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Ein Priester in Italien geht an Karfreitag vor einem Krankenhaus einen Kreuzweg (Symbolbild).

Seelsorge

Seelsorger über Corona-Krise: „Beistand ist notwendiger denn je“

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Wer jetzt in einer Klinik liegt, muss Ostern alleine verbringen. Zwei Seelsorger berichten.

In Kinderschrift steht an der Tür: „Ostern wird kommen“. Es liest sich wie eine trotzige Botschaft. Hier geht es zur Kita des Klinikpersonals im Berliner Helios-Krankenhaus Emil von Behring. Um diese frohe Botschaft herum pinnen bunt bemalte Zettel. Mit Eiern in Regenbogenfarben drauf und Hasen mit riesigen Rucksäcken. Wolfgang Felber lacht. „Die Kinder“, sagt der katholische Krankenhausseelsorger, „sie haben recht.“

Wir haben uns mit ihm und der evangelischen Klinikseelsorgerin Gesine Bertheau verabredet, um über das Fest der Auferstehung in Corona-Zeiten zu reden.

Was ist Ihr erster Gedanke, wenn es um Ostern geht?

Felber:Ich stamme aus dem Allgäu. Es gab in meiner Kindheit viele Bräuche: die Segnung von Speisen, die Spiele mit Eiern, das Verstecken natürlich. Ostern ist immer ein Fest in Gemeinschaft gewesen. Wenn ich daran denke, muss ich unwillkürlich lächeln. Mir wird warm ums Herz.

Bertheau:Mein Ostern ist vor allem durch die Gemeindearbeit geprägt. Passionszeit, Fastenzeit, das Osterfeuer am Morgen des Ostersonntags, von dem das Licht in die Kirche getragen wird und allmählich den ganzen Raum erhellt. Man kommt aus dem Dunklen und kann sehen, wie sich das Licht ausbreitet. Ein starkes Symbol.

Für Menschen, die im Krankenhaus bleiben müssen, weil sie schwer krank sind, sind solche Feiertage schwierig. Können Sie dabei helfen?

Bertheau:Gerade an Feiertagen hilft die Familie. Ob Ostern oder Weihnachten – die Besucher strömen in die Klinik, um ihren Angehörigen beizustehen und Mut zu machen. Dieses Jahr ist alles anders. Wer uns aber um Hilfe bittet, für den sind wir da.

Gesine Bertheau ist evangelische Pfarrerin und arbeitet seit zwei Jahren als Klinikseelsorgerin.

Felber:Beistand ist jetzt notwendiger denn je.

Sie übernehmen in der Zeit der Zugangssperren eine Art Stellvertreterfunktion für die Familie. Ist das zu bewältigen?

Felber:Die Rolle der Familie werden wir nicht ausfüllen können. Das verlangt auch niemand. Wir sind aber nun im wahrsten Sinne des Wortes die Nächsten, selbst wenn uns mittlerweile ebenfalls die körperliche Nähe zum Kranken untersagt ist. Ich halte das jedoch nicht für unüberbrückbar.

Bertheau:Wir haben technische Mitarbeiter, die sich als wahrer Segen erweisen – Tablets und Smartphones sowie ein gutes Wlan in den Kliniken. Der Draht nach draußen darf nicht abreißen. Gleichwohl ist von uns Seelsorgern immer jemand per Telefon erreichbar.

Funktioniert Beistand mit Abstand überhaupt?

Bertheau:Ich bin im Patientenkontakt eher zurückhaltend, was das Angebot körperlicher Nähe angeht. Aber natürlich spüre ich, wenn es jemandem guttut, die Hand zu halten. Das jetzt nicht zu können, ist schwer. Schon dass wir mit Mundschutz zu den Patienten müssen, ist außerordentlich schwierig für unsere Arbeit. Sie sehen nur noch unsere Augen, keine Mimik.

Felber:Sozial sein heißt jetzt: Abstand halten. Nächstenliebe ist, Abstand zu halten. Es ist das klassische Dilemma. Aber ich bin froh, dass unsere Kirchen dies so sehen und verkünden. In Italien ist das lange nicht so gesehen worden. Hier riefen die Kirchen dazu auf, dass die christliche Gemeinschaft in der Corona-Krise erst recht zusammenrücken müsse. Mit furchtbaren Folgen. Unter den vielen Toten finden sich auch 80 Priester.

Wolfgang Felber ist Jesuitenpater und seit sieben Jahren Klinikseelsorger in Berlin.

Ihr Mitbruder, Herr Felber, der Jesuitenpater Klaus Mertes, warnt vor der Einschränkung von Grundrechten. „Es ist ein fundamentales Recht jedes Menschen, in der Not Beistand zu bekommen, selbst wenn sich für ihn ein Infektionsrisiko ergibt“, sagt er. Was meinen Sie?

Felber:Ich meine, die jetzigen Maßnahmen sind richtig, um die Infektionskurve so flach wie möglich zu halten und die Krankenhäuser vor Überlastung zu schützen. Es geht nicht anders. Gleichwohl gilt es, sensibel zu bleiben, was die Einschränkung von Grundrechten angeht. In Ungarn überschreitet Viktor Orbán gerade unter dem Corona-Deckmäntelchen genau die Grenze zwischen Einschränkung und Unfreiheit. Das ist es auch, wovor Klaus Mertes warnt. Und hier bin ich bei ihm.

Was geht Klinikpatienten, die nicht am Virus erkrankt sind, derzeit durch den Kopf?

Bertheau:Ich betreue eine Frau, die eine Lungenentzündung hat und nicht an Covid-19 erkrankt ist. Sie weiß um die Gefahr und fragt sich: Komme ich hier wieder lebend raus? Bei allem Vertrauen zu Ärzten, Pflegepersonal oder uns – die Patienten wissen einerseits, wie wichtig diese Einschränkungen auch für ihr Leben sind, andererseits schüren sie unweigerlich Ängste. Und genau an diesem Punkt sehe ich meine Aufgabe: das Vertrauen ins Leben zu stärken.

Fürchten Sie sich eigentlich vor einer Infektion?

Bertheau:Nein. Man muss ja ohnehin davon ausgehen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung infizieren wird. Ich fürchte mich eher davor, Überträgerin zu sein, auch wenn ich alle empfohlenen Regeln einhalte. Das ist belastend. Es behindert die innere Bewegungsfreiheit.

Felber:Gesine, mir geht es genauso – auch wenn ich mir sage, dass der Mundschutz andere vor mir schützt. Wir tun so viel, wie uns möglich ist. Doch hundertprozentige Sicherheit gibt es eben nicht.

Das medizinische Personal steht jetzt unter Dauerstress. Wie lange ist das durchzuhalten?

Felber:Mich verblüfft die Ruhe, mit der alle Beteiligten an die Situation herangehen. Sie kennen das zwar, unter Stress schnell zu entscheiden und zu handeln. Dass dies jedoch auch unter diesen Umständen so ist, davor habe ich allerhöchsten Respekt.

Bertheau:Diese Professionalität strahlt auf die Patienten aus. Sie schöpfen daraus Vertrauen, dass alles gut gehen wird.

Viele Ärzte werden womöglich schwierige Entscheidungen fällen müssen, falls die Ressourcen knapp werden: Wer wird gerettet, wen geben wir auf? Kann man sich darauf vorbereiten?

Felber:Die eigentlich aus der Kriegsmedizin stammende „Triage“ wird auch in der Katastrophen- oder Intensivmedizin angewandt, wenn es viele Verletzte gibt. Nüchtern betrachtet, sind es klare Kriterien, die Medizinern die Arbeit unter hohem Druck erleichtern. Das heißt jedoch nicht, dass es leicht wird.

Bertheau:Es gibt Berichte aus europäischen Krankenhäusern, wonach über 80-jährige Patienten nicht mehr behandelt werden. Hier halte ich das für ausgeschlossen. Es geht um die Erfolgsaussichten einer Behandlung, egal, wie alt man ist oder wie reich oder wie bedeutend.

Stößt Ihr Glauben dabei dennoch an Grenzen?

Felber:Wenn ich von zwei Leben eines retten kann, statt dass beide sterben, finde ich das richtig. Die Regeln sind hart, sie wurden jedoch nicht erst in der Krise aufgestellt – was ich beruhigend finde.

Bertheau:Ich finde das besser, als unbestimmt zu sagen: „Wir sehen mal, welche Chancen der Betroffene hat.“ Wenn vor der Entscheidung des Arztes alle gleich sind, kann ich dieses Vorgehen in der Krise auch mit meinem Glauben in Einklang bringen.

Wie oft sind Sie schon gefragt worden, wie Gott so etwas wie das Coronavirus zulassen kann?

Bertheau:Merkwürdigerweise in diesen Tagen noch von niemandem. Die Frage, ob es eine Strafe Gottes sei, begegnet mir ansonsten oft, wenn es um Krankheit und Leid geht. Heute höre ich jedoch: „Das haben wir nun davon.“ Nicht wenige beginnen derzeit, an der Richtigkeit des eigenen Lebensstils zu zweifeln – mit seinem Egoismus, der Ressourcenverschwendung, der wirtschaftlich orientierten Globalisierung.

Felber:Gott ist am Werk, ja, zweifellos. Und zwar in allen Menschen, die sich gerade dem Coronavirus widersetzen. Er ist auch am Werk, wenn wir darüber nachdenken, wie wir unsere Lebensweise so anpassen, dass solch eine Pandemie nicht mehr möglich ist. Denn die ist menschengemacht.

Ist das die Hoffnung, die dieser Krise innewohnt?

Bertheau:Ich glaube nicht, dass wir anschließend zur Tagesordnung übergehen können. Wir müssen als Gesellschaft über Wertschätzung von Berufen wie die in der Pflege, bei der Müllabfuhr oder an der Supermarktkasse reden – und vor allem entsprechend handeln. Wichtig wäre aber auch, uns darüber klar zu werden, wie wichtig Beziehungen sind, das Miteinander. Dazu zählt übrigens auch die Achtsamkeit sich selbst gegenüber.

Felber:Wir werden das Virus aus der Welt schaffen, wenn wir uns dabei vereinen. Für mich wäre eine Lehre: Nicht alles ist machbar, wir sind nicht die Herren der Welt. Und wenn wir uns nach der Krise immer wieder daran erinnern, wie das Gemeinwohl in dieser Zeit erstarken konnte, dann wäre viel gewonnen für die Menschheit und das Zusammenleben auf unserer Erde.

Interview: Thoralf Cleven

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