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„Die heutige Zukunftsforschung hat viele Vorteile. Sie arbeitet mit Daten, mit Statistiken und Umfragen, mit Beobachtungen und Perspektiven vielfältiger Art“, sagt Oona Horx-Strathern.
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„Die heutige Zukunftsforschung hat viele Vorteile. Sie arbeitet mit Daten, mit Statistiken und Umfragen, mit Beobachtungen und Perspektiven vielfältiger Art“, sagt Oona Horx-Strathern.

Interview

Wird alles schlimmer? Zukunftsforscherin setzt auf Prognostik – statt Angst

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Aber ein bisschen was abschätzen, das geht schon. Ein Plädoyer gegen Optimismus wie Pessimismus – denn wir sollten alle besser Possibilisten werden.

Frau Horx-Strathern, der Jahreswechsel ist die Zeit der Voraussagen und Verheißungen. Wären Sie jetzt gerne Wahrsagerin?

Nein! (Lacht). Ich werde oft mit Glaskugeln und Fernrohren beschenkt und dann noch nach meinem Sternzeichen ausgehorcht. Ich fürchte, das ist ein kleines Missverständnis dessen, was ich als Zukunfts- und Trendforscherin mache. Das ist ein Beruf! Und fragen Sie mich bloß nicht nach der Farbe, die in diesem Jahr angesagt sein wird. Meine Antwort: Keine Ahnung! Welche Farbe mögen Sie denn?

Wahrsagerei lässt sich in allen Gesellschaften und Zeitaltern nachweisen. Offenbar waren die Menschen schon immer begierig darauf, in die Zukunft zu blicken. Warum eigentlich?

Das beginnt mit dem Orakel von Delphi. Die Menschen der griechischen Antike pilgerten zu der Kultstätte, um zu verstehen, was die Zukunft bringt. Dahinter stand ein Thinktank, eine Art antiker Expertengruppe aus Priestern und Philosophen. An den Säulen des Apollontempels war eine Inschrift angebracht: „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Das war eigentlich das Wichtigste an der Sache. Man sollte darüber nachdenken, warum man das Orakel befragt. Und dessen Aufgabe war es, zu spiegeln was der Fragende will und was er braucht. Das ist gute Wahrsagerei, im Sinne des Herausfindens, was wahr ist.

Zukunftsforschung: Ein Plädoyer gegen Optimismus wie Pessimismus

Weissagungen, Orakel, Prophetien – sind das nicht auch Abwehrstrategien gegen die Kontingenz des Lebens? Weil wir Sicherheit wollen? Die Geschichte Hiobs, der im alten Testament schuldlos ein grausames Schicksal erleidet, erzählt uns, dass wir dem Zufall nicht entrinnen können. Dennoch tun wir doch alles dafür, um ihn auszuschalten.

Jein. Wir brauchen eine gewisse Sicherheit, aber noch mehr geht es um Ängste. Darum, die Angst zu beruhigen, zu verringern und zu kontrollieren. Gute, reflektierte Prognostik kann Menschen das Gefühl geben, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben. Das Orakel von Delphi wurde von Herrschern gefragt, ob sie den Krieg gewinnen. Die Antwort lautete: Der Stärkste wird gewinnen, aber die Zerstörung wird groß sein. Durch die Ambiguität, die Doppeldeutigkeit, konnten sich die Kriegsherren die Sache noch einmal überlegen.

„Nun haben wir zur Zeit eine Pandemie. Aber wenn man davon mal absieht, genauer hinschaut und Statistiken vergleicht, wird eben längst nicht alles nur schlimmer. Weltweit gibt es zum Beispiel mehr Bildung, mehr Frauen mit einem Beruf, weniger Kindersterblichkeit, weniger Mütter, die bei der Geburt sterben. Wären Sie vor 70 Jahren gerne zum Zahnarzt gegangen?“

Oona Horx-Strathern

Dennoch haben berühmte Wahrsagerinnen wie die altgriechische Kassandra einen zweifelhaften Ruf. Kassandra sagte stets das Unheil voraus, fand aber nie Gehör. Ergeht es der Zukunftsforschung heute besser?

Die heutige Zukunftsforschung hat viele Vorteile. Sie arbeitet mit Daten, mit Statistiken und Umfragen, mit Beobachtungen und Perspektiven vielfältiger Art. Die vielen Informationen schaffen den Rahmen, in dem sich die Forschung bewegen kann. Doch manchmal verwischt ein Zuviel an Input, an Missinformation und Polarisierung auch das Bild. Man muss lernen, durch diesen Wust hindurch zu sehen, nicht einfach linear zu denken und einen dritten Weg zu finden.

Kriege, Hunger und Elend: Wird alles schlimmer?

Was verstehen Sie denn unter „linearem Denken“?

Wenn man dem Nachrichtenmainstream in den Medien folgt, bekommt man schnell das Gefühl, alles wird schlimmer. Mehr Hunger, mehr Kriege, mehr Elend, mehr Krankheiten ... Nun haben wir zur Zeit eine Pandemie. Aber wenn man davon mal absieht, genauer hinschaut und Statistiken vergleicht, wird eben längst nicht alles nur schlimmer. Weltweit gibt es zum Beispiel mehr Bildung, mehr Frauen mit einem Beruf, weniger Kindersterblichkeit, weniger Mütter, die bei der Geburt sterben. Wären Sie vor 70 Jahren gerne zum Zahnarzt gegangen? Von der Politik über die Gesundheit bis zur Lebensqualität ist sehr vieles vor allem in der westlichen Welt besser geworden. Doch das geht schnell verloren, wenn öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt werden soll. Dann scheint alles negativ in eine Richtung zu laufen.

Früher wurden die von Göttern gesendeten Zeichen gedeutet, wenn es ums Weissagen ging. Welche Zeichen deuten Sie denn heute in Ihrem Zukunftsinstitut?

Wir denken in Trends und Gegentrends. Denn die meisten Trends provozieren eine Gegenbewegung. Nehmen wir als Beispiel die Individualisierung der Gesellschaft. Das ist ein Megatrend, der sich unter anderem an den vielen Single-Haushalten zeigt. Doch dann entwickelt sich in dieser sehr individualistisch geprägten Gesellschaft ein zunehmendes Bedürfnis nach Community, nach Gemeinsamkeit. Wir reden von Co-Living und Co-Working. Diese neuen Lebensformen transformieren die sozialen Strukturen auf eine neue Stufe. Sie sind Reaktionen auf Übertreibungen, die durch allzu mächtige, lineare Trends entstehen. Sie repräsentieren die Zukunft.

Zur Person

Oona Horx-Strathern stammt aus London und ist nach ihren eigenen Worten „stolze Besitzerin eines irischen Passes“ und wohnhaft in Wien. Eine Identität also mit massig europäischem Zukunftspotenzial. Sie hat zwei erwachsene Söhne und ist verheiratet mit dem einstigen „Pflasterstrand“-Journalisten, Autoren und Trendforscher Matthias Horx.

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet die ehemalige „Observer“-Journalistin als Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin. Als Trend-Consultant war sie für internationale Firmen wie Unilever, Beiersdorf und die Deutsche Bank tätig.

Im Zukunftsinstitut (Zukunftsinstitut.de) kümmert sie sich gerne um Wohntrends und gibt einen jährlichen Trendreport fürs Wohnen heraus.

*Meme: ein in der Regel humoristisch gemeinter Mini-Inhalt, der im Internet entsteht und durch ständiges Kopieren seitens der Nutzer:innen sich viral verbreitet und mutiert, bis er zu einem – im Netz – allgemein verständlichen Begriff oder Fingerzeig oder Augenzwinkern geworden ist. Geprägt hat ihn der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der sich dabei des altgriechischen „mimema“ für Nachahmungen bediente.

Und wie spüren Sie Trends auf?

Wir sehen Entwicklungen und wo sie gespiegelt werden. Nehmen Sie das vegane Essen. Das war ursprünglich ein kleiner Gegentrend zu unserem überbordenden Konsum an tierischen Produkten. Inzwischen ist der kleine zu einem großen Trend angewachsen und kommt auch in anderen Bereichen an, zum Beispiel in der Innenarchitektur. Im Londoner Hilton gibt es die ersten veganen Hotelsuites, andere Hotels werden folgen. Es funktioniert wie bei Memes*. Man sieht eine kleine kulturelle Idee, die kopiert und weitergetragen wird.

Aber wie läuft die Entdeckung von Trends ganz praktisch? Lesen Sie Zeitungen oder Bücher? Verfolgen Sie die öffentlichen Debatten? Sind Sie Tag und Nacht auf Youtube und Instagram unterwegs?

(Lacht) All das. Ich selbst komme aus dem Journalismus, und wir haben in unserem Institut viele Rechercheure. Wobei ich mehr Bücher lese, als mich um soziale Medien zu kümmern, in denen es meist um kurzfristige Trends geht. In unserem Zukunftsinstitut arbeiten wir mit zwölf Megatrends, die die soziodemografischen Änderungen in der Gesellschaft beschreiben. Dazu gehören die bereits angesprochene Individualisierung oder auch das Altern der Gesellschaft. Es gibt immer mehr alte Menschen, die in der Stadt leben; die sind weniger mobil. Was müssen Städte machen, um die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern? Welche Pläne gibt es dazu in den Städten und Gemeinden? Oder der Megatrend Neoökologie. Gibt es kleinere Trends, die bei dem großen mitlaufen und ihn verstärken? So entsteht eine Kette und dann ein Muster.

Haben Sie im Institut Fachleute für Ihre Megatrends?

Durchaus. Ich zum Beispiel beschäftige mich mit Stadtplanung, Architektur, Design, Wohnen und Leben in der Zukunft. Wir haben in unserem Thinktank auch Fachleute für Food, Gesundheit, Arbeitsstile, und so fort. Wir Fachleute sammeln Informationen in unserem Fachgebiet, bereiten sie auf und zeigen, wo Entwicklungen miteinander verbunden sind. Wenn Sie sich die Karte unseres Instituts mit den Megatrends anschauen, sehen Sie, dass es sich nicht um einzelne Punkte, sondern um ein Netz handelt, um ein System. In dieses System werden laufend neue Informationen eingespeist.

„Wenn Sie sich die Karte unseres Instituts mit den Megatrends anschauen, sehen Sie, dass es sich nicht um einzelne Punkte, sondern um ein Netz handelt, um ein System. In dieses System werden laufend neue Informationen eingespeist.“

Oona Horx-Strathern

Das klingt sehr wissenschaftlich und rational. Offenbar verkehren Sie den Ansatz von Platon ins Gegenteil. Der griechische Philosoph meinte ja, die seherische Kraft sei den Menschen verliehen worden, um die Unzulänglichkeit ihres Verstandes zu mildern. Sie hingegen setzen voll auf Verstand, oder?

Nein, es geht durchaus auch ums Gefühl. Bei der Frage zum Beispiel, was wir als Gesellschaft brauchen, können wir uns nicht nur auf unsere Daten stützen. Auch die Entscheidung, welche Trends wohl das Zeug haben, gefördert zu werden, welchen wir eine größere Plattform geben sollten und welche ans Licht gebracht werden müssen, wird nicht nur mit dem Kopf getroffen.

Sie machen also auch Trends?

Auf keinen Fall! (Lacht) Trends kann man nicht machen. Ich werde oft bei Konferenzen gefragt, ob ich nicht diesen oder jenen Trend machen könnte, damit man damit Geld verdienen kann. (Lacht) Nein, wir machen keine Trends, wir beobachten die Gegenwart und versuchen, Muster zu erkennen ...

... und nicht auch ein ganz kleines bisschen zu verstärken?

Hm, wenn ich glaube, dass ein Trend wichtig ist, versuche ich. ihn aufzuzeigen und zu erklären. Ist das schon verstärken?

Diese Trends erwarten uns 2022

Welche Entwicklungen erwarten uns denn 2022?

Da sprechen wir wieder von kurzlebigen Trends, denn die Zukunftsforschung denkt nicht in so kleinen Zeiträumen. Deshalb rede ich lieber von Entwicklungen, auf die wir mehr Acht geben müssen. Über die Neoökologie sprachen wir schon. Dabei wird auch in diesem Jahr die große Frage sein, wie wir unsere Konsumgesellschaft und das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit zusammenbringen.

Und in Ihrem persönlichen Forschungsbereich – welches Thema drängt sich da auf?

Die Einsamkeit. Was es heißt, alleine zu sein. Das ist ein großes soziales Thema, das lange ein Tabu war, aber durch Corona drastisch an Bedeutung zugenommen hat. Einsamkeit spielt ebenfalls eine Rolle, wenn es um Wohnen, um Arbeitsorte und Stadtplanung geht. Wie kann man zum Beispiel auch in der Stadt dörfliche Strukturen aufbauen, um den sozialen Austausch zu unterstützen? Wir alle haben ein Sozialbiom – so nennt es der US-amerikanische Soziologe Jeffrey Hall. Wir müssen uns mit unserer Umwelt verbunden fühlen, wenn wir ein gutes Leben führen wollen: mit der Natur, unserer Familie, mit Freunden, mit unserer Arbeit. Diese Lebensqualität ist in der Pandemie an vielen Stellen weggebrochen, dadurch lernen wir aber auch, sie mehr wertzuschätzen.

Und was bedeutet das für den Zusammenhang von Leben und Arbeit?

Wir reden nicht mehr von Work-Life-Balance, das ist out. Wir müssen unsere Systeme neu ausrichten. Zu den Trends, die in diesem Jahr weiter wachsen werden, gehört das Work-Life-Blending. Die Überlagerung von beruflichem und privatem Leben, das durch die Digitalisierung von Zeit und Ort losgelöst ist. Als Folge richten wir unsere Wohnung viel stärker nach den Bedürfnissen des Homeoffice ein. Dazu gehören unter anderem funktionale Küchen, in die viel investiert wird, oder auch Arbeitsecken mit ergonomischen Möbeln.

Wen wollen Sie eigentlich mit Ihrer Forschung beglücken?

Wir beraten Menschen in allen möglichen Bereichen und Unternehmen. Ich war schon bei Stadtplanern und Möbeldesignern, aber auch in Nagelfabriken und bei den Herstellern von Sockelleisten. Und es ist immer interessant. Bei den Sockelleisten ging es zum Beispiel um Ökologie und Wohndesign. Manche Unternehmen müssen darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie sich nicht nur auf ein, zwei Megatrends konzentrieren sollten; andere brauchen nur eine Bestätigung, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Manche kann man aber auch anregen, ganz anders, radikal neu zu denken.

Spielen Sie aber doch zum Ende einfach noch mal Kassandra für uns! Was sollte uns erschrecken in diesem gerade erst angelaufenen Jahr und worauf können wir uns freuen?

(Lacht) Wir können uns freuen, dass die Medizin gelernt hat, schnell zu reagieren, wenn es nötig ist. Und weiter erschrecken müssen uns Leute, die sich nicht impfen lassen. Insgesamt sollten wir im kommenden Jahr weder Pessimisten noch Optimisten sein – sondern Possibilisten. Menschen, die Möglichkeiten erkennen. (Interview: Bascha Mika)

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