+
Habeck nimmt Dynamik und Tradition bei der Uhrenmanufaktur Nomos Glashütte in Augenschein.

Robert Habeck

„Schwänzen ist nicht falsch“

  • schließen

Grünen-Chef Robert Habeck über Höhenflüge seiner Partei, Schülerproteste in Deutschland und was er mit Krawatte und Joints anfangen kann. 

Anfang der Woche war Robert Habeck im „China Club“ des Berliner Nobelhotels Adlon. Dorthin hatte ihn das Redaktionsnetzwerk Deutschland zu seiner neuen Reihe „Berliner Salon“ eingeladen. Der Grünen-Chef wusste einiges über Umfragen, Jamaika und Twitter zu erzählen.

Herr Habeck, die Grünen stehen stabil bei 19 Prozent. Fühlen Sie sich wohl bei diesen Werten – oder darf es noch höher gehen?
Wir schauen nicht so sehr auf diese Umfragen, aber wir bekommen diese Werte natürlich mit. Wir wollen uns auf Inhalte konzentrieren. Die Grünen sind eine gesellschaftliche Zentrumspartei. Dann werden die Umfragen und Wahlergebnisse folgen.

Der Aufschwung wird mit Ihnen und Annalena Baerbock verbunden. Was machen Sie besser als Ihre Vorgänger Cem Özdemir und Simone Peter?
Es ist nicht korrekt, dass dieser Erfolg so mit uns verbunden wird. Die eigentliche Trendwende kam während der Jamaika-Sondierungen. Da haben die Grünen bewiesen, dass wir keine Spaßpartei sind, sondern dass wir bis an die Grenzen der Belastbarkeit zum Kompromiss bereit sind. Das hat den Blick auf uns verändert.

Sie haben in einem Interview gesagt: Wenn die SPD eine Lücke klaffen lässt müssen andere sie schließen – wir. Sind die Grünen neue politische Heimat der linken Mitte?
Der Moment, in dem die Jamaika-Sondierungen gescheitert sind, ist eine Weiche der deutschen Politik geworden. SPD und Union konnten und wollten nicht mehr miteinander. Es nötigt mir Respekt ab, dass die SPD diese Koalition noch einmal eingegangen ist. Das war eine staatsbürgerliche Leistung. Aber die große Koalition bildet einfach nicht mehr das ab, was die gesellschaftliche Dynamik in Deutschland ist. Eine Gesellschaft, die weiß, dass sie sich wandeln muss. Das hätte durch Jamaika anders interpretiert werden können. Es war schon vorher klar, dass die große Koalition nicht Begeisterung, Elan und eine positive, visionäre Politik verkörpern kann. Und irgendwo muss die politische Leidenschaft ja hingehen. Der Satz ist ein Ansporn an uns selbst.

Brauchen die Grünen einen Kanzlerkandidaten?
Wir haben im Moment eine Regierung. Die soll jetzt erstmal regieren. Jetzt kommen Europawahl und Landtagswahlen, dann wissen wir, wo die Parteien stehen. Der sicherste Weg, nicht relevant zu sein, ist über einen Kanzlerkandidaten nachzudenken.

(Leserfrage:) Denken Sie, dass die Fridays-for-Future-Bewegung noch größer wird?
Ja, für eine Zeit auf jeden Fall. Zu Recht. In der Politik sagt fast jeder, dass der Klimawandel die größte Aufgabe dieser Generation ist – und trotzdem wird nur ein Arbeitskreis gebildet. Dass die Schüler nun sagen, jetzt reicht es mal, ist verständlich.

Ist es richtig, dass dafür Schule geschwänzt wird?
Es ist jedenfalls nicht falsch. Wenn man demonstriert, dann will man, dass darüber berichtet wird. Auch Streiks finden statt, um maximale Aufmerksamkeit zu generieren.

Vor einigen Wochen haben Sie sich von Twitter zurückgezogen. Wie geht es Ihnen jetzt damit?
Das klingt, als sei Twitter eine Droge. Aber es stimmt, der erste und letzte Griff am Tag ging oft zum Handy, man schaute, was über einen geschrieben wurde. Diese Möglichkeit habe ich mir genommen. Mir geht es super damit. Ich habe auch noch nie so schlechte Presseartikel über mich gelesen, wie nach dieser Entscheidung. Das hat sich danach relativiert.

Sie haben Ihren Rückzug damit begründet, dass Twitter Sie selbst zu Fehlern treibt.
Twitter und Facebook funktionieren, indem besonders viele Reaktionen erzeugt werden. Deshalb spült der Algorithmus die emotionalsten Tweets und Posts nach oben. Und darunter sind häufig negativ emotionale Tweets und Meldungen. Das ist das System. Man muss schon sehr stark sein, um davon nicht berührt zu werden. Ich war offensichtlich nicht stark genug.

Können Sie sich eine Rückkehr zu Twitter vorstellen?
Nicht, über die Zeit, über die ich jetzt politisch den Überblick habe.

(Schnellfragerunde:) Bei den schwarz-grünen Sondierungen 2021 werde ich....
...hoffentlich mit am Tisch sitzen

Die Vorstellung eines grünen Innenministers finde ich...
...spannend.

Ich würde das sogar selbst machen, wenn...
...(lange Pause) den Satz kann ich nicht zu Ende bringen...Wenn Katzen bellen!

Das erste Gesetz, das unter Grüner Regierungsbeteiligung erlassen werden sollte, ist...
...die Reformulierung des Tierschutzgesetzes.

Annalena Baerbock schätze ich besonders für...
...ihren Mut.

Bei Emmanuel Macron denke ich...
...dass sie ihn am langen Arm verhungern lassen.

Einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank finde ich...
...hochproblematisch. Damit würde man wieder eine Bank schaffen, die „too big to fail“ ist. Ich dachte, es wäre gelernt, dass wir das nicht mehr entstehen lassen wollen; dass wir nicht wieder Verluste sozialisieren müssen. Ich nehme an, der Grund ist, dass der Staat in der Bankenkrise Commerzbank-Aktien aufgekauft hat. Diese Aktien sind heute fast nichts mehr wert. Der deutsche Staat hat deshalb ein Interesse, dass die Commerzbank irgendwie überlebt und stabil ist. Es spricht deshalb viel, viel mehr gegen eine Fusion als dafür.

Eine Krawatte würde ich höchstens....
....gebügelt in den Schrank hängen.

Einen Joint würde ich...
....(Pause)...links liegen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion