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Studenten protestieren am 5. Juni 1967 auch in München.

Benno Ohnesorg

Der Schuss, der das Land veränderte

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Vor 50 Jahren wurde in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen. Es war einer der Schocks, die eine ganze Generation in die Revolte trieben.

Am 2. Juni 1967 wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg etwa um 20.30 Uhr von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz tödlich in den Hinterkopf getroffen. Das geschah am Rande einer Demonstration gegen einen Besuch des Schahs von Persien in der Deutschen Oper in Berlin.

Das Foto, das eine schwarzgekleidete junge Frau zeigt, die den Kopf des schwer verletzten Benno Ohnesorg hält, ging damals um die Welt. Auf einem anderen Foto des gleichen Moments sieht man die herumstehenden Passanten mit Händen in den Hosentaschen auf die Szene blicken. Eine Demonstration des Unwillens zur Empathie. Damals haben mich andere Fotos mehr beeindruckt. Es waren Aufnahmen, die Mitarbeiter des persischen Geheimdienstes Savak zeigten. Sie standen auf der sicheren Seite der Absperrgitter, hatten die Transparente, die sie an langen Stangen in die Luft gehalten hatten, abgenommen und schlugen nun mit diesen Stangen über die Gitter hinweg auf Demonstranten ein.

Derweil machte die Polizei mit ihren Knüppeln Jagd auf die Demonstranten. Der autokratische Monarch, dessen Untertanen vor ihm auf die Knie fielen und ihm die Schuhe küssten, und seine Schläger wurden von der deutschen Polizei geschützt. Die Demonstrationsfreiheit wurde mal eben ausgesetzt. Dass keiner der Savak-Schläger, sie sind auf Filmaufnahmen bestens zu erkennen, jemals zur Verantwortung gezogen wurde, wundert einen nicht. Aber die Hartnäckigkeit, mit der Innenbehörden und Polizei monate- ja jahrelang die Öffentlichkeit belogen, veränderte doch bei vielen den Blick auf die demokratische Grundordnung. 2011 – Kurras war inzwischen als SED-Mitglied und Stasi-Mitarbeiter enttarnt worden – befand die Berliner Generalstaatsanwaltschaft, selbst als die Ermittlungsbehörden festgestellt hatten, dass Kurras unbedroht einen gezielten Schuss in den Hinterkopf des Studenten abgegeben hatte, die Beweislage reiche nicht zur Neueröffnung eines Verfahrens wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Tötung Ohnesorgs aus. Ein schreckliches Fazit.

Die straffreie Erschießung Benno Ohnesorgs löste einen Schock aus. Das hatte wenig mit der Wirklichkeit der Bundesrepublik zu tun. 1952 waren in der Bundesrepublik mindestens 31 Personen Opfer polizeilicher Todesschüsse gewesen. Das führte dazu, dass immer weniger Statistiken veröffentlicht wurden. Von 1963 bis 1970 liegen sie nur für Hessen und Nordrhein-Westfalen vor. 1967 gab es noch ein zweites Todesopfer, über das ich nichts weiß. Der Schock kam zustande, weil die studentische Jugend die Bundesrepublik nicht kannte.

Der Schock war auch deshalb so groß, weil er zu einer Angst passte. Zu der Angst, dass es ganz unwahrscheinlich sei, dass die Bundesrepublik eine Demokratie bleiben könne, wenn die Führungskräfte von einer „formierten Gesellschaft“ träumten und an einer Notstandsgesetzgebung arbeiteten, die die demokratischen Grundrechte erheblich beschneiden würde. Genährt wurde diese Angst von Bildern aus den USA. Dort wurden die Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerrechtsbewegung, Schwarzenorganisationen und der Polizei immer massiver.

Dann übergroß und ein gewaltiges Menetekel auf jedem Fernseher auf der Welt: Vietnam. Seit Beginn des Jahres waren fast eine halbe Million US-Soldaten im Süden des Landes. Die Strategie hieß „search and destroy“. Der Vietcong sollte aufgestöbert und mit aller Gewalt – Napalm inklusive – zerstört werden. So sahen unsere Befreier aus. Wer in den fünfziger und den sechziger Jahren zur Schule gegangen war, der hatte seinen Nazi-Lehrern die amerikanische Demokratie und vor allem ihren Sieg über Nazideutschland vor Augen gehalten. Die USA waren der Trumpf, mit dem die Alten ausgestochen werden konnten. Nun hatte man die zwanzig überschritten und war bereit, selbst eine Rolle zu spielen. So schrecklich die Bilder waren, so fürchterlich die Wirklichkeit war, die sie abbildeten, es schien alles darauf hinzuweisen, dass es höchste Zeit war, die Generation der Väter ins Abseits zu schicken.

Es gab eine neue Welt. Die war am 30. Mai 1967 in Deutschland auf den Markt gekommen: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Die Platte der Beatles eröffnete den „Summer of Love“. Es war mehr als ein psychodelisches Cover und ein mit Hilfe der neuen Vierspurtechnik erzeugter neuer Sound. Es war ein Versprechen, dass die, die keine Massenmorde und Bomben wollten, inzwischen die Mehrheit waren auf diesem Planeten. Die Gewalt hatte abgewirtschaftet. Sie schlug noch um sich. Aber es waren die letzten Zuckungen einer aussterbenden Spezies. Das war die Hoffnung. Die hatte gerade Konjunktur. Der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels war 1967 Ernst Bloch. Seine Rede trug den Titel „Widerstand und Friede“. Die endete mit den Worten: „Wenn die Verhältnisse die Menschen bilden, so hilft nichts als die Verhältnisse menschlich zu bilden; es lebe die praktische Vernunft.“

Platz eins der Bestsellerliste des Spiegels besetzte Heinrich Bölls Erzählung „Ende einer Dienstfahrt“. Eine Gerichtsverhandlung über Vater und Sohn, die einen Jeep abfackeln. Die Tat wird zuerst als politische Straftat eingestuft und es sieht schlecht für die beiden aus. Dann kommt ein Professor und erklärt die Sache zu Kunst. Ein Happening.

Happening war eine der Parolen damals. Eine Vorlesungsstörung, zerbrochene Fensterscheiben; Sit-ins und Teach-ins sowieso. Jeden Tag hörten wir von ähnlichen Aktionen überall auf der Welt. Wir neigten dazu, auch die Bilder aus der chinesischen Kulturrevolution so zu interpretieren. Ein gewaltiger Irrtum. Happenings spielten Gewalt vor. Der Übergang zu wirklicher Gewalt war fließend. Das war so gewollt. Der „Sommer der Liebe“ war auch einer der Gewalt. Unsere Eltern waren nicht die Kinder von Mars und wir nicht die von Venus. Italowestern, die Gewalt ästhetisierten, liebte man damals. Sergio Corbuccis „Django“ war 1966 und „Leichen pflastern seinen Weg“ 1968 gedreht worden. 1968 kam „Spiel mir das Lied vom Tod“ in die Kinos.

1967 aber war das Jahr eines anderen Filmes. „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni zeigte Swinging London, Jane Birkin und Vanessa Redgrave. Vor allem aber zeigte Antonioni, dass die Wirklichkeit mit bloßen Augen nicht zu erkennen ist. Man braucht die Augen der Kamera – der Theorie, sagte man damals –, um ihr auf die Spur zu kommen. Erst in der Vergrößerung kleiner Details wird die Welt kenntlich. Das hatten Roland Barthes’ „Mythen des Alltags“ schon zehn Jahre zuvor vorexerziert. 1967 erschien von ihm „Das System der Mode“. Im Jahr zuvor war Adornos „Negative Dialektik“ erschienen. Ein Versuch zu verhindern, dass die praktische der reinen Vernunft durchbrennt.

1966 hatten Paul A. Baran und Paul Sweezy „Monopoly Capital“ veröffentlicht, eines der einflussreichsten Bücher für die ökonomische Orientierung der Neuen Linken. 1967 erschienen „Grammatologie“ von Jacques Derrida und „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord. Der Zeichentrickfilm „Das Dschungel-Buch“ verließ im Oktober des Jahres die Disney-Studios und eroberte die Kinosäle der Welt. Robert Crumbs erste Comics wurden veröffentlicht. Hugo Pratt brachte sein erstes „Corto Maltese Album“ heraus, und wann immer wir konnten, sahen wir uns „Mad“ an, das 1967 auch auf deutsch erschien, und – unübertroffen – die Zeitschrift „Hara-Kiri“.

Am 6. März war Stalins Tochter Swetlana Allilujewa in die USA eingereist. Am 5. Juni 1967 begann der Sechstagekrieg mit einem Präventivschlag der israelischen Luftstreitkräfte gegen ägyptische Luftwaffenbasen, der einem befürchteten Angriff der arabischen Staaten zuvorkommen sollte. Jordanien, das am 30. Mai 1967 einen Verteidigungsvertrag mit Ägypten geschlossen hatte, griff daraufhin Westjerusalem und Netanja an. Am Ende des Krieges kontrollierte Israel den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem. Der Ausgang des Krieges beeinflusst die Geopolitik der Region bis zum heutigen Tag.

Ein Durcheinander? Natürlich. Aber es ist das Durcheinander von damals. Es war das Durcheinander, zu dem noch die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik kamen, Henze und Stockhausen. Und unvergessen: Alexander Kluges Film „Abschied von gestern“ aus dem Jahre 1966. Ein programmatischer Titel, einer, an den viele dieser Generation glaubten.

Es wäre ganz falsch, sich ein Datum zu nehmen und zu behaupten, von da an ging’s dorthin. Jedes Datum ist eines in einer Konstellation. Wäre dem Todesschuss auf Benno Ohnesorg nicht der Mordanschlag auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 gefolgt, der 2. Juni wäre nicht zu einem Emblem geworden. Hätten die USA, statt am 16. März das südvietnamesische Dorf My Lai – angeblich ein Versteck des Vietcong – in Flammen zu setzen, sich aus Vietnam zurückgezogen, der Kommunismus wäre keinen Schritt weitergekommen, die USA aber und der Westen insgesamt hätten deutlich besser dagestanden.

Der Mai 1968, die Flucht de Gaulles, sein Scheitern und sein Sieg, die bleierne Zeit des Terrorismus in Deutschland, in Italien, in England auch und in Spanien – das alles prägte unseren Blick auf den toten Studenten Benno Ohnesorg. Wir tun uns sicher keinen großen Gefallen damit, immer wieder auf ihn zu schauen und auf die Studentin, die seinen Kopf hält. Eine Jesus-Szene, der die anderen Bilder jener Jahre an die Seite gestellt werden müssen, um den historischen Augenblick zu begreifen, in dem die Bundesrepublik und die Welt sich damals befanden.

Mit diesem Toten schloss die BRD auf. Sie war zu einem Land wie alle anderen geworden. Auch in den Augen ihrer Studenten. Die bessere Welt lag nun im Widerstand gegen den Status quo. Es wurden für eine Weile immer mehr, die sie nicht mehr im Ausbau der bestehenden Demokratie sahen, sondern in deren Ablösung durch etwas nur vage erahntes Neues. Für einige begann mit dem 2. Juni ein langer Umweg.

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