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Seelenwanderungen

Schon viele Menschen flohen in den Schutz der chilenischen Anden: vor den Folterknechten der Diktatur, vor der Kolonialmacht oder auch nur vor der unerbittlichen Hitze der Wüste Atacama.

Von Peter Linden

Volcán Apagado, 5703 Meter. Diese Berge rufen nicht, sie schreien. Cerro de Tocorpurri, 5808 Meter. Wie eine große Verheißung erheben sich die Vulkane der Anden über dem Flirren der Salzseen, über Staub und Sand, über den rostbraunen Schuppen vertrockneter Erde. Cerro Hecar, 5422 Meter. Wenn denn je Wolken kommen: Über diese Gipfelkette würden sie klettern, vom Amazonasbecken herüber in den Norden Chiles. Volcán Lascar, 5154 Meter. Wenn es je eine Zuflucht gab vor der unerbittlichen Hitze der Wüste Atacama, dann liegt sie dort oben, wo der Schnee sich hält und wo manchmal eisige Winde fegen. Volcán Puntas Negras, 5852 Meter. Diese Berge rufen nicht, sie schreien.

Cerro Redondo, 5698 Meter. Cerro Juriques, 5704 Meter. Cerro Sairécabur, 5971 Meter. Seit einigen Tagen starre ich sie an, diese Gipfel, von San Pedro de Atacama aus starre ich, 2438 Meter hoch gelegen am Dreiländereck Chile - Bolivien - Argentinien. Unaufhörlich richtet sich mein Blick hinauf in die Gipfelregionen nach all den Tagen der Anreise auf der Panamericana, nach diesen endlos flachen Tagen unter der Sonne. Je flacher sie wurden, diese Tage, und je heißer sie brannte, die Sonne, umso mehr wuchs die Sehnsucht nach der berühmten "Puna". Jener feucht-kühlen Zone zwischen 3800 und 4000 Metern Höhe, in der die Felsen plötzlich mit dicken, samtgrünen Moosen überwuchert sind, in der es Gras gibt für die Lamas, in der sich klares Wasser in seichten Lagunen hält. Und es wuchs die Sehnsucht nach schierer Höhe. Dieser schwer begreifliche Wahn, erstmals in meinem Leben die 5000-Meter-Barriere zu durchstoßen; Luis Aracena, 45, soll mich dabei begleiten. Seit einigen Jahren führt Luis Aracena Touristen auf die höchsten Gipfel der Anden.

Zuvor aber hatte der Keramikkünstler Luis Aracena die Künstler von San Pedro aus der Angst und Lethargie der Militärdiktatur geführt. Gleich nach dem Sturz Pinochets gründete er im Auftrag des neuen, demokratischen Kulturministeriums eine Organisation, in der 50 Maler und Bildhauer ihre Arbeit wieder aufnahmen. Benannt hat er sie, natürlich, nach dem markantesten der Gipfel über San Pedro de Atacama: Licancábur. Volcán Licancábur, 5916 Meter. Der Name ist nicht nur eine Hommage an die Bergwelt. Er ist eine Hommage an die Menschen, die in dieser Bergwelt seit Jahrhunderten um ihre Kultur kämpfen. An die Atacamenos und deren untergehende Sprache "Kunza". Licancábur, das bedeutet auf Kunza: Der Berg über dem Dorf. Zehn Jahre lang blieb Luis Atacena der Präsident der Künstler im Dorf unter dem Berg.

Der Licancábur: Perfekter kann ein Vulkan nicht geformt sein. Eine weich gezeichnete Pyramide mit rund geschliffenen, gleichförmigen Flanken und weiß getünchter Spitze. 50 Kilometer liegen zwischen San Pedro de Atacama und dem Licancábur, doch die trockene Luft rückt ihn nah, so nah. Ich möchte einfach los spazieren, gemeinsam mit Luis. Doch Luis warnt: Es sei nicht die rechte Zeit für den Licancábur. Und San Pedro nicht der rechte Ort für das Basislager. Den Licancábur müsse man von Bolivien aus besteigen, hinter der Laguna Verde beginne der Aufstieg, mindestens zwei mühsame Tage. Und überhaupt gelte es, sich zu akklimatisieren. Zuerst die Puna, dann die Gipfel!

Am nächsten Tag fahren wir los in die Reserva Nacional Los Flamencos, zuerst auf Teer, dann über Sand und Stein, bis hinauf auf 4000 Meter. Bizarre, erodierte Steinmänner, erstarrte Figuren, verzauberte Tänzer. Jedes normale Fahrzeug würde jetzt schlapp machen, zu dünn die Luft für den Motor, zu weich der Boden für die Reifen. Doch Luis Aracenas Chevrolet ist ausgerüstet für solche Expeditionen. Der Motor arbeitet auch bei wenig Sauerstoff mit voller Leistung. Und natürlich wirkt die Kraft des Motors auf alle vier Räder. Der Chevrolet wühlt sich vorwärts bis ans Ufer eines türkisfarbenen Sees, auf dem Inseln mit gelbem Gras zu schwimmen scheinen: Ein Salzsee. Der Salar de Tara.

Akklimatisierung mit Luis, das heißt auch, Menschen zu treffen, die noch die Kultur der Atacamenos kennen. Am Salar de Tara lebt Eusebia Casimiro Cruz, eine 75-jährige Großmutter, gemeinsam mit ihrem Sohn, den Enkelkindern und 240 Lamas. Eusebia Casimiro Cruz ist in eine lila Wolldecke gehüllt, ihr Gesicht versteckt sie hinter der breiten Krempe eines Lederhuts. "San Pedro ist mir langweilig", sagt sie. Und dann erzählt sie, dass sie nichts hält von der Taufe, die sie dort unten als Kind erfahren hat. Dass sie an Pacha Mama und Pachak Kama glaubt, an Mutter Erde und den Gott der Atacamenos. Eusebia trinkt Tee, Tee aus der gelben Flor de la Puna, die hier überall wächst. Und immer, wenn sie die Tasse an die Lippen setzt, sprenkelt sie zuvor ein paar Tropfen auf den Boden vor ihrer Holzhütte, Nahrung für Pacha Mama.

In solchen Holzhütten haben sich Fliehende vor den Folterknechten der Diktatur versteckt, ehe sie sich in dunkler Nacht über die Grenze schlichen. Und noch heute spricht niemand gerne darüber, als lauere noch immer Gefahr. Auch Eusebia Casimiro Cruz will nicht erzählen, wer auf ihren Schaumstoffmatratzen unter löchrigem Wellblech geschlafen hat in den Jahren der Verfolgung. Sie haben selbst oft fliehen müssen, die Bergbewohner der chilenischen Anden. Im 15. Jahrhundert vor der Brutalität der Inkas. Ab dem 16. Jahrhundert vor der noch größeren Brutalität der Spanier. 1776 verbot ihnen die Kolonialmacht ihre Sprache. Wer Kunza sprach, dem wurde die Zunge abgeschnitten. Kein Wunder, dass die Atacamenos lieber schweigen, wenn es um Politik geht. Dass Eusebia lieber still in die Gipfelrunde blickt, das Lamazicklein im Arm, das gestern geboren wurde. Cerro Losloyo, 5343 Meter. Cerro Negro, 5157 Meter. Nevados de Poquis, 5745 Meter. Darüber hinaus reicht ihre Welt nicht. Sie will gar nicht hinaus in diese Welt.

Luis Aracena lädt mich ein in sein Haus. Dort erzählt er, dass er begonnen hat, mit seinen Freunden die alten Zeremonien wieder zu beleben, die Jahreszeiten-Feste der Atacamenos mit Opfergaben an Pacha Mama. Zu diesen Festen kommt auch Cecilio Gonzales, der alte Schamane, der weiß, wie man mit den Medaillons aus dem Toconao-Kaktus umzugehen hat und wie man den Tee aus den Samen einer Pflanze namens Samico trinken muss, damit es bei nur drei Tagen heftiger Halluzinationen bleibt. 1996 soll es ein geheimes Schamanentreffen gegeben haben, Luis Aracena nennt es den Beginn einer neuen Ära. Das Treffen fand auf einem Berg statt, Cerro Quimal, 4278 Meter. Die Zeit ist auch für mich reif. Ich habe mich akklimatisiert. Morgen werden wir unseren Gipfel besteigen, sagt Luis Aracena. Kurikinka, 5200 Meter.

Der Kurikinka gehört nicht zu den namhaften unter den Vulkanen. Er steht irgendwo in der Landschaft zwischen San Pedro und den Geysiren von Tatio, die vor allem am frühen Morgen sprudeln bei Minusgraden und Tiefdruck. 76 Grad heiß ist das Wasser dort oben auf 4321 Metern Höhe. In einige der Pools mischt sich Schmelzwasser, und die Menschen können darin baden. Wir aber biegen links ab, kurz hinter der "Cuesta del Diablo", der "Klippe des Teufels". Solche Ortsnamen haben nicht erst die Spanier gewählt. Der Name des Vulkans Lascár bedeutet in Kunza "Zunge des Feuers"; Atacama heißt einfach "Ende der Welt". Hier am Ende der Welt hält Luis Aracena den Chevrolet an. Der Ausgangspunkt unserer Wanderung, etwa 4000 Meter über dem Pazifik. Kleine "Suri", eine Art südamerikanischer Straußenvogel, ducken sich hinter gelben Grasbüscheln.

Luis Aracena greift in eine Plastiktüte und holt ein paar grüne Blätter heraus. "Kau das, wenn du willst", sagt er, "es stützt die Seele, es gibt Kraft, es beruhigt den Magen und hilft gegen die Höhenkrankheit". Ein Wundermittel, fast überall verboten, hier geduldet: Kokablätter. Zehn Dollar kostet so ein Plastiksäckchen, die Lieferungen kommen aus Bolivien. Ich soll drei oder fünf oder sieben nehmen, sagt Luis, auf jeden Fall eine ungerade Zahl. Ich nehme fünf. Ich schiebe sie mir in die Wangen. Er kaut los. Ich kaue auch. Vorsichtig. Und ich beginne den Anstieg. 1200 Höhenmeter sind wenig, in den Alpen. Hier aber betrete ich Neuland. Ich werde meinen ersten Fünftausender besteigen.

Als ich, wieder einmal, darüber nachdenke, weshalb ich einen Gipfel mit 4980 Metern Höhe vermutlich verschmäht hätte, zeigt Luis Aracena auf einen kleinen Steinhaufen. Eine leere Dose Heineken, eine leere Flasche Wein, eine leere Schachtel Zigaretten. Ein Schild: "El Guia de la Montana". Ein Grab. Hier am Hang ist Roberto Sanchez begraben, Luis' bester Freund, der Erste, der in San Pedro mit der Bergführerei begann. 1998 starb er in dieser Gegend, im Glauben der Atacamenos bedeutete das, dass seine Seele für drei Jahre an diesem Ort bleiben und später immer dann zurückkehren würde, wenn sich jemand ihrer erinnerte. Also kommt Luis regelmäßig hierher und erinnert sich. Roberto war ein Raucher, also steckt sich Luis eine Marlboro an, zieht zwei Mal und steckt die Zigarette glimmend zwischen zwei Steine.

4500 Meter, 4600 Meter. Es wird kühler. Meine Schritte werden kürzer. Ich mache Pause nach jedem vierten, dann nach jedem dritten Schritt. Vulkangestein ist lose, wenn ich zu lange stehen bleibe, rutsche ich langsam zurück. Ich kaue ein bisschen lebhafter auf meinen Kokablättern, aber ich fühle Wirkung allenfalls in dem, was ich nicht fühle: keine Kopfschmerzen, keine Magenschmerzen, keine Höhenkrankheit. Luis hat es leichter mit seinen kurzen Beinen, aber auch er nimmt sich seine Pausen, auch er setzt die Schritte bedächtiger. 4800 Meter, 4900 Meter, wir schätzen die Höhe anhand der Gipfel gegenüber. Volcán Putana, 5890 Meter, Morro de Cablor 4453 Meter. Die erwartete totale Erschöpfung bleibt aus. Eiskristalle knirschen unter meinen Bergstiefeln, aber ich muss die Steigeisen nicht anlegen.

Dann wird der Himmel weiter, kein Rückwärtsrutschen mehr, sanfte Steigung auf einige Steinmänner hin, Steinmänner mit Raureif und kleinen Eiszapfen. Ich gehe und gehe, angekommen am Gipfel möchte ich am liebsten weiter gehen. Kurikinka, 5200 Meter. Schön, aber nicht schöner als sonst auf den Bergen. Keine Spur von Schallmauer, Grenzüberschreitung, Extremerfahrung. Gegenüber eine Kette von Vulkanen, die noch höher sind. Und, so nah, der Cerro de Pili, 6046 Meter - ein Sechstausender. Luis ruft: "U, u, u, tschak, tschak, tschak", umarmt mich, sagt, wir seien nun Bergbrüder. Dann gräbt er ein Loch, gibt etwas Obst, Nüsse und einige Tropfen Coca-Cola hinein und bittet, auf Kunza, um die Rückkehr von Frieden und Harmonie.

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