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Alarmstimmung in Schweden: Fake News über „Kidnapping“ sorgen für Unruhen

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Von: Thomas Borchert

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Der Begriff „Fake-News“ für Falschnachrichten hat auch Einzug in den Duden gehalten.
Der Begriff „Fake-News“ für Falschnachrichten hat auch Einzug in den Duden gehalten. © Jens Kalaene/dpa

In Schweden lösen Fake News über angebliches „Kidnapping“ muslimischer Kinder Unruhe aus.

Stockholm - Die massive Verbreitung von Fake News über angeblich systematisches „Kidnapping“ muslimischer Kinder durch Schwedens Behörden hat Alarm in Stockholm ausgelöst. Wie der Rundfunksender SR am Donnerstag meldete, ist der Krisenstab von Ministerpräsidentin Magdalena Andersson zusammengetreten. Das Außenministerium erklärte: „Die Desinformationskampagne ist ein Angriff auf den Rechtsstaat, unsere Behörden und die Demokratie.“

Als Erstes wurde kurz vor dem Jahreswechsel in einem arabischsprachigen Tweet mit Video behauptet, dass „der faschistische Staat Schweden“ vorzugsweise muslimische Kinder zwangsweise von ihren Familien trenne und in Heime zwinge. In nach Medienangaben mehr als 35 000 weiteren Posts allein in der vergangenen Woche mit dem Hashtag (übersetzt) „StopptdasKidnappingunsererKinder“ treten verzweifelt vor Kinderheimen Protestierende auf. Kinder berichten weinend von brutaler Trennung durch die Behörden: „Sie haben mich gestohlen. Das Sozialamt hat mir Mama und Papa weggenommen. Helft mir!“

„Kidnapping“-Kampagne in Schweden: Auch Al Jazeera steigt ein

In den teilweise millionenfach aufgerufenen und gelikten Posts wird zum Boykott Schwedens aufgerufen. Inzwischen hat nach Angaben der Zeitung „Dagens Nyheter“ auch der arabische TV-Sender Al Jazeera die Vorwürfe aus den sozialen Medien übernommen und berichtet unter der Überschrift: „Schweden trennt systematisch Flüchtlingskinder von ihren Familien“.

Nach schwedischem Recht erfordert die Zwangstrennung eines Kindes einen Gerichtsbeschluss. Dass die Sozialbehörden bei ihrer Begutachtung vergleichsweise strenge Maßstäbe anlegen, hatte in den 80er Jahren auch zu massiver Kritik unter anderem aus Deutschland geführt, wo sich Medien den Vorwurf Betroffener zu eigen machten, Schwedens Behörden seien verantwortlich für einen „Kinder-Gulag“.

Nach Überzeugung von Fachleuten sind die zunächst spontan in sozialen Medien auf Arabisch geäußerten Vorwürfe zum „systematischen Kidnapping“ wegen ihrer Griffigkeit mit klarem Feindbild auf gewaltiges Interesse gestoßen. Als Beispiel dafür präsentierte der TV-Sender SVT den Göteborger Friseur George Touma, im Nebenberuf erfolgreicher Youtuber mit mehr als einer Million Follower. Touma veröffentlichte auch einen scharfzüngigen Post gegen die für ihn generell zu schnelle Zwangsentfernung von Kindern in Schweden. Er zog ihn erschrocken zurück, als ihm klar wurde, dass er Teil einer teilweise zu Gewalt aufrufenden islamistischen Hasskampagne gegen Schweden geworden war: „Das will ich nicht. Ich war einfach auf der Seite von Betroffenen.“ Beweise für seine Behauptungen im Video hatte er nicht: „Ich bin nur meinen Gefühlen gefolgt.“

Mikael Tofvesson, Chef des staatlichen Amtes für psychologische Verteidigung, ist sicher, dass die Kampagne organisiert ist. Er sagte in „Dagens Nyheter“: „Eine breite Palette von Akteuren steht dahinter. Mehrere der beteiligten Konten werben für gewaltbereite Ideen.“ Die Regierung beschloss kürzlich, die Kampagne als „unangemessene Beeinflussung der Gesellschaft“ einzustufen. (Thomas Borchert)

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