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Polizisten auf der italienischen Insel Lampedusa führen Kapitänin Carola Rackete am Samstag ab.

Sea-Watch 3

Kapitänin Carola Rackete - eine wahre Europäerin in Handschellen

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„Sea-Watch 3“-Kapitänin Carola Rackete rettet Menschen aus dem Mittelmeer – jetzt ermittelt die italienische Justiz gegen sie.

Nach zweieinhalb aufreibenden Wochen an Bord der Sea-Watch 3, nach der dramatischen Festnahme im Hafen von Lampedusa und der Befragung durch die Polizei hat Carola Rackete erst einmal viel geschlafen. Die 31 Jahre alte Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs befindet sich seit Samstag in einem Privathaus auf der Insel, wo sie unter Hausarrest und Bewachung steht, wie Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer der Frankfurte Rundschau am Sonntag sagte. Das sei mit der Polizei abgesprochen worden, „um ihr die Zelle zu ersparen“. „Es geht ihr den Umständen entsprechend gut“, versicherte er. Am Montag werde Rackete durch die ermittelnde Staatsanwaltschaft von Agrigent befragt, erläuterte Neugebauer. „Dann erst werden wir genau wissen, welche Vorwürfe gegen sie erhoben werden.“

Carola Rackete hatte in der Nacht zu Samstag trotz des Verbots des italienischen Innenministers Matteo Salvini das Anlegen ihres Schiffes an der Mole von Lampedusa erzwungen, um 40 afrikanische Migranten und 22 Crewmitglieder nach einer tagelangen Hängepartie an Land zu bringen. Nun droht ihr in Italien eine langjährige Haftstrafe.

Sea Watch fordert die sofortige Freilassung von Rackete

Am Sonntag ließ sie der Zeitung „Corriere della Sera“ über die Anwälte mitteilen, es sei „kein Akt der Gewalt, sondern nur des Ungehorsams“ in einer verzweifelten Lage gewesen. „Die Situation war hoffnungslos. Und mein Ziel war lediglich, erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen.“ Sie habe Angst gehabt, dass die durch Misshandlungen in Libyen traumatisierten Migranten sich durch einen Sprung über Bord umbringen könnten. Die meisten von ihnen können nicht schwimmen.

Sea-Watch fordert die sofortige Freilassung von Rackete. „Sie hat lediglich einen illegalen Zustand beendet und sich strikt an internationales Seerecht gehalten“, sagte Neugebauer. „Verhaftet gehören andere, vor allem Salvini.“ Gegen den Minister und Chef der rechten Lega war in ähnlichen Fällen schon wegen Freiheitsberaubung ermittelt worden. „Er ist nur wegen seiner Immunität davongekommen“, sagte Neugebauer.

Mit der Sea Watch 3 in Richtung Lampedusa

Die Sea-Watch 3 hatte die Migranten am 12. Juni in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste aus einem Schlauchboot gerettet. Weil ihr kein sicherer Hafen zugewiesen wurde, steuerte Rackete in Richtung der nächstgelegenen Insel Lampedusa. Italien verbot ihr, in seine Gewässer einzulaufen. Salvinis Mitte Juni in Kraft getretenes „Sicherheitsdekret“ sieht hohe Geldstrafen für Kapitäne, Betreiber und Eigentümer von Flüchtlingsrettungsschiffen vor, die sich dem Verbot widersetzen.

Nach Tagen des Wartens entschied Rackete am Mittwoch, dennoch nach Lampedusa zu fahren. Das Schiff musste aber einige Seemeilen vor dem Hafen bleiben. Am Freitag durchsuchten es Zoll und Ermittler. Sie teilten der Kapitänin mit, dass gegen sie ermittelt werde. Für die Flüchtlinge war aber immer noch keine Lösung gefunden.

Rackete entschuldigt sich bei Beamten auf Polizeiboot

In der Nacht zu Samstag beschloss Rackete schließlich, auf eigenes Risiko zu handeln. Gegen 1.30 Uhr ließ sie die Sea-Watch 3 in den Hafen lenken. Ein Boot der Finanzpolizei versuchte es vergebens zu hindern und legte sich dann als Barriere vor die Mole. Rackete stoppte ihr sich langsam näherndes Schiff nicht. Das Polizeiboot drohte eingeklemmt zu werden, schrammte kurz an der Mole entlang und konnte sich dann befreien. „Wir haben Glück gehabt, wir hätten zerquetscht werden können“, erklärten die Beamten der Zeitung „La Stampa“ zufolge. Rackete entschuldigte sich noch in der Nacht bei ihnen. Am Sonntag räumte sie gegenüber dem „Corriere della Sera“ ein, das Manöver sei ein Fehler gewesen. Sie habe das Polizeiboot nicht berühren wollen, aber die Situation falsch eingeschätzt. „Ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden in Gefahr zu bringen und bitte erneut um Entschuldigung.“

Nach der Landung versammelten sich im Hafen Sea-Watch-Unterstützer und Gegner, es gab Applaus und Buhrufe für Rackete. „Legt ihr Handschellen an“, schrie eine ehemalige Parlamentsabgeordnete der Lega. Polizisten führten Rackete dann von Bord, die Migranten wurden in das einzige Aufnahmelager auf der Insel gebracht. Im Internet solidarisierten sich viele Menschen mit Rackete und forderten auf Twitter unter dem Hashtag #freeCarolaRackete die Freilassung der Frau.

Heiko Maas appelliert per Twitter an italienische Justiz

Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) appellierte per Twitter an die italienische Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären. „Menschenleben zu retten ist eine humanitäre Verpflichtung. Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden“, erklärte der Minister am Samstag. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte dem RND: „Wenn mitten in Europa eine junge Frau verhaftet wird, weil sie Ertrinkende rettet, läuft gehörig etwas schief. Die europäischen Partner müssen jetzt Druck auf die italienische Regierung machen.“

Salvini dagegen triumphierte auf Twitter: „Mission erfüllt“, schrieb er. „Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation.“ Im Radio sagte er: „Sie haben die Maske abgelegt. Das sind Verbrecher.“

Rackete drohen mehrere Anklagepunkte, die mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden können. Widerstand gegen die Staatsgewalt könnte ihr vorgeworfen werden. Auch der Zwischenfall mit dem Polizeiboot kommt hinzu. Außerdem soll sie Beihilfe zur illegalen Einwanderung geleistet haben. Denn die Kapitänin hatte sich nach der Rettung geweigert, die Flüchtlinge wie von der libyschen Küstenwache angeordnet in das Bürgerkriegsland zurückzubringen. (mit jps)

Spenden-Aktion

Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben eine Spendenaktion für die Rechtskosten und Ausgaben der „Sea-Watch“-Kapitänin sowie der Hilfsorganisation gestartet. „Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher“, hieß es in einem Spendenaufruf auf der Plattform Leetchi. Bis Sonntagvormittag waren bereits mehr als 240 700 Euro gespendet worden. afp

Mehr Informationen über die Arbeit von „Sea-Watch“ sowie Angaben darüber, wie die Organisation mit Spenden umgeht, finden Sie online unter: https://sea-watch.org/spenden

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