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Seenotrettung: „Wir müssen ein Zeichen setzen“

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Von: Fabian Scheuermann

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Auf der „Sea-Watch 5“ ist Platz für Hunderte in Seenot geratene Menschen.
Auf der „Sea-Watch 5“ ist Platz für Hunderte in Seenot geratene Menschen. © Fabian Melber/sea-watch.org

Sea-Watch-Sprecherin Mattea Weihe spricht im Interview über das neue Rettungsschiff „Sea-Watch 5“, skandalöse Tweets von Nancy Faeser und wofür sich die Bundesregierung einsetzen sollte.

Frau Weihe, mit der Elbphilharmonie als Kulisse haben Sie am Donnerstag im Hamburger Hafen das neue Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ getauft. Gleichzeitig hinderten Behörden in Italien mehrere Rettungsschiffe daran, einen Hafen anzulaufen. Aufbruchstimmung entsteht da keine, oder?

Wir haben das Schiff von einem breiten Netzwerk taufen lassen, dabei waren Vertreter:innen von „Refugees in Libya“, „Women in Exile“ und „Lampedusa in Hamburg“, die haben das Schiff gemeinsam getauft und das unter großem Applaus. Das war sehr schön, auch weil extrem viele Gäste vor Ort waren. Aber natürlich dachten alle auch an die drei Schiffe, die nicht in italienische Häfen einlaufen dürfen. Gerade angesichts der Entwicklungen in Italien war es jetzt auch einfach wichtig, ein Zeichen zu setzen. (Die „Humanity 1“ und die „Geo Barents“ durften inzwischen Catania anlaufen, Minderjährige und Kranke an Land; die Red.).

Dabei wird das neue Rettungsschiff nach der ersten Rettungsaktion doch sicherlich vor ähnlichen Problemen stehen wie diese drei Schiffe.

Ja, aber das müssen wir in Kauf nehmen.

Und wenn das neue Schiff unter irgendwelchen Vorwänden von Italien festgesetzt wird? So wie Ihr derzeitiges Schiff „Sea-Watch 3“ ...

Also was das Festsetzen angeht, bin ich nicht so pessimistisch. Denn unser neues Schiff ist mit zwölf Jahren sehr jung und es ist extrem gut ausgestattet. Dementsprechend sollte es bestmöglich gegen Kriminalisierungsversuche der italienischen Behörden gerüstet sein.

Die Stimmung gegenüber Schutzsuchenden in Deutschland wird gerade wieder einmal schlechter. Bundesinnenministerin Nancy Faeser schrieb neulich auf Twitter: „Wir sind gemeinsam in der Verantwortung, illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen.“

Ja, dass sich eine Sozialdemokratin so äußert ist natürlich absolut skandalös. Auch weil man feststellen muss, dass im Koalitionsvertrag der Ampel noch von ganz anderen Dingen die Rede war: Man hatte zum Beispiel versprochen, sich für eine staatliche Seenotrettung im Mittelmeer einzusetzen. Davon ist jetzt aber keine Rede mehr. Wir dürfen uns nicht blenden lassen von irgendwelchen schönen Worten, die im Koalitionsvertrag stehen, sondern wir müssen jetzt ganz genau auf die Bundesregierung schauen. Dass bei der staatlichen Seenotrettung bisher noch nichts passiert ist, ist ein Skandal.

Nun ist die Bundesregierung derzeit mit mehreren großen Krisen konfrontiert, die viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Gleichzeitig ist es auch nicht so, dass sich beim Thema Menschenrechte nichts tun würde, wenn man etwa an die verbesserte Bleibeperspektive für Menschen mit Duldung denkt.

Zu sagen, dass man viel zu tun hat, ist für eine Bundesregierung keine gute Ausrede, finde ich. Wer in den vergangenen Jahrzehnten mit offenen Augen unterwegs war, weiß, dass wir es dauerhaft mit multiplen Krisen zu tun haben. Das ist nichts Neues.

Zur Person

Mattea Weihe (31) ist Sprecherin der Hilfsorganisation Sea Watch.

Wofür sollte sich die Bundesregierung in Europa denn besonders einsetzen? Von der Wiedereinführung einer staatlichen Seenotrettung mal abgesehen.

Zum einen muss sich die Bundesregierung deutlich solidarischer zeigen, und das funktioniert nicht, wenn eine so prominente Person wie Nancy Faeser solche menschenverachtenden Worte twittert, wie eben erwähnt. Die Ampel sollte sich stattdessen wirklich an die Seite derer stellen, die in Europa die Menschenrechte verteidigen, an die Seite derjenigen bei den Hilfsorganisationen, die bei den Menschenrechten versuchen, keinen Unterschied zu machen was die Hautfarbe oder Herkunft angeht.

Wirkt sich die aktuell eher aufgeheizte Stimmung gegenüber Schutzsuchenden denn auf die Unterstützung für Ihre Organisation aus?

Nein. Aber was wir merken, ist, dass es eine Verunsicherung bei den Leuten gibt, was das Thema Geld angeht, Stichwort Gaspreise. Wir erleben derzeit Spendenrückgänge. Da sind nicht nur wir betroffen, sondern das betrifft viele Menschenrechts- und Hilfsorganisationen deutschlandweit, die gerade in Schwierigkeiten geraten, laufende Projekte weiter zu finanzieren. Wir verstehen natürlich die einzelnen Unterstützerinnen und Unterstützer, die schauen müssen, dass ihnen überhaupt noch genug Geld zum Leben bleibt. Man muss an dieser Stelle aber wieder einmal betonen, dass die Seenotrettung, die wir betreiben, ja eigentlich eine staatliche Aufgabe ist.

Mattea Weihe, Sprecherin von Sea Watch.
Mattea Weihe, Sprecherin von Sea Watch. © Fabian Melber/sea-watch.org

Die evangelische Kirche hat sich ja recht prominent platziert bei der Unterstützung von Seenotrettung, sie unterstützt auch Sea-Watch. Aber woher kommt denn das viele Geld, das sie für den Kauf und Umbau eines so großen Schiffes brauchen?

Die evangelische Kirche ist Teil des Bündnisses „United4Rescue“, das den Kauf der „Sea-Watch 5“ mit 200 000 Euro unterstützt hat. Das Schiff kostet allerdings 4,5 Millionen. Größtenteils haben wir das über einen Kredit und einen Crowdinvest der GLS Bank finanziert, also eine Art Darlehen, das gemeinsam von vielen Menschen gestemmt wird. Da waren auch viele Spenden dabei. Gleichzeitig sind wir bei der nachhaltigen Finanzierung des Projekts, etwa der Umbauten, noch auf weitere Unterstützung angewiesen.

Was ist denn an dem neuen Schiff besser als an dem alten, das Sie für Rettungseinsätze im Mittelmeer genutzt hatten?

Es ist schneller und es passen mehr Leute darauf. Und dass das Schiff so jung ist, verkürzt Werftzeiten. Und die Bauart ist für Rettungsaktionen einfach sehr geeignet. Das Schiff ist ein ehemaliger Offshore-Supplier. Einfach gesagt ist das Schiff, wenn Ölplattformen gebrannt haben, dort in den Einsatz gegangen und hat Notversorgung betrieben. Es verfügt über ein extrem großes hinteres Deck, wo Platz für fast 500 Personen ist. Auf der „Sea-Watch 3“ waren gerettete Menschen teilweise auf drei Decks verteilt. Wenn aber alle auf einem Deck sind, macht das die Arbeit für die Besatzung deutlich einfacher – man kann besser Essen austeilen, hat medizinische Notfälle besser im Blick. Aber man kann auch mehr Ruhezeiten für die Besatzung integrieren. Das klingt immer etwas komisch, wenn ich das so betone, aber wenn man 48 Stunden nicht mehr geschlafen hat, weil man die ganze Nacht in Rettungseinsätzen war, ist Ruhe wichtig.

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