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Schweineglück gehabt

Für einen Moment lang war Christof Wackernagel das Gesicht der RAF. Heute träumt er von einer Künstlerkarawane durch die Wüste

Von CHRISTOPH ALBRECHT-HEIDER

Vom Bahnhof kommend, geht man an den Auslagen eines Fahrradhändlers vorbei, eines Friseurs und einer Autovermietung und sieht dann direkt in das Wohn- und Arbeitszimmer von Christof Wackernagel. Vor fünf Jahren hat er einen Reifenladen in eine Wohnung verwandelt, hat Dielen gelegt, eine Küche eingebaut und ein Bad. Wir sitzen im Schaufenster seiner Wohnung bei getoasteten Waffeln und Tee.

"Wie im Kino" sei das, sagt Wackernagel und lacht und macht eine ausladende Handbewegung zur Straße hin. Manchmal schauen Passanten herein, manchmal winkt Wackernagel vorbeigehenden Nachbarn zu. Es ist wie hinter dem Fenster eines Straßencafés. Mit der Zeit verflüchtigt sich das Gefühl, auf einem Präsentierteller zu sitzen. Will Wackernagel Intimität, zieht er den Vorhang zu. Er sagt "Brecht-Vorhang"; so heißt in der Theatersprache ein beweglicher Raumteiler auf halber Zimmerhöhe.

Wackernagel ist nur auf Besuch in seiner Wohnung. In Bochum lebt der gebürtige Schwabe zwar seit 25 Jahren - wovon er sechs wegen Mitgliedschaft in der RAF und Mordversuchs in der Justizvollzugsanstalt Krümmede absaß -, aber er hat sich mittlerweile einen zweiten Wohn- und Arbeitssitz zugelegt. In Bamako, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Mali, schreibt er an einer Romantrilogie - und lernt im täglichen Leben. Zum Beispiel: "Trinkwasser ist das Menschenrecht Nummer eins."

Seinen Lebensunterhalt verdient Wackernagel aber in Deutschland, in seinem Brotberuf Schauspieler, den er nie gelernt hat. "Ich bin im Herzen Autor", sagt er. In Fernsehserien, Kinofilmen spielt er des Verdienstes wegen, befriedigen tue es ihn nicht.

Wackernagel hat sich kürzlich, direkt aus Bamako kommend, dem "Kulturschock" Berlinale ausgesetzt, hat über die vielen traurigen Gesichter der Menschen in den U-Bahnen den Kopf geschüttelt und zehn Tage in Bonn gedreht; in einem TV-Film nach einem Drehbuch von Oliver Storz spielt er einen schwäbischen Bürgermeister.

Auf der Berlinale vor 38 Jahren ist Christof Wackernagel auf einen Schlag berühmt geworden. Er war 15, als er im Film "Tätowierung" mit Helga Anders ins Bett ging. Mit Helga Anders! Das war eine junge Schauspielerin mit Schmollmund, die den deutschen Jungfilm erotisierte. Auf dem Film-Plakat hockt im Vordergrund der nackte Wackernagel mit einer Pistole in der Hand, die Anders füllt den Hintergrund. "Tätowierung" (Regie: Johannes Schaaf) bekam drei Filmbänder in Gold, wurde auf der Berlinale 1967 uraufgeführt, und nach der Premiere gab die Hollywood-Größe James Stewart dem Tertianer Wackernagel die Hand. Höher kann man kaum einsteigen. Wackernagel stieg aus, bevor er 20 wurde. Viel gedreht hat er erst wieder nach seiner Zeit im Gefängnis, aber Hauptrollen in Aufsehen erregenden Filmen wie zu Beginn seiner Karriere waren nicht mehr darunter.

"Ich bin durch sämtliche Serien getingelt, da kann ich ja mal mit 50 ein Sabbatjahr nehmen." Vor zwei Jahren stand er vor der Frage, ob er weiter die Figur des Polizisten Dudek in der preisgekrönten RTL-Serie "Abschnitt 40" geben und eine zweite Staffel drehen solle. Doch dann hat Wackernagel ("den fiesen deutschen Bullen zu spielen war ein Traum, ich entdeckte mich darin wieder") Angst davor gehabt, seine "Seele zu verkaufen" und hat nein gesagt. Und ist bald danach zum ersten Mal nach Bamako gereist. Da war die Idee der Friedenskarawane schon weit gediehen, von der noch die Rede sein wird.

Vollkornbäckerei in Bamako

An Ideen mangelt es dem 53-Jährigen nicht; die wichtigsten finden sich auch auf seiner Website, doch meist überschreiten die Projekte das Stadium des Entwurfs nicht, was nicht zuletzt daran liegt, dass es zumeist ein sehr großer ist. Und wenn, wie im neuesten Fall, die Realisierung weit gediehen ist, geht unerwartet doch noch was schief. Alternative Bochumer und Malier haben eine Vollkornbäckerei in Bamako aufgebaut. Spenden wurden gesammelt und investiert, der Backofen läuft, doch noch produzieren sie bloß, wie alle Bäckereien in Bamako, Baguette aus Weißmehl, weil es an Vollkornmehl mangelt. Wackernagel ist darob verzweifelt. Das hört man nicht nur, das sieht man auch, denn Wackernagel, ein impulsiver Mensch, spielt nicht nur auf der Bühne. Auch im Gespräch gestikuliert er, verzieht sein Gesicht, springt auf, birgt seinen Kopf in den Händen, läuft rot an und belebt dadurch seine Erzählungen. So auch die, in der er zu Herman van Hoogen nach Hause kam.

Herman van Hoogen ist jener holländische Polizist, der mit Kollegen im August 1977 Wackernagel und seinen RAF-Freund Gert Schneider festnahm. Es war eine Grauen erregende Situation: Die Terroristen, die in einer Telefonzelle standen, und die Polizisten schossen aus allernächster Nähe aufeinander. Van Hoogen setzte sich neun Jahre später bei der deutschen Justiz dafür ein, dass die Täter vorzeitig entlassen werden sollten.

Nachdem er draußen war, besuchte Wackernagel seinen Fürsprecher in Amsterdam. Als er und van Hoogen in die Nähe von dessen Wohnung kamen, zeigte dieser auf ein Fenster, und just in dem Moment zog van Hoogens Frau die Gardine beiseite. Da "hat es mich zerrissen", sagt Wackernagel. Beinahe hätte er es verschuldet, dass diese Frau nie mehr auf ihren Mann hätte warten dürfen. "Ich habe ein solches Schweineglück gehabt, dass ich Herman nicht erschossen habe."

Zwei Monate in der Illegalität

Auf einem Tisch am Schaufenster der Bochumer Wohnung liegt das Buch "Schleyer. Eine deutsche Geschichte" mit einer Widmung des Verfassers Lutz Hachmeister. Während des "deutschen Herbstes" gehörte Wackernagel zur RAF, während der Wochen, in denen der Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer entführt und ermordet wurde, in denen die Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu entführt und deren Passagiere durch die GSG-9 befreit wurden, in denen sich die RAF-Anführer Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Stammheimer Gefängnis umbrachten.

"Ich war bei der RAF nur Gast", sagt Wackernagel. Er war nie ein führender Kopf der terroristischen Vereinigung, aber kurzzeitig ihr bekanntestes Gesicht, ein Schauspieler, ein Prominenter, der in den Untergrund ging. Wackernagel hatte kaum zwei Monate in der Illegalität gelebt, bevor er verhaftet wurde. Wegen Mordversuchs und RAF-Mitgliedschaft bekam er 15 Jahre Gefängnis.

1984 trennten sich Wackernagel und Schneider - die beiden sehen sich heute noch ab und zu - öffentlich von der RAF. "Wir haben nicht gesagt, es war alles falsch", sagt er heute, "wir haben gesagt, es muss jetzt aufhören." Sie fielen vom Glauben ab, und "die furchtbarste Enttäuschung war, dass es ein Glaube war", auch nur ein Glaube.

In den 70er Jahren war Wackernagel ("ich war ein ausgeflippter Typ") nach Schulabbruch und Kommuneleben immer weiter an den linksradikalen Rand geschwommen, immer weiter weg von einem bürgerlichen Leben, und auch die Filmerei hatte er aufgegeben. Nach einer Weile in einem Druckkollektiv in Stuttgart, in dem sich, ein Ideal jener Jahre, die Verschmelzung von Arbeit, Leben und politischer Arbeit manifestierte, kam er in Kontakt mit dem Stuttgarter Anwalt Klaus Croissant, der auch RAF-Mitglieder verteidigte, geriet in den Dunstkreis der RAF-Sympathisanten und tauchte schließlich im Sommer 1977 unter. Aus dem Schauspieler Wackernagel war der Terrorist Wackernagel geworden. Seitdem "kann ich machen, was ich will, ich bin der Ex-Terrorist." Er schreit es heraus.

Das Kainsmal bleibt. Er hasst es, weil er weiß, dass es heller strahlt als jede seiner künstlerischen Hervorbringungen. Doch verdankt er der Kunst, dass er nach der RAF an das Leben vor der RAF anknüpfen konnte. Sein Name half, seine Herkunft aus einer Künstlerfamilie. Andernfalls wäre sein noch zu Knastzeiten veröffentlicher Roman "Nadja" nicht in allen wichtigen Zeitungen rezensiert worden. Andernfalls hätte Claus Peymann ihn nicht schon als Freigänger am Bochumer Schauspielhaus untergebracht.

Wackernagel ist ein politischer Mensch geblieben. Mehr denn je interessiert ihn die politische Dimension künstlerischer Projekte. So hat er die Idee entwickelt, eine beispiellose Künstlerkarawane in Gang zu setzen: 200 Maler, Musiker, Schriftsteller aus aller Herren Länder ziehen ein Jahr durch die Sahara, tauschen sich mit der Bevölkerung aus, entwickeln dabei Kunstprojekte und führen sie auf fünf Festivals in der Wüste auf. Das Unternehmen, bereits bis ins Kleinste durchgerechnet, ist logistisch anspruchsvoller als die Rallye Paris-Dakar. Wackernagel träumt noch immer davon, wiewohl eine öffentliche Reaktion auf sein in Berlin vor zwei Jahren groß vorgestelltes Projekt ausblieb, wiewohl Sponsorengelder von 100 Millionen Euro - so viel soll das Projekt kosten - illusorisch erscheinen.

Christof Wackernagel bleibt erstmal nichts anders als ein weiteres seiner existenziellen Experimente, als das Leben in einem moslemischen Land in der Sahel-Zone. Der Mietvertrag für sein Haus in der malischen Hauptstadt läuft bis 2006. Wackernagel schwärmt vom Tagesablauf in Bamako: morgens schreiben, mittags mit Nachbarn und Freunden essen, nachmittags malen, abends Musik machen. Wenn seine Agentin ruft, kommt er nach Deutschland und dreht und verdient Geld. Und sitzt wieder mal an seinem Schaufenster in Bochum.

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