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„Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch, Ihr gabt das große ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd Euer heißes Leben für Freiheit, Recht und Ehre“, heißt es auf dem Mahnmal in Berlin.

Widerstand gegen die Nazis

Nicht nur von Stauffenberg leistete Widerstand gegen Hitler

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Der Widerstand gegen die Nazis war größer als der Kreis der Verschwörer um Graf von Stauffenberg. Die Deutschen haben lange gebraucht, um dies entsprechend zu würdigen.

Am 21. Juli 1944, um ein Uhr morgens, haben alle Gewissheit: Adolf Hitler hat zwölf Stunden zuvor einen Bombenanschlag im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ leicht verletzt überlebt. „Die Behauptung dieser Usurpatoren, dass ich nicht mehr lebte, wird jetzt in diesem Augenblick widerlegt, da ich zu Euch, meine lieben Volksgenossen, spreche“, dröhnt die Stimme des Führers aus Radioempfängern in deutsche Wohnzimmer.

Der von Wehrmachtsoffizieren um Henning von Tresckow, Ludwig Beck und Erwin von Witzleben sowie dem langjährigen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler seit Jahren geplante Putsch gegen Hitler ist gescheitert. Einige der insgesamt rund 300 Verschwörer sterben noch in dieser Nacht im Hof des Berliner Bendlerblocks, dem Sitz des Allgemeinen Heeresamts und des Oberkommandos des Heeres. Unter ihnen Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Attentäter aus dem Führerhauptquartier.

Mehrere Anschlagsversuche scheiterten 

Es war nicht das erste Anschlag auf Hitler. 1939 scheiterte Georg Elser, ein Schreiner, als Einzeltäter. Hitler hatte den Münchner Bürgerbräukeller 13 Minuten vor der Bombenexplosion, die ihn höchstwahrscheinlich getötet hätte, verlassen. Elser wurde einen Monat vor Kriegsende im KZ Dachau erschossen. Auch etlichen Militärs gelang es nie, Gedankenspiele oder konkrete Planungen in die Tat umzusetzen. Zufälle, Verrat oder schlicht Mutlosigkeit im letzten Augenblick verhinderten Anschläge auf den Diktator. Selbst Stauffenberg setzte drei Mal an, ehe er die Bombe am 20. Juli 1944 im ostpreußischen Rastenburg (heute: Ketrzyn) zünden konnte.

Heute, 75 Jahre nach den dramatischen Ereignissen, gehört die Wand, vor der Stauffenberg und einige Mitverschwörer im Kugelhagel starben, zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand. 120.000 Besucher jährlich kommen inzwischen in die Dauerausstellung „Stille Helden“, die Hälfte von ihnen nimmt weiterführende Angebote in Anspruch. Tendenz steigend.

Verteidigungsministerium an historischem Ort 

Im Ehrenhof steht seit den 1950er Jahren die Bronzefigur eines an den Händen gefesselten jungen Mannes und die Inschrift: „Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch, Ihr gabt das große ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd Euer heißes Leben für Freiheit, Recht und Ehre.“ Seit 1993 hat hier im Bendlerblock, aufgrund der „bedeutsamen Stelle“ des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, das Bundesverteidigungsministerium seinen zweiten Dienstsitz. Volker Rühe (CDU) hieß damals der Minister.

Die Entscheidung Rühes war wie ein Ausrufezeichen: Die Bundeswehr stellt sich in die Tradition des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime. „In der Verteidigung rechtsstaatlicher Grundsätze und im Eintreten für die Würde des Menschen sieht sie ihre vornehmste Aufgabe“, sagte er damals. „Dies verbindet sie mit den Frauen und Männern des 20. Juli 1944.“ 

Gedenken war zunächst nicht selbstverständlich 

24 Jahre später, 2018, attestierte Rühes Amtsnachfolgerin Ursula von der Leyen (CDU) der Bundeswehr jedoch nach Bekanntwerden rechtsextremistischer Umtriebe „ein Haltungsproblem“ und „Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen“. Wie schwierig ist also das Verhältnis der Deutschen zum Widerstand in der Nazi-Zeit und wie mächtig ist das Vermächtnis der Widerständler?

Die am Freitag eröffnete Sonderausstellung „Ihr trugt die Schande nicht…“ in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand beleuchtet die frühen Erinnerungen an den 20. Juli 1944. Gedenkstättenleiter Johannes Tuchel ist gespannt auf die Reaktionen. „Denn was uns heute als Selbstverständlichkeit scheint, nämlich die Widerständler gegen die NS-Diktatur zu ehren, ist in Wahrheit ein mühseliger Weg gewesen.“ 

„Nestbeschmutzer und Verräter“

Zunächst konzentrierte sich die Widerstandsbetrachtung der Deutschen nach dem Krieg widerwillig auf Stauffenberg und die Verschwörer des 20. Juli, erklärt Tuchel. „Sie galten als Nestbeschmutzer und Verräter, ihre Familien wurden noch lange schlecht behandelt.“ Der Widerstand sei wie ein Spiegel für die Deutschen gewesen. „Und manchmal schaut man da nicht gern hinein.“

Das wahrscheinlich letzte Foto des deutschen Offiziers und späteren Widerstandskämpfers Stauffenberg im Kreis seiner Familie.

Mit der Teilung Deutschlands trennte sich auch die Widerstandswahrnehmung. In der Bundesrepublik gab es Stauffenberg, in der DDR die kommunistische Arbeiterbewegung – grob gesagt. Doch der Widerstand gegen Hitler, seinen Krieg, die innere Unterdrückung durch die Nationalsozialisten, die Verfolgung von Juden sowie die Verbrechen in den Konzentrationslagern und in unterjochten Ländern war nie einseitig. Auch wenn die Zahl der Widerständler insgesamt, gemessen an der Zahl der Bevölkerung, äußerst gering blieb: „Es gab ihn“, sagt Tuchel. „Und darüber muss geredet werden.“

Widerstand von verschiedenen Seiten 

Heute gilt die „Weiße Rose“ als beispielhaft für den Widerstand von Jugendlichen und Studenten in der Nazizeit. Die Gruppierung um die später hingerichteten Hans Scholl und Alexander Schmorell aus München rief auf Flugblättern zum Bruch mit Hitler auf.

Auch in Kirchen wurde gegen Hitler gearbeitet – zumindest von Christen, die sich gegen die sogenannte Kirchengleichschaltung wehrten. Die Pastoren Martin Niemöller und der 1945 auf ausdrücklichen Befehl Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtete Dietrich Bonhoeffer zählten zu den aktivsten Mitgliedern im „Kirchenkampf“.

Kommunisten durch Verhaftungswellen stark geschwächt

Widerstand formierte sich natürlich vor allem in den Reihen der in die Illegalität gezwungenen Kommunistischen Partei KPD und der 1933 verbotenen SPD. Die Kommunisten waren durch Verhaftungswellen stark geschwächt und mussten sich quasi hinter Gittern oder bei den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg reorganisieren.

Besonders schlagkräftig war eine rund 500-köpfige Gruppe um die KPD-Politiker Anton Saefkow, Bernhard Bästlein und Franz Jacob, die 1944 wegen Verrats hingerichtet wurden.

Die SPD-Politiker Julius Leber und Adolf Reichwein hatten sowohl Kontakte zur operativen KPD-Leitung unter Saefkow, Bästlein und Jacob als auch zu den Verschwörern des 20. Juli 1944. Auch sie bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben.

Auch in kleinen Teilen der Wehrmacht rumorte es 

In der Wehrmacht gab es jedoch nicht nur die hohen Offiziere, die Hitler beseitigen wollten. In der „Roten Kapelle“ versammelten sich mit Männern wie die 1942 hingerichteten Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack 150 Soldaten, Offiziere und Zivilisten.

1943 schlossen sich im Nationalkomitee Freies Deutschland und im Bund Deutscher Offiziere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft deutsche Soldaten, Offiziere und kommunistische Emigranten zusammen, um Hitlers Truppen vor allem an den Fronten propagandistisch zu desillusionieren und zur Desertation aufzufordern. Hier trafen Generäle wie Walther von Seydlitz und Generalfeldmarschall Friedrich Paulus auf Kommunisten wie den späteren DDR-Staatschef Walter Ulbricht.

„Blick hat sich geweitet“

Vertreter aller Richtungen sind inzwischen in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit Biografien und Erinnerungen vertreten. „Der Blick hat sich geweitet“, sagt Gedenkstättenleiter Tuchel. „Alles, was das NS-System geschwächt hat, war Widerstand. Er räumt aber ein, dass seine Institution erst 1986 eine „breite Ausstellung“ über den Widerstand in Deutschland hinbekommen habe.

Schleppend verlief auch die rechtliche Rehabilitierung. Erst 1998 wurden die Urteile, die der gleichgeschaltete Volksgerichtshof gegen Widerständler verhängt hatte, aufgehoben. Das vom Reichskriegsgericht 1942 gesprochene Todesurteil gegen Schulze-Boysen hatte sogar bis zu seiner Aufhebung im Jahr 2006 Bestand – 63 Jahre nach der Hinrichtung des Reserveoffiziers.

Frauen bislang zu wenig gewürdigt

In seiner letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause würdigte der Bundestag Ende Juni gerade noch rechtzeitig vor dem 75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Antrag der Koalitionsfraktionen ausdrücklich die Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In dem Antrag, dem alle Fraktionen außer der AfD zustimmten, betonen die Parlamentarier die unzureichende Betrachtung des Mutes und der Leistungen der Frauen im Widerstand nach 1945.

Dazu gehört auch die Sippenhaft, in die die Kinder und Frauen der Verschwörer nach dem gescheiterten Attentat gerieten. Die Gestapo verschleppte 44 Kinder in ein Heim in Bad Sachsa am Harz. Sie sollten später bei Adoptiveltern aufwachsen. Geschwister konnten sich monatelang nicht sehen; ihnen wurde verboten, ihren alten Namen zu nennen oder über ihre Vergangenheit zu reden. Geschwiegen wurde darüber auch noch lange nach dem Krieg. 

Digitale Generation kann vieles nicht nachvollziehen

Gedenkstätten-Besucher der Fridays-for-Future-Generation, fragen genau an diesen Stellen nach, hat Tuchel beobachtet. „Wir müssen den Widerstand wieder mehr aus der Zeit heraus erklären“, sagt Tuchel. „Jugendlichen der digitalen Generation sind Flugblätter beispielsweise ziemlich fremd, geschweige denn wie gefährlich und aufwendig es damals war, sie ohne Smartphones, Whatsapp und Kopierer herzustellen oder Inhalte zu verbreiten.“

Letztlich ging und geht es bei der Betrachtung des deutschen Widerstands in der Nazizeit immer um Haltungen, Verhalten und Handlungsmöglichkeiten in einer Diktatur, so Tuchel. Dass die Neue Rechte von Identitärer Bewegung bis zur AfD Stauffenbergs Widerstand als Vorboten einer konservativen Revolution interpretiert, hält Tuchel für „eine Instrumentalisierung und einen Missbrauch des Widerstandsbegriffs“. Sein Mantra vor jungen Leuten ist: Politisches Handeln und politische Teilhabe gibt es nur in einer Demokratie.

Tuchel muss aber auch häufig Wohlmeinenden den Zahn ziehen, dass der Widerstand gegen die Nazis zum Gründungsmythos der Bundesrepublik gehöre. „Dazu war er zu schwach“, sagt er. „Leider.“

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