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Vorbereiten auf die Geburt: Yoga für Schwangere.

Schwangerschaft

Schwere Geburt

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Wehe, sie haben nicht alles unter Kontrolle: Schwangere wollen unbedingt alles richtig machen.

Wenn eine Frau heute in Deutschland ein Kind zur Welt bringt, dann tut sie das selten unvorbereitet. Die Reihe der Ratgeber in der Buchhandlung ist so lang wie die Liste der Verwandten und Freundinnen, die – gefragt oder ungefragt – mit guten Tipps zur Seite stehen. „Das große Buch zur Schwangerschaft – umfassender Rat für jede Woche“, „Mami to go – die Checkliste“, „Hypnobirthing – der natürliche Weg zu einer sanften, sicheren und leichten Geburt“ und so weiter. Dazu kommen Vorbereitungskurse und Diäten, Akkupunktur und Bäuchleincreme, Babyshower-Partys, Atemübungen – und natürlich jede Menge medizinische Tests. Nur wer liest, hechelt, seinen Körper stählt und ständig untersuchen lässt, so die Botschaft, kann Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bewältigen.

Gebären, das tut sie nicht einfach so, im Urvertrauen auf ihre weibliche Kraft, auf ihre biologischen Fähigkeiten als Schöpferin neuen Lebens. Das will erarbeitet sein. Die Soziologin Kati Mozymba hat die gesellschaftlichen Prozesse beim Übergang von der Frau ohne Kind zur Mutter untersucht. Sie stellt fest: „Die Befürchtung, als werdende Mutter falsch zu handeln und damit dem Kind zu schaden, ist ein Beispiel für die Verlagerung von Gesundheit in den Verantwortungsbereich des Einzelnen. Selbstbestimmung wird so zu einer Form von Selbstverantwortung, wobei das ‚richtige Tun‘ von außen und nicht von der subjektiven Bedarfslage der Nutzerinnen her bestimmt wird.“

In einer Gesellschaft, die immer mehr auf Leistung, auf Kontrolle und Selbstoptimierung setzt, wollen auch Schwangere alles richtig machen – erst recht, wenn mit zunehmenden Alter die Chancen aufs Wunschkind schwinden. Damit das gewährleistet ist, gibt die Frau quasi mit Erhalt des Mutterpasses einen Teil ihrer Selbstbestimmung auf und sich selbst in die Hand der Experten. Die Medizin bestimmt zunehmend das Geschehen. Nahezu alle schwangeren Frauen (99 Prozent) erhalten inzwischen mehr Untersuchungen als die von Ärzten erarbeiteten Mutterschaftsrichtlinien vorsehen. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015 hervor. Egal, ob sie eine Risikoschwangerschaft haben oder einen völlig unauffälligen Verlauf: Werdende Mütter erfahren die nahezu gleiche Behandlung.

Viele Frauen können den zahlreichen Kontrollterminen durchaus Positives abgewinnen. Für sie sind Ultraschall und Wehenschreiber eine Möglichkeit, die Existenz dieses heranwachsenden Lebens in ihrem Bauch erfahrbar zu machen. Doch Hebamme Melanie Boß kennt auch die Kehrseite: „Das Warten auf die Testergebnisse ist eine unsichere, sorgenvolle Zeit“, sagt die Frankfurterin. „Das ist das Gegenteil von ‚guter Hoffnung sein‘.“ Boß, die seit 20 Jahren Hebamme ist und sowohl in einer Klinik als auch in einem Geburtshaus arbeitet, hat den Eindruck, dass bei all den Untersuchungen wenig Zeit und Raum bleibt, sich mit deren Ergebnissen auseinanderzusetzen.

Wolf Lütje, Präsident der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, sieht diese Entwicklung durchaus kritisch. „In unserem Medizinsystem geht es fast nur um Pathologie. Diese Katastrophisierung von Schwangerschaft und Geburt führt dazu, dass Frauen alles abgeben an Ärzte und Hebammen, dass sie immer weniger in sich reinhören“, sagt der Chefarzt einer Frauenklinik in Hamburg.

Dazu passt der Siegeszug des Kaiserschnitts in den vergangenen 30 Jahren. Inzwischen wird hierzulande nahezu jedes dritte Kind per Kaiserschnitt entbunden, in manchen Regionen ist es fast die Hälfte.  „Da findet ein Kulturwandel statt, dessen Folgen wir noch gar nicht absehen können“, urteilt Lütje. „Wir sollten innehalten und den Sinn der natürlichen Geburt gründlich erforschen, bevor wir sie abschaffen.“ Schließlich sei die Geburt auch ein Akt, der die Bindung zwischen Mutter und Kind fördere, der ein Feuerwerk von Hormonen freisetze. „Darüber wissen wir noch viel zu wenig.“

Von den Frauen, die einen Kaiserschnitt der vaginalen Geburt vorziehen, geben die meisten als Grund die Angst vor den Schmerzen und die Sorge, „das nicht durchstehen zu können“ an. Die immer ausgefeiltere Geburtsvorbereitung, eigentlich dazu ersonnen, den Angstzyklus mittels Information zu durchbrechen, hat vielfach die gegenteilige Wirkung. Unter Frauen weitergereichte Horrorgeschichten („Von der Schwester der Nachbarin die Tochter hatte eine gaaaanz schlimme Geburt“) tun dazu ihr Übriges. Hebamme Melanie Boß hat allerdings erlebt, dass sich auch Geschichten von positiven Geburtserlebnissen, wie sie in Fachzeitschriften häufig nachzulesen sind, Frauen verunsichern können. „Wenn es bei ihnen dann nicht so gut läuft, bleibt das Gefühl, als Frau und Mutter versagt zu haben.“ Das sei das Schlimmste, sagt Boß, „von sich selbst enttäuscht zu sein“.

Was also tun, damit die Geburt ihres Kindes nicht so oft ein traumatisches Erlebnis für Frauen wird? Der Arzt Wolf Lütje wünscht sich ein Vorsorgesystem, das mehr auf den psychosozialen Hintergrund der werdenden Mütter eingeht, in dem Erwartungen und Verletzungen, Gewalterfahrungen oder Familienprobleme erfasst werden. „Was da bei einer Geburt hochkommt, ist gewaltig. Darauf müssen wir besser eingestellt sein.“

Hebamme Melanie Boß hofft, den Frauen, die sie betreut, mehr Vertrauen in die eigene Stärke, in den eigenen Körper vermitteln zu können. Ihnen zu zeigen, dass es den einen Weg zur perfekten Geburt nicht gibt. „Ich sage den Frauen gern nach der Geburt: ‚Wenn Sie irgendwann in Zukunft einmal denken, Sie schaffen etwas nicht, dann erinnern Sie sich an heute.‘“

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