinen Rabbiner, aber einen sehr rührigen Förderverein, dem Peretz vorsteht. Wer wissen will, warum sich hier, mitten in Kreuzberg, ein ganz ungewöhnliches jüdisches Leben manifestiert – international, von orthodox bis liberal, schwul und hetero – der bekommt einen Rat: „Frag Dekel!“

Oder besser: frag Dekel und Nina. Nina kommt aus dem anderen großen Einwanderungsland Berlins, aus Schwaben. Sie verliebte sich erst in Dekel, dann ins Judentum und ins Projekt Fraenkelufer, das sie „meine große jüdische Familie“ nennt.

Diese Familie will sich vergrößern. Der Verein sammelt rührig politische und finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau der zerstörten großen Synagoge. Denn bisher trifft man sich nur in den erhaltenen Nebengebäuden, der früheren Jugendsynagoge. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), SPD-Fraktionschef Raed Saleh und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unterstützen das Projekt. Eine große Synagoge könnte bald wieder zu Kreuzberg gehören.

Moment mal: Kreuzberg? Kurz vor Neukölln? Sind das nicht nach allgemeinen Klischeevorstellungen jene Orte, die Felix Klein gemeint haben muss, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, als er sagte: „Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen.“

Allein in der vergangenen Woche gab es in Berlin zwei Übergriffe auf junge Juden. Ein 20-Jähriger wurde in Prenzlauer Berg beleidigt und bespuckt, weil er Kippa trug. Ein 23-Jähriger wurde in Steglitz von einer Gruppe bedrängt und nach seiner Religion gefragt. Als er sagte, dass er jüdischen Glaubens sei, wurde er ins Gesicht geschlagen. Diese Nachrichten schaffen es nur noch in die Polizeimeldungen im Lokalteil. Es passiert ja nicht nur in Berlin. In Hamburg sind der Landesrabbiner und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde bepöbelt und bespuckt worden, als das Rathaus nach einem Senatsfrühstück verließen.

Ja, das gibt es alles, sagt Dekel Peretz. Und er möchte die Polizisten nicht missen, die Tag und Nacht am Fraenkelufer Wache stehen. Aber Kreuzberg hat er sich damals mit Absicht ausgesucht. „Hier fühle ich mich sicherer als anderswo in Berlin“, sagt er. Und mehr wie zu Hause. Der türkisch-arabisch dominierte Wochenmarkt am Maybachufer war lange sein Mittel gegen Heimweh. Hier gibt es den besten Hummus und hier fällt Peretz – schwarze Haare, schwarzer Bart – am allerwenigsten auf. Kippa trägt er allerdings nicht. „Das gehört für mich nicht zu meinem Verständnis vom Judentum“, sagt er.

Jeremy Borowitz sieht das anders. Der orthodoxe Rabbinerstudent trägt immer Kippa, verdeckt sie auf der Straße aber meist mit einer Schirmmütze. „Nicht aus Angst“, sagt er, „aber ich spreche noch nicht so gut Deutsch und könnte die Situation nicht richtig einschätzen, wenn ich angesprochen würde.“

Früh übt sich: Spiele und Thorarollen für Kinder in der Synagoge.

Vor knapp zwei Monaten kam Borowitz mit seiner Frau Rebecca Blady, einer Rabbinerin und Yogalehrerin, und der kleinen Tochter aus New York nach Kreuzberg. Sie sind für die Hillel-Stiftung, die weltweit größte jüdische Studentenorganisation, in Berlin. Ihr großes Loft gleich um die Ecke vom Fraenkelufer heißt jetzt The Base und ist ein Anlaufpunkt für alle, die sich zum Judentum hingezogen fühlen.

In Tel Aviv oder Brooklyn wären sich die beiden Paare vermutlich nie begegnet – die orthodoxen Jung-Rabbis und die gänzlich unorthodoxen Dekel und Nina. Und schon gar nicht hätten sie zusammen nach einem zeitgemäßen, inklusiven Judentum gesucht. „In Israel oder New York hätte ich mich nie so sehr um meinen jüdischen Glauben gekümmert“, sagt Peretz. „In Berlin aber musst du selbst etwas machen. Und in Berlin ist alles möglich, wenn du es selbst machst.“

So finden sie sich zusammen und debattieren über den jüdischen Glauben heute, hier, in Berlin. „Und wenn wir keine gemeinsame Antwort finden, macht das nichts“, sagt Rebecca. Dafür gibt es ein hebräisches Wort: „teiku“. Das heißt so viel wie „Gute Frage, belassen wir es dabei.“ Die Rabbinerin lehnt sich zurück und sagt: „Auch wenn wir nicht alle Antworten haben: Fragen zu stellen ist wichtig im Judentum.“

Eine dieser Fragen könnte heißen: Wird es jemals wieder selbstverständlich sein, als Jude in Deutschland zu leben?

Monty Ott hat vier Jahre lang jeden Tag Kippa getragen. Als Zeichen, als Demonstration – und auch als Experiment. Den Ausschlag gab ein Angriff in der Innenstadt von Hannover. Mit einigen Bekannten, darunter dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler, steht Ott am Rande einer Pro-Palästina-Demonstration, auf der auch judenfeindliche und holocaustrelativierende Plakate gezeigt wurden. Sie halten eine Israel-Flagge, bilden eine winzige Gegenkundgebung. Plötzlich nimmt ein Mann Anlauf, springt in Kung-Fu-Manier auf die Gruppe zu und entreißt ihnen die Fahne.

Seit diesem Tag trug Ott Kippa. „Ich wollte mich zeigen“, sagte er. Doch es wurde nie zu einer Selbstverständlichkeit, weder für ihn noch für seine Umgebung. Wenn er in die Bahn stieg, wurde es still. Im Café starrten alle. Menschen spuckten vor ihm aus, bedrängten ihn, trieben ihn in die Ecke. Irgendetwas passierte immer. Seien es Provokationen muslimischer Jugendlicher, Hass von Rechten, von Autonomen, von ganz normalen Bürgern. Manchmal war es schön, da fragte ihn morgens an der Haltestelle ein muslimischer Junge: „Wie ist das bei euch denn mit dem Leben nach dem Tod?“

Seit kurzem lässt Ott die Kippa wieder weg. Er will nicht mehr in den Kampf ziehen jeden Morgen, den Kampf um Selbstverständlichkeit und Anerkennung. Der 25-Jährige fällt immer noch auf, mit Hipster-Bart, goldenem Davidstern um den Hals und Doc Martens an den Füßen. Und zugleich verschwindet er zwischen den vielen Typen Berlins.

Seit einem Dreivierteljahr lebt und arbeitet Ott in der Hauptstadt, im Büro eines anderen Bundestagsabgeordneten. Gleich nach seiner Ankunft gehörte er zu den Gründern einer der neuen jüdischen Initiativen in der Hauptstadt: Ott ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Keshet Deutschland, der ersten Interessenvertretung für homosexuelle Juden. Keshet ist das hebräische Wort für Regenbogen. „Es ist nicht leicht, beide Identitäten zusammenzubringen“, sagt Ott. Der Verein bietet Seminare zur Aufklärung und Events für gleichgeschlechtliche jüdische Elternpaare an. Was nach Abschottung klingen könnte, ist das Gegenteil. Keshet ist ein sicherer Hafen für alle, die sich angesprochen fühlen. Viele sind Neuankömmlinge in Berlin wie Ott, nur von weiter her. Viele junge Israelis auf der Suche nach ihrer Identität gehören dazu. Und auch Naomi Henkel-Gümbel, die sich halb scherzhaft als „Oberrabbinerin von Keshet“ vorstellt.

Die 28-Jährige ist Rabbinerin in Ausbildung am konservativen Zacharias-Frankel-Institut in Potsdam. Im vergangenen Herbst ist sie nach Deutschland zurückgekehrt. Es ist das Land ihrer Familie, das Land, in dem sie aufwuchs. Mit 20 aber ging sie nach Israel. „Ich habe nicht verstanden, warum meine Familie sich entschied, nach dem Holocaust wieder in Deutschland zu leben“, sagt sie.

Es ist die Nacht des Sabbat in Kreuzberg, die Nacht des jüdischen Schawout-Festes. Monty Ott nennt es die „lange Nacht des Lernens“. Sie feiern die Gabe der Tora, und weil das Buch wie Milch und Honig ist, gibt es überall etwas Süßes und Milchiges zu essen: Käsekuchen, Vanilleeis. Bei der Feier von Keshet in der Nähe des Hermannplatzes hat jemand Zitronensorbet danebengestellt. Das passt eigentlich nicht, aber hey, wenn jemand Lust auf Zitroneneis hat, warum nicht.

Eine kleine Gruppe macht sich auf den Weg zur Fraenkelufer-Synagoge. Naomi Henkel-Gümbel läuft durch die Kreuzberger Nacht und erzählt, warum sie aus Israel wieder wegging. „Ich wollte weg von diesem starren Verständnis von Religion. Die Orthodoxen dominieren in Israel. In Berlin ist viel mehr möglich!“ Möchte sie denn eine deutsche Rabbinerin sein? Die junge Frau geht schweigend am Landwehrkanal entlang. „Ich möchte eine universelle Rabbinerin sein.“

Naomi Henkel-Gümbel ringt mit sich und der Frage, ob sie in dieses Land gehört. In Berlin ist alles möglich, sagen Rebecca Blady und Jeremy Borowitz. In Tel Aviv oder New York hätte er sich nie so jüdisch gefühlt wie hier, sagt Dekel Peretz. In Berlin diversifiziert sich die jüdische Gemeinde, und das ist sehr gut so, sagt Monty Ott. „Aber wir werden nie vergessen: Das alles passiert in dem Land, von dem die Shoah ausging.“

Wird es je wieder selbstverständlich sein, in Deutschland als Jude zu leben? Teiku. Aber mitten in Kreuzberg tun junge Juden gerade viel dafür, dass es immer normaler wird.

Die Ausstellung

Jüdisches Leben in Deutschland ist mehr als nur Vergangenheit – 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es auch wieder Gegenwart. Wie definieren junge Juden ihr Verhältnis zu Deutschland jenseits von Holocaust, Antisemitismus und Israel?

Im Jüdischen Museum in Berlin ist diese Lebensrealität derzeit Thema einer Ausstellung: „A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart“ beleuchtet bis 5. Januar 2020 mithilfe des hebräischen Alphabets unterschiedliche Ausprägungen deutsch-jüdischer Gegenwart und – so formulieren es die Ausstellungsmacher selbst – „bürstet normierende Vorstellungen gegen den Strich“.

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