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Bandenkriminalität in Schweden: „Der Staat war nicht da, die Polizei nicht vor Ort“

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Von: Nail Akkoyun

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Angesichts der Reichstagswahlen dominiert in Schweden das Thema Bandenkriminalität. Doch Prävention und Bekämpfung gestalten sich schwierig.

Stockholm – Am 11. September wählt Schweden ein neues Parlament. Das dominierende Thema: Bandenkriminalität. Seit Jahren hat das EU-Land mit den kriminellen Machenschaften verschiedener Clans und Banden zu kämpfen. Unter den Bandenkriegen leiden auch unschuldige Zivilpersonen. Erst vergangenen Freitag (19. August) kam es in Malmö in einem Einkaufszentrum zu einer Schießerei, bei der ein Mann getötet wurde – der mutmaßliche Schütze ist erst 15 Jahre alt und der Polizei zufolge dem Bandenmilieu zuzuordnen.

Es handelt sich dabei jedoch um nur einen Fall von vielen. Laut der Behörde für Kriminalprävention steigt die Zahl der Toten durch Schusswaffengewalt in Schweden beinahe jährlich an. Oftmals sind die Täter minderjährig oder haben kaum das achtzehnte Lebensjahr überschritten. Die Entwicklung ist in keinem anderen europäischen Land zu beobachten. Seit geraumer Zeit stellt sich Schweden daher die Frage, wie man das Problem in den Griff kriegen soll – und ob das überhaupt gelingen kann.

Polizist:innen sperren den Bereich nach Schüssen in einem Einkaufszentrum in Malmö am 19. August. Der mutmaßliche Täter wird dem Bandenmilieu zugeordnet.
Polizist:innen sperren den Bereich nach Schüssen in einem Einkaufszentrum in Malmö am 19. August. Der mutmaßliche Täter wird dem Bandenmilieu zugeordnet. © Johan Nilsson/dpa/AP

Andersson will gegen Bandenkriminalität in Schweden weiter vorgehen

Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson will der Gewaltspirale ein Ende bereiten und sagte der Bandenkriminalität jedenfalls den Kampf an: „Diese Offensive findet an zwei Fronten statt: gegen die Waffen und gegen die Banden“. Man werde nicht nur gegen illegalen Waffenhandel vorgehen, sondern der Polizei auch gewähren, künftig jeden Kellerraum, jede Wohnung und jedes Fahrzeug zu durchsuchen – selbst ohne konkreten Tatverdacht. Ob es aber klug ist, junge Männer, oft mit Migrationshintergrund, unter Generalverdacht zu stellen, sei dahingestellt.

Dem Soziologen Amir Rostami zufolge stammen die Täter oft aus der zweiten Migrationsgeneration. „Viele meinen, dass schlechte Integration ein Teil des Problems sei. Ja, da stimme ich zu“, sagte Rostami im Gespräch mit tagesschau.de. Doch wenn man Deutschland als Gegenbeispiel nehme, könne man sehen, dass Migrant:innen in der Bundesrepublik ähnliche Herausforderungen wie in Schweden meistern mussten und nicht in die Kriminalität abrutschten. Mithilfe von Prävention könne man einiges erreichen, auch wenn viel versäumt worden sei, erklärte Rostami weiter.

Dass etwas versäumt wurde, räume auch der schwedische Innenminister Mikael Damberg im ARD-Interview ein. Über Jahre habe man arme Wohngebiete allein gelassen. „Der Staat war nicht da, die Polizei nicht vor Ort – da hat Schweden einen Fehler gemacht“, sagte Damberg.

Schweden: Polizeichef „besorgt um unsere Zukunft“

„Der durchschnittliche Täter ist etwa 20 Jahre alt und wohnt in einem sogenannten gefährdeten Gebiet“, sagte Kriminalreporter Lasse Wierup der Deutschen Presse-Agentur (dpa) – im Deutschen würde man diese „utsatt område“ wohl am ehesten als „Problembezirk“ bezeichnen. „Der neue Trend ist jedoch, dass Minderjährige eine immer größere Rolle spielen.“ Ein Grund dafür: Der Polizei ist es durch die Entschlüsselung der App EncroChat gelungen, ältere Kriminelle zu fassen.

Kinder und Jugendliche werden in Schweden von den Gangs auch beim Verstecken und beim Transport von Drogen und Schusswaffen ausgenutzt, wie Informationen aus den entschlüsselten Chats zeigten. „Ich bin tatsächlich ziemlich besorgt um unsere Zukunft“, sagte der örtliche Polizeichef in Sollentuna im Norden Stockholms, Christoffer Bohman, dem Radiosender SVT.

Bandenkriminalität in Schweden: Bekämpfung gestaltet sich schwierig

Doch was macht Schweden falsch? Eine der wichtigsten Erklärungen für die eskalierende Gang-Gewalt ist nach Ansicht von Wierup die geringe Aufklärungsquote. „Die kurze Antwort ist, dass der Preis, ein Gangster-Leben in Schweden zu führen, oft niedrig ist“, sagt er. „Viele Junge, nicht zuletzt die, die aus anderen Ländern eingewandert sind, entdecken, dass man viele Straftaten begehen kann, ohne zu einer empfindlichen Strafe verurteilt zu werden.“

Die schwedische Gesetzgebung stamme in der Hinsicht aus einer anderen Zeit, sagte Wierup. Im Reichstag in Stockholm habe man letztlich eingesehen, dass man etwas tun müsse, und mehrere verschärfte Gesetze auf den Weg gebracht. Die Regierung legte Mitte Juni einen 34-Punkte-Plan vor, um die Gangs in den Griff zu bekommen. „In Schweden sollen alle sicher sein, egal wo man wohnt“, heißt es darin. Das Problem für: Die kriminellen Netzwerke haben sich in den verlorenen Jahren längst etabliert – diese zu zerschlagen, so Wierup, sei keine leichte Aufgabe für die ohnehin schon unterbesetzte Polizei. (nak/dpa)

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