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Lockernde Runde: Für Kurt Georg Kiesinger (2. v. r.) war der „Kressbronner Kreis“ eine Möglichkeit, „die persönliche Atmosphäre zu verbessern“

Groko

Seebad statt Schlammschlacht

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Vor über 50 Jahren war die Große Koalition schon mal in der Krise. Damals trafen sich die Spitzen von CDU und SPD an einem kleinen See im Süden Deutschlands, um die Wogen zu glätten.

Die schönste Geschichte unter den zahlreichen Anekdoten, die sich um die legendäre Runde ranken, ist die mit den Badehosen. Bei manchem, was über das Treffen der deutschen Politspitzen Ende der 60er Jahre in Kressbronn am Bodensee berichtet wurde, handelt es sich vermutlich um Legenden, die Episode mit den Schwimmhosen aber ist verbürgt – und fand sogar Eingang in wissenschaftliche Publikationen.

Gesellschaftliches Ereignis: die Ankunft der Politprominenz.

Auch der „Spiegel“ erwähnte das eigentlich geheime Treffen der Spitzenpolitiker aus CDU und SPD am 4. September 1967 in einem Bericht über den Zustand der Großen Koalition – der ersten in der Bundesrepublik unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger und Vizekanzler Willy Brandt, die damals aber noch nicht GroKo genannt wurde, obwohl sie richtig groß war. Zu den Details, mit denen das Hamburger Nachrichtenmagazin in seiner süffisanten Story aufwartete, gehören jene Badehosen, die der als sparsam bekannte Schwabe Kiesinger in ungewohnter Spendierlaune für SPD-Chef Brandt und dessen Stellvertreter Herbert Wehner hatte besorgen lassen. Weitsichtig schickte er zwei Sicherheitsbeamte los, die in örtlichen Kressbronner Läden fündig wurden. Von ihrer Shoppingtour brachten die Beamten eine dunkelblaue Hose zu 12,90 Mark für Brandt und eine weinrote für Wehner zu 8,50 Mark mit. Der Dritte im Bunde, Familien- und Jugendminister Bruno Heck, hatte als Träger des Goldenen Sportabzeichens seine eigenen Schwimmsachen dabei.

Es war ein warmer Spätsommertag Ende August, als Kiesinger die Spitzen des seit Dezember 1966 regierenden Bündnisses nach ersten ernsthaften Querelen zur Entspannung in den äußersten Zipfel seiner württembergischen Heimat bat. Kressbronn, am Nordufer des Bodensees zwischen Friedrichshafen und Lindau gelegen, war der Ferienort des begeisterten Wandersmanns. Sein Freund und Parteifreund Max Grünbeck, damals Oberbürgermeister von Friedrichshafen, stellte dem nicht sonderlich anspruchsvollen Kanzler sein Haus in einer ruhigen Kressbronner Wohnstraße als Urlaubsdomizil zur Verfügung.

Eigentlich suchte Kiesinger so oft wie möglich Kontakt zum Volk, doch als sich „das Quartett soignierter Herren zum Planschen“ traf, wie es im „Spiegel“ hieß, wollte man lieber unter sich bleiben und suchte Erfrischung im stillen Schleinsee, vier Kilometer nordöstlich. Er liegt 474 Meter über dem Meeresspiegel und ist ein im Durchschnitt 22 Grad warmes „Stillgewässer“. Also wie geschaffen für diesen Anlass. Überliefert ist, dass Brustschwimmer Wehner sich bis in die Seemitte traute und es aus eigener Kraft wieder ans Ufer schaffte. Brandt indes verausgabte sich beim Kraulen im Spurt und musste von einem Kriminalbeamten ins Begleitboot gezogen werden.

Lockernde Runde: Für Kurt Georg Kiesinger (2. v. r.) war der „Kressbronner Kreis“ eine Möglichkeit, „die persönliche Atmosphäre zu verbessern“

Der kleine See gehörte dem Hopfenbauern Anton Gührer. Nach dem Bad servierte er den Großkoalitionären zum Aufwärmen einen selbst gebrannten Obstler. Auf dem Nachbargrundstück hatte der umsichtige Regierungschef eigens eine Badehütte errichten lassen, um seinen Mitstreitern wenigstens kargen Komfort zu bieten. So erzählt es an einem neblig-trüben Januartag gut 52 Jahre später Karl Alfred Schwaderer. Der pensionierte Oberstudienrat engagiert sich ehrenamtlich in der Kulturarbeit der Gemeinde. Nachfahren der beiden Landwirte haben keine eigenen Erinnerungen mehr daran, dass hier, wie der „Spiegel“ spöttisch anmerkte, „die schwarz-rote Koalition baden ging“.

Ganz so ernst war es um die Lage des Bündnisses aus zwei annähernd gleich starken Partnern noch nicht bestellt. Wohl aber hatten sich in den zurückliegenden Monaten Probleme angestaut, für deren Lösung es akuten Gesprächsbedarf gab, zum Beispiel wegen deutschland- und ostpolitischer Vorstöße, die Willy Brandt als Außenminister und Herbert Wehner als Chef des gesamtdeutschen Ressorts im Alleingang unternommen hatten. Vier Stunden debattierte die Herrenrunde nach der Abkühlung im See über das Vorzeigeprojekt „Mittelfristige Finanzplanung“, die später als „Mifrifi“ in die Geschichte eingehen sollte.

Die „Mifrifi“ galt als wichtigster Nachweis für den Erfolg, ja sogar für die Existenzberechtigung von Schwarz-Rot. Und es gab die Sorge, interessierte Kräfte aus beiden Lagern könnten versuchen, den mühsam erstrittenen Kompromiss aus Kürzungen und Steuerhöhungen wieder zu kippen. Ein anderer Streitpunkt war eine „Ergänzungsabgabe“ für höhere Einkommen. Wie sich die Bilder gleichen! Wer weiß, vielleicht haben sich die aktuellen GroKo-Verfechter in der SPD, Olaf Scholz und Hubertus Heil, ja insgeheim sehnsüchtig an die später im Bonner Politikbetrieb institutionalisierte Konfliktbewältigungsrunde erinnert und manchmal von einer Neuauflage geträumt.

Die Spurensuche in Kressbronn gestaltet sich schwierig. Gibt es das Grünbeckhaus noch? Keine Ahnung, sagt kopfschüttelnd der Briefträger, der nie woanders als in Kressbronn die Post verteilt hat. Sorry, zu lange her, heißt es bei der SPD. „War das was Esoterisches?“ fragt eine freundliche Mitarbeiterin des CDU-Ortsverbands zurück. Mutmaßungen, wo die Herrenrunde sich seinerzeit verabredet haben könnte, reichen von Räumen in der längst bankrotten Bodanwerft bis zu einem Allianz-Ferienheim, das vor Jahren zu einem Viersternehotel umgewandelt wurde. Überall Fehlanzeige. „Versuchen Sie es doch mal in Esseratsweiler“, rät die Buchhändlerin. Das Humboldthaus im Nachbardorf kann Ortsheimatpfleger Josef Farfeleder als Treffpunkt definitiv ausschließen. „Kiesinger und Brandt bei den Anthroposophen, das passt nicht.“ Die verwunschen im Wald gelegene Tagungsstätte knüpft laut ihrer Webseite an Ideen Rudolf Steiners an.

Fröhliche Zaungäste: Drinnen wurde verhandelt, draußen geplaudert.

Die Geburtsstunde des Kressbronner Kreises lag irgendwann zwischen Ende August und Anfang September 1967, davon ist der Mannheimer Historiker Philipp Gassert überzeugt. Er ist Autor des Standardwerks „Kurt Georg Kiesinger – Kanzler zwischen den Zeiten“ und außerdem Verfechter der These, dass die Bezeichnung „Kressbronner Kreis“ zunächst eine Erfindung der Medien war. Die Initiative sei laut Gassert eindeutig von Kiesinger ausgegangen. „Unionskreise“ drängten ihn, den Koalitionspartner in strittigen Fragen „an die Kandare“ zu nehmen. Als Erfinder des Kreises habe er, obwohl „Kressbronn“ zum „kongenialen Führungsinstrument“ seiner Regierungszeit wurde, später nicht gelten wollen. Er habe die Runde „nur als eine von vielen Möglichkeiten gesehen, die persönliche Atmosphäre zu verbessern“.

Auf die Institutionalisierung als Quasi-Koalitionsausschuss habe Helmut Schmidt gedrängt, damals SPD-Fraktionschef, der mit seinem CDU-Kollegen Rainer Barzel erstaunlich gut harmonierte, wenn es darum ging, die Truppe beieinanderzuhalten. Manchen zeitgenössischen Beobachtern galten die beiden als „heimliche Nebenregierung“. Überhaupt erscheint es heute wie ein Wunder, dass es Kiesinger, dem „wandelnden Vermittlungsausschuss“, gelang, so gegensätzliche Charaktere und Temperamente wie Herbert Wehner und CSU-Chef Franz Josef Strauß als Finanzminister unter einem Dach zu versammeln.

Es war zweifellos geschickt von Kiesinger, dass er die Premiere des noch namenlosen Kressbronner Kreises mit „ostentativen Lockerungsübungen“ (Gassert) einleitete – mit dem gemeinsamen Bad im Schleinsee eben. Teilnehmer schildern die Begleitumstände als „ungezwungene Urlaubsatmosphäre“. Anders als später in Bonn waren die Konsultationen in Kressbronn eine „Abfolge von Gesprächen des Kanzlers mit unterschiedlichen Kombinationen von Politikern“.

Stille Wasser: Am Schleinsee gab’s Obstler für die Herrenrunde.

Der Kressbronner Kreis war vieles gleichzeitig, wie der Historiker Joachim S. Eichhorn zusammengetragen hat. „Zirkel der Mächtigen“, „Kiesingers Küchenkabinett“ und später auch „Kress-Bonner Kreis“. Er war eine Art Clearingstelle, um Schlammschlachten zu vermeiden, in gewisser Weise auch Denkfabrik. Rainer Barzel sprach gelegentlich etwas abschätzig vom „Kressbronner Kränzchen“, rühmte aber auch die Bereitschaft aller Beteiligten, „mittelschwere Kröten in verzuckerter Form zu fressen“. Eichhorn hat minutiös untersucht, wie oft die zum Koalitionsausschuss mutierte Runde mit etwa einem Dutzend ständigen Mitgliedern 1968 und 1969, als die Große Koalition platzte, getagt hat. In der Regel dienstags um 13 Uhr mit „kleinem Mittagessen“. Nach dem Auftakt am Bodensee traf sie sich 1967 noch fünfmal, im nächsten Jahr 29-mal, 1969, im Zeichen des heraufziehenden Wahlkampfes für die Bundestagswahl Ende September, nur noch sechsmal.

Aber ohne die Anfänge in Kressbronn (der aktuelle Werbeslogan „Da bin ich gern“ hätte sicher auch Kiesinger gefallen) wären die späteren Konsensfindungsrunden im Bonner Kanzleramt nicht denkbar gewesen – trotz der „krampfhaften Bemühungen beider Seiten, ihre Bedeutung herunterzuspielen“, wie es Kiesinger-Biograf Gassert formuliert. Kiesinger distanzierte sich nachträglich, indem er sein „Baby“ als „Verlegenheitsschöpfung“ bezeichnete.

Damals schaffte es der beschauliche Ort bundesweit auf die Titelseiten und fand sogar international Beachtung. Die nicht zu Übertreibungen neigende „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb über die Kressbronner, sie erlebten die Verwandlung ihrer Gemeinde zu einem „politischen Wallfahrtsort“. Ankunft und Abreise der Bonner Politprominenz waren ebenso wie der Kirchgang der Familie Kiesinger „ein außerordentliches gesellschaftliches Ereignis und in der Geschichte Kressbronns ohne Beispiel“, erzählt Historiker Karl Alfred Schwaderer, der sich wie kaum ein anderer mit der jüngeren Vergangenheit der Region auskennt. 1966, im Gründungsjahr der ersten Großen Koalition, war er als Lehramtsstudent und Kritiker der Notstandsgesetze in die SPD eingetreten, „und ich habe mein Parteibuch bis heute“.

Die Chance, mit führenden Bonner Köpfen tagelang Tuchfühlung zu haben, war das herausragende Ereignis des Jahres. Schwaderer weiß noch, wie der stets höfliche Kiesinger Journalisten und Schaulustige bat, doch bitte den Rasen seiner vorübergehenden Kanzleramts-Außenstelle zu schonen. Danach kehrte wieder Ruhe ein – bis zum nächsten Sommer. Aber da kam Kiesinger nicht wieder mit großem Tross, sondern fast privat. Kressbronn war ja mittlerweile an den Rhein verlagert.

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