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Gay Pride in Sofia.

LGBTI Community

",Schwule Sau? ist immer noch ein Schimpfwort"

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LGBTI-Aktivist Alfonso Pantisano findet, dass Hass gegenüber Homosexuellen immer noch Alltag ist und warnt vor rechten Strömungen. Im Interview sieht er die Regierung bei der "Ehe für alle" in der Pflicht.

Sie waren letztes Wochenende auf dem Gay Pride in Sofia. Es hatten sich im Vorfeld Rechtsextremisten angekündigt. Wie ist die Demonstration verlaufen? 
Die bulgarische LGBTI-Community ist es gewohnt, von Neonazis und Patrioten angefeindet zu werden. Aber dieses Jahr war es viel angsteinflößender als sonst. Die ultra-nationalistische Gruppe „Nationaler Widerstand“ hatte zeitgleich mit dem Pride und am gleichen Versammlungsort eine „Säuberungsaktion“ geplant, um „den Müll Sofias zu entsorgen“. Mit Müll sind die Lesben und Schwulen gemeint.

Wie hat die Stadt darauf reagiert?
Die Aktion wurde sogar durch die Stadtverwaltung genehmigt. Dass diese Neonazis ankündigten, „Werkzeuge mit langen Holzstangen“ mitzubringen, hat Bürgermeisterin Yordanka Fandakova nicht weiter alarmiert. Erst der EU-Parlamentarier Guy Verhofstadt mit seiner Fraktion der Liberalen setzte die bulgarische Regierung unter Druck, ebenso Menschenrechtsorganisationen und Anrufe vieler Leute, die sich telefonisch bei den bulgarischen Botschaften empört zeigten. Dadurch wurde die Polizeipräsenz erhöht, und 50 Nazis standen 3000 Demonstranten gegenüber.

In Deutschland, so heißt es, gäbe es keine Diskriminierung mehr
gegenüber Homosexuellen. Wie ist Ihr Eindruck?

Verglichen mit Uganda, Tschetschenien oder Bulgarien ist Deutschland quasi ein Paradies. Trotzdem haben wir alleine in Berlin täglich homophobe Übergriffe. Und das gerade in den Alltagssituationen und eben auch in den hippen Berliner Vierteln. „Schwule Sau“ ist immer noch ein beliebtes Schimpfwort auf unseren Schulhöfen, außerhalb der großen Städte trauen sich viele Menschen nach wie vor nicht, zu ihrer sexuellen Identität zu stehen, und die Gewalt wird dort oft erst gar nicht zur Anzeige gebracht. Es sind vor allem Männer, die behaupten, es gäbe keine Diskriminierung gegenüber Schwulen. Die lade ich gerne ein, jederzeit mit mir Hand in Hand durch die Stadt zu laufen.

Trotzdem ist doch schon viel in Richtung Gleichberechtigung passiert – Stichwort eingetragene Partnerschaften.
Das Schöne an einer Reise ist, dass man irgendwann einmal ankommt. Ich höre immer wieder, dass schon so viel passiert sei. Aber selbst das, was wir haben, ist nicht so sicher wie es scheint. Durch rechte Strömungen sind sämtliche emanzipatorischen Errungenschaften in Gefahr. Hinzu kommen immer wieder die Versuche der Rechtskatholiken und Evangelikalen der „Demo für alle“, jede gesellschaftliche Diversität als einen Angriff auf die klassische Familie zu behaupten. Aber diese Menschen leben nicht in der Realität. Wenn Sie sich umschauen, sehen Sie viele Formen der Familie, und jede muss ihre Daseinsberechtigung haben.

Was haben die Ihrer Meinung nach für ein Problem?
Sie leiden unter einem Realitätsverlust, wie übrigens die Kirche generell. Anstatt sich auf das Hier und Jetzt zu beziehen, beziehen sie sich auf die Familiendefinition von vor 2000 Jahren. Hinzu kommt, dass diese Frauen im Dunstkreis der „Demo für alle“ ein sehr völkisches Denken haben und sich nichts anderes wünschen als einen Rollback in die 50er-Jahre. Schauen Sie sich Birgit Kelle oder Hedwig von Beverfoerde an, was sie zum Thema Gender sagen. Für die ist das Teufelszeug.

Aber sie argumentieren ja so, dass durch Akzeptanz die traditionelle Familie gefährdet sei.
Mit Verlaub, wenn eines Tages Lesben und Schwule sich verehelichen dürfen, dann hören die Heteros damit doch nicht auf, Familien zu gründen. Es wird sich sicherlich keine kollektive Fortpflanzungsunfähigkeit heterosexueller Männer und Frauen einstellen. Im Ernst: Was mich sehr ärgert, ist, dass mit der Einführung des Begriffs der „Homo-Ehe“ das Verwirrspiel seinen Lauf genommen hat. Gefühlt jeder glaubt, dass Schwule und Lesben bereits heiraten dürfen. Aber genau das haben die Erzreaktionären der bislang erfolgreich verhindert. Angela Merkel sprach während der Trauerfeier für Guido Westerwelle seinen Partner als seinen „Mann“ an, Frank-Walter Steinmeier schrieb sogar im Kondolenzschreiben von seinem „Ehemann“. Homosexuelle dürfen sich in Deutschland nur verlebenspartnern, aber nicht heiraten. Somit wird die Bevölkerung hinters Licht geführt.

Was können Heteros, was Sie nicht dürfen?
Menschen, die eine Ehe eingehen, dürfen sich laut Artikel 6 unseres Grundgesetzes von unserem Staat geschützt fühlen. Schwule und Lesben in einer Lebenspartnerschaft leider nicht. Angenommen, die Deutschen drehen bei der nächsten Wahl völlig durch und wählen die AfD mit einer Mehrheit in den Bundestag, dann könnte die Partei das Lebenspartnerschaftsgesetz per einfacher Mehrheit abschaffen. Würde die AfD wiederum die Ehe abschaffen wollen, müsste sie dafür unser Grundgesetz ändern. Das wäre ziemlich schwer durchzusetzen. Wir wollen unsere Partnerschaften Ehe nennen, damit wir uns sicher fühlen können. Hier geht es nicht um die kirchliche Heirat, die ist mir völlig gleichgültig. Sondern um die Anerkennung durch den Staat.

Aber Sie dürfen doch Kinder adoptieren.
Viele begründen ihre Blockade gegenüber dem gemeinsamen Adoptionsrecht für homosexuelle Paare mit dem Kindswohl, das angeblich Schaden nehmen könnte. Allerdings zeigen alle relevanten Studien und die Lebensrealität, dass es den Kindern von gleichgeschlechtlichen Paaren sehr gut geht. Das Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit zwei Wege zur Adoption freigegeben: die Stiefkindadoption, die es einem der Partner erlaubt, das leibliche Kind des anderen zu adoptieren. Und die Sukzessivadoption: Homosexuelle Paare dürfen nicht einen gemeinsamen Adoptionsantrag stellen, sondern müssen sich entscheiden, wer das Kind zuerst adoptiert. Erst wenn diese Adoption von den Gerichten positiv beschieden wird, darf der andere Partner das Kind auch adoptieren. Somit werden Homosexuelle gezwungen, zwei parallel laufende Adoptionsverfahren durchzumachen. Das nimmt alle Beteiligten, vor allem die Kinder, seelisch total mit.  

Was sagen Sie zum CSU-Politiker Bernd Fabrius? Der will für die Ehe für alle stimmen…
Ich kann Herrn Fabrius zu dieser Entscheidung nur gratulieren. Er hat im Gegensatz zu seinen Kollegen der Regierungsparteien verstanden, dass unser Grundgesetz das höchstes Gut der Demokratie ist – und nicht irgendein auf Kompromisse basierender Koalitionsvertrag. Ich erinnere an die Aussage von Frau Merkel, die sich beim Thema Adoption wegen des Kindeswohles angeblich schwer tut. Damit ist sie sicherlich in den Olymp der Homophoben aufgestiegen. Es ist auch sehr merkwürdig, dass die Bundesregierung jedes Jahr  viel Geld ausgibt, um homosexuelle Paare als Eltern für Pflegekinder anzuwerben. Wie steht es denn da um das Kindeswohl? Oder sind diese Kinder aus zerrütteten Familien eh schon so kaputt, dass es die Homos nicht schlimmer machen können?

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