Blutspenden für die Soldaten der Regierung in Addis Abeba.
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Blutspenden für die Soldaten der Regierung in Addis Abeba.

Hungersnot

Schwere Kämpfe in Äthiopien

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Die Regierung lehnt Gespräche mit Machthabern in der Region Tigray ab – in Äthiopien droht eine Hungerkatastrophe.

Die Lage in der umkämpften nordäthiopischen Tigray-Provinz spitzt sich dramatisch zu. In der von der Außenwelt abgeschnittenen Region befänden sich bis zu zwei Millionen Menschen in einer „sehr, sehr schwierigen Situation“, sagte der Chef der humanitären UN-Werke in Äthiopien, Sajjad Mohammad Sajid, der Nachrichtenagentur AP. Sowohl Nahrungsmittel als auch Treibstoff seien dort kaum noch erhältlich. Allen internationalen Hilfswerken sei der Zugang nach Tigray verwehrt, teilte Matthias Späth, Regionalberater der Welthungerhilfe am Horn von Afrika, auf Anfrage der FR mit: „Die Grenzen sind dicht.“

Seit Mittwoch sollen mehr als 10 000 Flüchtlinge aus Tigray im benachbarten Sudan angekommen sein: Fachleute rechnen damit, dass diese Zahl innerhalb der nächsten Tage auf weit über 100 000 steigt. „Sie kommen hier durstig und völlig ausgehungert an“, gab Khalid Al-Sir von der sudanesischen Flüchtlingsagentur in der Provinz Kassala bekannt: „Darunter sind sehr viele Frauen und Kinder.“ Angesichts des Ansturms seien die örtlichen sudanesischen Behörden „völlig überfordert“.

Schon vor dem am Mittwoch vergangener Woche ausgebrochenen militärischen Konflikt waren in Tigray nach Angaben von Hilfsorganisationen 600 000 Menschen auf ausländische Unterstützung angewiesen. Ihre Versorgung ist unterbrochen. „Es sieht nicht so aus, als ob dieser Konflikt in ein oder zwei Wochen zu Ende sein wird“, sagte UN-Mann Sajid: „Das kann noch lange so weitergehen.“ Die UN versucht, die Einrichtung eines „humanitären Korridors“ mit den verfeindeten Parteien auszuhandeln – bislang erfolglos.

Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed, dem im vergangenen Jahr der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde, lehnt Verhandlungen mit der Provinzregierung Tigrays weiterhin ab. Sowohl die Afrikanische Union wie die UN hatten zu solchen Gesprächen aufgerufen. „Wir werden die Operationen einstellen, sobald die kriminelle Junta in Tigray entwaffnet und vor Gericht gestellt sowie eine neue Verwaltung eingesetzt worden ist“, textete Abiy am Donnerstag auf Twitter.

Nach Angaben des Regierungschefs wurde der westliche Teil der Tigray-Provinz bereits „befreit“: Dort soll eine „Übergangsverwaltung“ eingesetzt werden. Das Bundes-Parlament in der Hauptstadt Addis Abeba hob am Donnerstag die Immunität von 39 Mitgliedern der die Provinz regierenden Volksbefreiungsbewegung Tigrays TPLF auf, um sie vor Gericht stellen zu können.

Beide Seiten stark bewaffnet

Fachleute verweisen darauf, dass die militärische Stärke der Streitkräfte der Provinz und der Invasionstruppen der Zentralregierung ausgeglichen sei. Die unter dem Kommando der TPLF stehenden Einheiten verfügen sowohl über Helikopter wie Panzer und schwere Artillerie: Ein Großteil des in Tigray stationierten „Northern Command“ der äthiopischen Streitkräfte hat sich beim Ausbruch der Kämpfe offenbar auf die Seite der TPLF geschlagen.

Beim Vormarsch der Invasionstruppe sei diese auf tote äthiopische Soldaten mit zusammengebundenen Händen gestoßen, teilte Abiy über Twitter mit: Ein Hinweis darauf, dass sie hingerichtet worden seien. Nach Äthiopien machte inzwischen auch Tigrays Provinzregierung mobil: Jeder taugliche Bewohner der Region solle sich „zur Verteidigung der Souveränität Tigrays“ zur Verfügung stellen, meldete das staatliche TV-Sender in der Provinzhauptstadt Mekele.

Im selben Sender bezichtigte TPLF-Chef Debretsion Gebremichael das Nachbarland Eritrea, aufseiten der äthiopischen Streitkräfte in die Kämpfe eingegriffen zu haben. Eritreas Außenminister bestritt das allerdings: „Wir sind nicht Teil dieses Konflikts“, sagte Osman Saleh Mohammed der Nachrichtenagentur Reuters.

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