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In der zweiten Hälfte des Jahres 1995 traf sich eine Schar junger CDU- und Grünen-Abgeordneter in der Bonner Pizzeria Sassella.
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In der zweiten Hälfte des Jahres 1995 traf sich eine Schar junger CDU- und Grünen-Abgeordneter in der Bonner Pizzeria Sassella.

Pizza-Connection

Schwarz-Grün ist gegessen

  • Daniela Vates
    VonDaniela Vates
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Vor 15 Jahren trafen sich in Bonn junge Abgeordnete von Union und Grünen, um über eine gemeinsame Zukunft zu sprechen. Heute gibt es die Pizza-Connection nicht mehr.

Vor 15 Jahren trafen sich in Bonn junge Abgeordnete von Union und Grünen, um über eine gemeinsame Zukunft zu sprechen. Heute gibt es die Pizza-Connection nicht mehr.

Angela Merkel hat neulich Spaghetti servieren lassen im Kanzleramt. Spaghetti Bolognese, ein sparsames WG-Essen und nicht gerade geeignet für weiße Hemden. Die Koalitionsspitzen saßen zusammen und drehten Nudeln, mit gebotener Vorsicht. Und die CDU besiegelte den Bruch eines ihrer letzten Tabus: Die Abschaffung der Wehrpflicht wurde terminiert auf den kommenden Juli. Mit am Tisch saßen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe und Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier. Und die FDP.

Vor 15 Jahren haben Pofalla, Gröhe und Altmaier öfters gemeinsam Nudeln gegessen. Nicht im Kanzleramt, in einem oberen Stockwerk, sondern im Keller des Bonner Restaurants "Sassella". Auch damals ging es um einen Tabubruch: Helmut Kohl regierte seit einem Jahrzehnt mit der FDP. Die drei und ein paar ihrer Parteikollegen trafen sich mit Grünen-Abgeordneten, zum ersten Mal gab es so etwas wie eine Kontaktaufnahme beider Parteien auf Bundesebene, die weiter ging als Absprachen im Bundestag.

Es war viel Inszenierung, allein in der Wahl des Treffpunkts. In dem Restaurant mit dem Namen eines italienischen Weins aß auch Helmut Kohl gerne. Um ins Kellerzimmer zu gelangen, mussten die Teilnehmer das Restaurant durchqueren, durch die Küche gehen, eine Treppe hinuntersteigen, an der Speisekammer vorbeilaufen. Am Ende eines Ganges stand in einem Raum ein großer Holztisch. Es war eine sehr öffentliche konspirative Sitzung.

Prompt empörte sich der damalige CSU-Generalsekretär Bernd Protzner, er werde diese "Pizza-Connection" genau beobachten. Die Runde hatte ihren Namen und ihren Spaß. Sie aß meist Pasta. Es gab in Zeitungen Fotos von Pizzen, die mit schwarzen und grünen Oliven belegt waren. Hinter der Tür im Kellerraum imitierte der CDU-Abgeordnete Eckart von Klaeden Helmut Kohl. Die Grünen erzählten, dass Treffen mit gleichaltrigen SPD-Kollegen ein Desaster seien.

"Gemeinsame Lebensfreude"

Hermann Gröhe war 34 Jahre alt, frisch in den Bundestag gekommen und verkündete vergnügt: "Die Jungen von Grünen und CDU verbindet die gemeinsame Lebensfreude. Wir genießen gern, mögen gutes Essen und Wein. Außerdem lesen wir die gleichen Bücher, schauen uns die gleichen Filme im Kino an und denken in vielen politischen Fragen in dieselbe Richtung." Der 24-jährige Matthias Berninger von den Grünen sagte: "Hier kommen die Minister von morgen zusammen." Sein Parteikollege Cem Özdemir schwärmte, die Treffen hätten "etwas Magisches".

Etwas Magisches: Plötzlich erschien ein Gedanke möglich, der bis dahin weit weg war. Die Grünen waren für die CDU lange die Linksradikalen, die Steineschmeißer gewesen. Nun gab es eine neue Koalitionsoption. Oder zumindest gab es die Ahnung von ihr: Schwarz-Grün.

"Wir hatten ein grünes Herz", sagt einer der Unions-Leute, die damals im Weinkeller dabei waren, heute und blickt aus dem Fenster seines Büros. Es ist ein Tag im Dezember, der Schnee hat sich übers Berliner Regierungsviertel gelegt. Der Mann war damals junger Abgeordneter, jetzt ist er in der CDU aufgestiegen. Und regiert mit der FDP. "Die FDP war damals stehengeblieben - das gilt bis heute", sagt der Mann. Er würde es nicht öffentlich sagen, die FDP ist der Koalitionspartner, die Zusammenarbeit ist schon schwierig genug.

Er ist aufgestiegen nach ganz oben, wie andere aus der Pizza-Connection. Es sitzen nun: Ronald Pofalla im Kanzleramt, Hermann Gröhe in der Parteizentrale, Peter Altmaier in der Fraktionsspitze. Norbert Röttgen ist Bundesumweltminister und führt den mächtigen nordrhein-westfälischen CDU-Landesverband. Bei den Grünen sind einige ausgeschieden, Matthias Berninger, Margareta Wolf und Andrea Fischer wechselten in die Wirtschaft, Oswald Metzger zur CDU. Aber Cem Özdemir ist Grünen-Chef, Volker Beck zieht als Geschäftsführer der Grünen-Fraktion an ziemlich vielen Fäden.

Die Pizza-Connection ist also an der Macht. Und doch ist ausgerechnet jetzt Schwarz-Grün so weit entfernt wie schon lange nicht mehr. Zumindest hat es den Anschein. "Es ist kalt geworden", sagt der Unions-Mann und blickt in den Schnee. Es sieht aus, als schmunzele er.

Die Kälte schlägt sich nieder in Worten: Auf dem Parteitag in Karlsruhe sagt Merkel im November zum Thema Schwarz-Grün: "Das sind Illusionen, Hirngespinste." CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bezeichnet die Grünen als Protestsekte.Es sind ziemlich laute Worte. Die Grünen bellen ähnlich. Mit der Verlängerung der Akw-Laufzeiten habe die Union die Tür zu den Grünen zugeschlagen, verkündet Fraktionschefin Renate Künast im September. Es stehen Wahlen an.

Hermann Gröhe sagt jetzt, die Grünen seien die Dagegenpartei. "Mit denen können wir nicht zusammenkommen", schimpft auf der anderen Seite Grünen-Chef Cem Özdemir. Seine Fantasie für Schwarz-Grün auf Bundesebene reiche nicht aus. Es ist keine Rede mehr von Magie und Gemeinsamkeiten. Es geht viel um Emotionen und Schuldzuweisungen. Bei den Grünen sagen sie, die Union habe nicht die Kraft für Schwarz-Grün. Bei der Union heißt es, die Grünen könnten keine Konflikte aushalten.

"Neue Verpflichtungen"

In 15 Jahren kann viel passieren. Es gibt Enttäuschungen und Verletzungen. Orientierungen und Vorlieben können wechseln. Die Leute von der Pizza-Connection standen am Anfang ihrer Karriere und konnten sich gegen oben verbünden. Jetzt sind sie selber oben und zu Konkurrenten geworden. Es haben sich neue Verpflichtungen ergeben.

Für Hermann Gröhe etwa, der die Pizza-Connection gemeinsam mit Matthias Berninger ins Leben gerufen hat. Gröhe blieb, anders als Berninger, in der Politik. Und er stieg auf. Nach der letzten Bundestagswahl hat Merkel ihn zum Generalsekretär gemacht. Seine Berufung war vor allem ein Signal an den konservativen Flügel der Partei. Gröhe ist in der evangelischen Kirche engagiert, er steht mit seinen vier Kindern für das traditionelle Familienbild seiner Partei. Er ist nun dafür zuständig, die Umfragekurve der Union wieder nach oben zu biegen. Gröhe war einer der ersten, die gesagt haben, die CDU müsse mehr Emotionen wecken. Das geht zum Beispiel über Feindbilder. Und die Grünen sind mit ihren Umfragewerten ohnehin zur ernsthaften Konkurrenz geworden.

Da steht er nun also montags im Foyer der CDU-Zentrale, nach einer Vorstandssitzung seiner Partei. Gröhe hat sich vor einer blauen Wand postiert in dem weiten kühlen Raum. Er wirkt so, als würde er gerne mal mit seinem ziemlich viereckigen Kopf durch die Wand laufen. Aber Gröhe ist eher pragmatisch, er formuliert vorsichtig. Was ist geworden aus dem Traum von Schwarz-Grün? "Wir träumen nicht von Konstellationen, wir arbeiten für den Erfolg dieser Konstellation." Und die Grünen? "Es ist alles andere als ersprießlich: Die Grünen sind eine sich zunehmend nach links entwickelnde Partei." Die Union habe sich modernisiert, die Grünen entwickelten sich zurück zu Realitätsverweigerern.

In der Parteizentrale der Grünen sitzt Cem Özdemir in seinem Büro, einem hohen Altbauraum mit Stuck an der Decke. Auf dem Sofatisch liegt ein Bildband über die Türkei, an der Wand hängt eine Deutschlandkarte, in der viele Stecknadeln stecken. Die Grünen sind im Umfragehoch. Haben sich die Gemeinsamkeiten mit der Union erschöpft, weil die CDU jetzt Islamgipfel veranstaltet und Ganztagsschulen nicht mehr völlig falsch findet? "Die Union war schon mal deutlich weiter", sagt Cem Özdemir kühl. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke sei unzumutbar für die Grünen. "Das ist, als würden wir von der CDU verlangen, das C aus ihrem Namen zu streichen."

Die Pizza-Connection ist begraben. Beim letzten Treffen in Bonn sind alle dabei gewesen. Im Nachhinein war es ein Abschied. Alle sind irgendwie stolz auf die Runde von damals. Nicht überbewerten, empfehlen sie einerseits. Andererseits sagen sie, dass sie beiden Parteien geholfen habe. Es habe den Umgang normalisiert. Es hat ein paar Versuche gegeben, sie wieder aufleben zu lassen in Berlin, man traf sich mal in Sarah Wieners Speisezimmer, mal im Kreuzberger "Cochon Bourgeois". Bei den Grünen sagen sie, die CDU sei daran interessiert gewesen. Bei der CDU heißt es, die Grünen hätten geladen. Die Sache ist eingeschlafen. "Das Clubgefühl ist weg", sagt Cem Özdemir.

Bei den Grünen erzählen sie gerne, dass Gröhe Özdemir auf einer Veranstaltung beim Tragen des Kinderwagens geholfen habe. In der CDU bemerken sie, Renate Künast bemühe sich nach Kräften, die schwarz-grüne Option für Berlin nicht kaputtzumachen. Der Traum ist aus, eigentlich, ganz vorbei soll er aber lieber doch noch nicht sein.

Das "Sassella" hat jüngst seine Öffnungszeiten ausgedehnt. Aber es liegt immer noch in Bonn.

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