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Schweigen für einen Lehrer: Kinder einer Grundschule in Bischwiller in Ostfrankreich.

Islamistischer Terror

Terror in Frankreich: Schweigen für Samuel Paty

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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In Frankreichs Schulen wird des ermordeten Lehrers gedacht – auch Gedanken an Nizza sind nicht fern. Aber ganz ohne Zwischenfälle geht dieser traurige Tag der Nation nicht vorüber.

Es war ein sehr spezieller Schulbeginn nach den Herbstferien – und das nicht nur, weil die französische Schülerschaft jetzt schon ab sechs Jahren eine Schutzmaske tragen muss. In ganz Frankreich waren sämtliche Grund- und Mittelschulen angehalten, des Geschichtslehrers Samuel Paty zu gedenken. Er war vor gut zwei Wochen ermordet worden, nachdem er eine Diskussion zum Thema Meinungsfreiheit mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins Charlie Hebdo illustriert hatte.

In Conflans-Sainte-Honorine, wo er unterrichtet hatte, besuchte Premierminister Jean Castex am Montag einen Staatsbürgerunterricht. An die Schultafel schrieben die Kinder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sowie die Begriffe „Laizität“ und „Meinungsfreiheit“. Wie im ganzen Land verlasen Schüler:innen einen Brief des Reformsozialisten Jean Jaurès (1859-1904) an die Lehrerschaft. „Die Zivilisation wird über den Obskurantismus und den Tod triumphieren“, las ein Mädchen vor. Dann erhob sich die Klasse zu einer Schweigeminute.

Frankreich trauert um Samuel Paty: „Man hat nie, nie, nie das Recht, jemanden umzubringen“

Castex fragte danach, ob alle wüssten, warum er diese Zeremonie angeordnet habe. „Weil sie den Lehrer Paty ermordet haben“, antwortete einer der Neunjährigen. „Jawohl“, bestätigte der Premier und fuhr fort: „Man hat nie, nie, nie das Recht, jemanden umzubringen.“ Dann sangen alle Anwesenden, inklusive Lehrerin, Bildungsminister und Bürgermeister, die Hymne Marseillaise.

Die sehr republikanische Szene wurde von den Fernsehstationen live ins ganze Land übertragen. Sie hatte fast etwas Beschwörendes, nachdem ein Islamist im Zuge des Paty-Mordes auch drei Kirchgänger in Nizza ermordet hat.

Vor fünf Jahren, als die halbe Redaktion von Charlie Hebdo massakriert worden war, hatten etliche Schüler vor allem in Banlieue-Orten die damalige Schweigeminute demonstrativ gestört. Nun setzte Bildungsminister Jean-Michel Blanquer alles daran, solche Vorfälle zu vermeiden. Indirekt half ihm dabei auch die Präsenz von Gendarmen und Soldaten. Castex hatte nach dem neusten Attentat in Nizza landesweit 7000 Ordnungshüter vor Schulen und Gotteshäusern aufgeboten. Am Montagmorgen ließ sich auch der in Einwanderervierteln sehr populäre Fußballstar Kylian Mbappe vernehmen: „Die Schule der Republik ist wie ein Fußballfeld“, twitterte er: „An beiden Orten gilt es, geeint zu sein.“

Trauer in Frankreich: Gedenkminute für Samuel Paty gestört

Proteste ließen sich allerdings nicht ganz verhindern. In Nantes sperrten 30 Jugendliche den Zutritt zu einer Mittelschule. Sie bewarfen Lehrer mit Wurfgeschossen. Die Polizei verhaftete mindestens einen 18-Jährigen mit einem Molotowcocktail. Bei einem Rugbymatch in der südfranzösischen Stadt Agen hatten drei Männer schon vor einer Woche eine Gedenkminute für Samuel Paty gestört.

Darüber – und auch über Frankreich – hinaus kam es am Montag zu weiteren Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen und indirekt die Position des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. In Berlin zog ein Mann eine verkleidete Person mit einer Macron-Maske an einem Strick hinter sich her und beschimpfte sie auf Arabisch. Die Polizei prüft dem Vernehmen nach anhand des zirkulierenden Videos, ob es sich dabei um einen Rechtsverstoß handelte.

In der Hauptstadt Bangladeschs, Dhaka, gingen am Montag 50.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Unterstützung der französischen Regierung für „Charlie Hebdo“ zu protestieren. Die Protestierenden forderten die Regierung auf, die diplomatischen Beziehungen zu Paris abzubrechen. Sie riefen auch zum Boykott französischer Produkte auf und skandierten: „Keine Verunglimpfung des Propheten Mohammed.“

Im islamischen Raum herrscht allerdings zu diesem Thema keine Einigkeit. Der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Anwar Gargash, drückte in einem Interview Verständnis für die Haltung der aktuellen Staatsführung in Paris aus: Macron habe recht, gegen die Ghettoisierung der Muslime anzutreten. (Stefan Brändle)

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