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Muss Fleisch schlicht teurer werden?

Corona zwingt zum Hinschauen

Das Schweinesystem: Der abgeschirmte Mikrokosmos der Fleischindustrie

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  • Julia Rathcke
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Die Branche hat einen abgeschirmten Mikrokosmos geschaffen, in der Mensch und Tier auf der Strecke bleiben. Gelingt es nun, daran etwas zu ändern?

Der Skandal kommt unauffällig daher. Eine jener Unterkünfte für Westfleisch-Mitarbeiter, die wegen des Corona-Virus unter Quarantäne gestellt sind, liegt an der Hauptstraße mitten in der kleinen Gemeinde Rosendahl im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld, ein Klinkerbau. Links eine lange vor der Pandemie verlassene Kneipe, rechts ein Grillimbiss, 150 Meter weiter das Rathaus und eine Apotheke.

Vor den Wohnhäusern steht ein Mann vom Sicherheitsdienst, die Einfahrt ist mit einem Bauzaun abgesperrt, die Rollläden an den Fenstern sind heruntergelassen. Wo die Arbeiter leben, weiß jeder. Wer sie sind, weiß niemand. In der Apotheke hätten sie nie eingekauft, heißt es, und ein Rentnerpaar, das gerade eine E-Bike-Pause macht, sagt: „Wir wissen gar nichts zu Westfleisch!“ – noch bevor ihnen eine Frage gestellt wurde.

Unterkünfte wie die in Rosendahl und der Gesundheitszustand der Bewohner sind plötzlich zu einem bundesweiten Thema geworden. Denn die Nachrichten von Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen reißen nicht mehr ab.

Coesfeld, Oer-Erkenschwick, Pforzheim, Bad Bramstedt und nun Dissen im Landkreis Osnabrück – nahezu täglich werden neue Ausbruchsherde in Schlacht- und Zerlegebetrieben der Fleischwirtschaft gemeldet. Die Infektionsraten sind meist erschreckend hoch. Fast scheint es so, als finde die gefürchtete zweite Corona-Welle gerade in den Schlachthöfen der Republik statt.

Die Betriebe bilden einen abgeschirmten Mikrokosmos. Große Teile der Belegschaften stammen aus osteuropäischen Billiglohnländern wie Rumänien und Bulgarien. Die Beschäftigten verbringen nicht nur ihre Arbeits-, sondern auch ihre Freizeit miteinander – häufig genug in überfüllten Sammelunterkünften unter schlechten hygienischen Bedingungen. Das alles ist keinesfalls neu, wer wollte, konnte das Elend der Arbeiter in den Schlachthöfen auch schon vorher sehen. Die meisten Menschen aber schauten lieber weg – und freuten sich am Wochenende über Grillfackeln und Rostbräter aus dem Sonderangebot.

Die Situation erinnert ein wenig an Singapur. Der Stadtstaat in Südostasien galt in der Pandemie lange als Musterland. Mit harten Maßnahmen und rigorosem Rückverfolgen der Fälle hatte es die Millionenstadt geschafft, das Sars-CoV-2-Virus beinahe zu besiegen. Doch dann explodierten die Fallzahlen plötzlich. Der Grund: An den Schutz der hunderttausenden Arbeiter aus Indien und Bangladesh, die auf den Baustellen der Glitzerstadt schuften und in Massenunterkünften fernab der Innenstadt leben, hatte niemand gedacht. Man hatte sie schlicht vergessen – oder wollte nichts von ihnen wissen.

Von etwas nichts wissen oder nichts wissen wollen, das ist auch das Problem mit den Deutschen und ihrer Fleischindustrie. Doch die Corona-Krise zwingt plötzlich zum Hinschauen. Die Zustände in der Fleischwirtschaft haben handfeste Konsequenzen – und zwar war nicht nur für die Arbeitsmigranten an den Zerlegtischen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Im Kreis Coesfeld wurden die Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen wegen des Ausbruchs bei Westfleisch um eine Woche verschoben. Geschäftsleute, Wirte und Betreiber von Fitness-Studios – sie alle mussten länger als geplant im Lockdown verharren. Der Schaden ging in die Millionen. Die Menschen im Kreis Coesfeld haben jetzt einen hohen Preis für das billige Hackfleisch an der Supermarkttheke bezahlt.

Immer deutlicher stellt sich nun die Systemfrage. Welche Berechtigung hat eigentlich eine Fleischwirtschaft, die das Tierwohl mit Füßen tritt? Die wenig Rücksicht auf den Schutz ihrer Mitarbeiter nimmt? Die Landwirten keine angemessen Preise bezahlt? Und die vielerorts mit ihren Güllemassen auch noch das Grundwasser verseucht? Gibt es überhaupt so etwas wie billiges Fleisch? Oder zahlt am Ende statt des Verbrauchers einfach jemand anderes die Rechnung?

Aus Sicht der Grünen ist die Sache klar. Fleisch muss teurer werden. Partei-Chef Robert Habeck will einen Mindestpreis auf Tierprodukte durchsetzen. Auch in der CDU sprechen sich immer mehr Politiker für höhere Preise aus. Landwirtschaftsministerin Klöckner ist zwar gegen einen festgelegten Mindestpreis, aber auch sie wettert seit Langem gegen Lockangebote und Billigstpreise.

Denken die deutschen Verbraucher nun um? Liegt in der Krise gar eine Chance? Solche Prozesse brauchen Zeit, die in einer Pandemie-Phase aber niemand hat. Im Gegenteil: Im Moment geht es vor allem um Schadensbegrenzung. Mit Macht versuchen die Behörden, die Corona-Hotspots in den Fleischbetrieben einzugrenzen. Es gibt nun Reihentests in den Schlachthöfen, die Gesundheitsämter verschaffen sich Zutritt zu den Quartieren der Arbeiter. Der Infektionsschutz macht plötzlich Dinge möglich, die der Arbeitsschutz nicht erlaubt hätte.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sind die Zustände in der Branche schon seit Langem ein Dorn im Auge. Immer wieder haben er und seine Vorgänger im Arbeitsministerium versucht, den Exzessen Einhalt zu gebieten. Doch Heil und seine Vorgänger haben auch festgestellt, dass jede neue Bestimmung neue Tricks zu deren Umgehung zur Folge hatte. Die Branche war kreativ wenn es darum ging, die Kosten zu drücken. Und ihre Lobby war einflussreich genug, um im Gesetzgebungsverfahren für die nötigen Ausnahme- und Umgehungstatbestände zu sorgen.

Erst an diesem Montag hat Heil das erfahren müssen. Mit Auftrag und ausdrücklicher Unterstützung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte der SPD-Minister einen Maßnahmenkatalog für das Corona-Kabinett an diesem Montag erarbeitet, um die Zustände in der Fleischindustrie ein für alle Mal in den Griff zu bekommen. Heils Beschlussvorschlag hatte es in sich. Er sah ein vollständiges Verbot von Werkverträgen in Schlachthöfen vor. Künftig solle das Schlachten und die Verarbeitung von Fleisch nur noch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern des eigenen Betriebes zulässig sein. Außerdem will Arbeitsminister Heil den Kontrollbehörden der Länder verbindliche Überwachungsquoten vorschreiben, Mindeststandards bei der Unterbringung ausländischer Beschäftigter sicherstellen sowie eine verpflichtende digitale Arbeitszeiterfassung einführen.

Die Gelegenheit war günstig, der öffentliche Druck maximal – und trotzdem wurde das Paket kurzfristig von der Tagesordnung des Corona-Kabinetts gestrichen. Das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium hatte Gesprächsbedarf angemeldet, auch aus dem Innen- und Landwirtschaftsministerium kamen Bedenken.

Es ist ein bitteres Zwischenfazit, dass der Minister am Montagmittag vor Journalisten in Berlin zieht. „Die Corona-Krise enthüllt Missstände, die wir schon vor der Pandemie hatten“, klagt der Sozialdemokrat. Gerade in der Fleischindustrie gebe es seit Langem strukturelle Probleme. Trotz diverser Versuche, dagegen anzugehen, müsse man feststellen, dass die Missstände nicht behoben seien, sagt Heil.

Die Wurzel allen Übels liegt aus Sicht von Heil in den arbeitsrechtlichen Vertragsgestaltungen, mit denen die Fleischindustrie seit Jahren operiert. Schlachter und Zerleger sind für gewöhnlich nicht etwa Beschäftigte der Betriebe, sondern werden bei Sub-Unternehmen angestellt. Häufig sind sogar mehrere Subunternehmen im Spiel. Kontrollen werden dadurch erschwert, Arbeitsschutz läuft ins Leere. „Da wird organisiert Verantwortung abgewälzt, damit niemand verantwortlich gemachte werden kann,“ sagt Heil.

Auch in der Union gibt es Leute, die das so sehen. Karl-Josef Laumann etwa, der wichtigste Vertreter des Arbeitnehmerflügels der CDU, der auch noch Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen ist. „Meine Geduld mit der Fleischindustrie ist schon länger am Ende“, sagte Laumann kürzlich in einem Radiointerview mit dem WDR. Die Schlachtbetriebe hätten ihr Kerngeschäft ausgegliedert. „Das wäre so, als wenn VW keine eigenen Autos mehr bauen würde, sondern sich nur noch um die Logistik kümmert“, schimpfte der Mann aus dem westfälischen Riesenbeck. „Wir müssen jetzt diesen Sumpf austrocknen. Die Pandemie gibt uns die Möglichkeit, das zu tun“.

Am Mittwoch steht das Thema auf der Tagesordnung der regulären Kabinettssitzung. Arbeitsminister Heil gibt sich kämpferisch. „Meine Aufgabe ist es, die Gesundheit der Beschäftigen zu schützen und über Arbeitsschutz einen Beitrag leisten zum Schutz der Bevölkerung“, sagt er. „Davon lasse ich mich nicht abbringen.“

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