Schutzmasken oder Desinfektionsmittel sind für Brasiliens Arme unerschwinglich.
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Schutzmasken oder Desinfektionsmittel sind für Brasiliens Arme unerschwinglich.

Brasilien

Schutzlose Favelas

  • vonTobias Käufer
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In Brasiliens riesigen Armenvierteln können sich die Menschen kaum gegen die Ausbreitung des Virus stemmen. Für Zündstoff sorgt auch der Tod einer Hausangestellten.In Brasiliens riesigen Armenvierteln können sich die Menschen kaum gegen die Ausbreitung des Virus stemmen.

Meine größte Sorge ist, dass die Ärmsten der Armen gar keine Chance haben, sich an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zu halten“, sagt Fernado Luiz (37), Kulturproduzent aus Rio de Janeiro. Brasiliens riesige Favelas, aber auch die anderen Armenviertel Lateinamerikas sind der Covid-19-Epidemie praktisch schutzlos ausgeliefert. Das Gesundheitssystem in vielen Ländern ist so gut wie der eigene Geldbeutel. Wer sich eine private Krankenversicherung leisten kann, scheint – zumindest was die medizinische Versorgung angeht – auf der sicheren Seite.

Die Armen scheitern aber schon an Kleinigkeiten, berichtet Luiz im Gespräch mit dieser Zeitung. „In dieser Woche musste ich Desinfektionsmittel für 22 Reales kaufen, aber ich habe auch schon Preise von 25 bis 30 gesehen.“ Das sind umgerechnet etwa vier Euro; damit ist für viele Favela-Bewohner schon das gesamte Tagesbudget ausgegeben. Hygieneartikel sind also für viele unbezahlbar. „Ich befürchte, dass all die, die sich selbst einfachste Schutzmaßnahmen nicht leisten können, einfach außerhalb des Systems sich selbst überlassen bleiben“, Luiz.

In dieser Woche sorgte der Tod einer Hausangestellten (63) für hitzige Diskussionen: Die Frau arbeitete seit Jahren in einem Luxusappartement im Nobelviertel Leblon, doch die reiche Hausbesitzerin, die sich offenbar auf einer Auslandsreise infizierte, informierte ihre Angestellte nicht, berichtet das Magazin „Exame“. Prompt steckte sich die Hausangestellte an und starb nun an den Folgen der Viruserkrankung.

So ganz langsam kommt die Krise auch in den Köpfen der Menschen an. Die weltberühmten Strände Copacabana oder Ipanema waren unter der Woche trotz Sonnenschein fast menschenleer. Dort, wo normalerweise Inline-Skater, Biker oder Jogger sich entlang der Avenida Atlantica bewegen, herrscht gähnende Leere.

Dafür sind die Balkone voll. Tausende nutzen sie diese Woche für eine Demonstration auf brasilianische Art: Sie schlugen mit Löffeln auf Kochtöpfe und riefen „Bolsonaro raus“. Für den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der bislang vor allem damit auffiel, die Krise in unverantwortlicher Weise zu verharmlosen, ist das ein Alarmsignal. In Rios Süden ist eigentlich seine Wahlklientel zu Hause, nun fangen seine Anhänger an, Stimmung gegen den Präsidenten zu machen. Nicht wenige fordern wegen der Haltung Bolsonaros ein Amtsenthebungsverfahren.

Luiz hat seine eigenen Maßnahmen schon getroffen: „Ich habe alle Veranstaltungen abgesagt.“ Für den Kulturproduzenten ist das eine schwere Entscheidung. „Die Leute haben Angst, wenn wir das alles absagen, wovon sollen die Menschen, die in diesem Sektor arbeiten, leben. Diese Leute leben vom Kontakt mit dem Publikum.“

Unterdessen versucht sich das Gesundheitsministerium von Rio de Janeiro irgendwie auf das Schlimmste vorzubereiten. „Wir brauchen Freiwillige“, heißt es in einem über die sozialen Netzwerke verteilten Aufruf. „Wir brauchen Medizin-Studentinnen und -Studenten, sowie Profis mit abgeschlossener Ausbildung.“ Brasilien liegt in der Entwicklung nach offiziellen Zahlen noch weit zurück. Zurzeit gibt es 500 bestätigte Fälle, auffallend viele davon in der weißen Oberschicht, darunter allein drei Minister im Kabinett Bolsonaro. Sie haben offenbar einen leichten Zugang zu den Tests. Fernando Luiz und seine Nachbarn in den Favelas scheitern derweil schon am Desinfektionsmittel.

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