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Demo gegen Lehrermangel in Thüringen: Solche Bilder könnten künftig häufiger zu sehen sein, so die Botschaft der Bertelsmann-Studie.

Bertelsmann-Studie

In den Schulen droht ein dramatischer Lehrermangel

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Die Bertelsmann-Stiftung sagt bis 2030 einen starken Zuwachs der Schülerzahlen voraus. Zehntausende Lehrer fehlen, wenn nichts geschieht.

Eigentlich ist es eine wunderbare Nachricht: Die deutsche Bevölkerung wird jünger, die Geburtenzahlen steigen, die Zuwanderung tut ein Übriges. Jedenfalls ist die letzte „Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2013 bereits heute hoffnungslos überholt. Für die Schulen stellt der unverhoffte Baby- und Kinderboom allerdings eine Herausforderung ersten Ranges dar, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt.

Danach werden im Jahr 2025 rund 8,2 Millionen Kinder und Jugendliche eine Schule in Deutschland besuchen. Die Kultusministerkonferenz ging bei ihrer letzten Prognose für 2025 von nur 7,1 Millionen Schülerinnen und Schülern aus. Für 2030 rechnen die Bertelsmann-Studienautoren sogar nochmals mit einem Anstieg auf gut 8,6 Millionen. „Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet, jetzt besteht enormer Handlungsdruck“, kommentiert Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Viele Bundesländer müssten „komplett umdenken“.

In der Tat werfen die neuen Schätzungen die bisherige Schulbedarfsplanung gründlich über den Haufen. War man bisher davon ausgegangen, dass niedrige Geburtenzahlen auf mittlere Sicht zu nachlassendem Bedarf an Schulgebäuden und Lehrkräften führen würden, so tritt nun das Gegenteil ein: Laut Studie werden bis 2025 bundesweit rund 14 500 zusätzliche Klassen gebildet werden müssen.

Unverhoffter Geburten-Anstieg 

In der Folge müssen 18 200 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden, sofern die heutige durchschnittliche Klassengröße gehalten werden soll. Verglichen mit dem Jahr 2015 ergibt sich 2030 bundesweit ein zusätzlicher Bedarf von 28 100 Klassen und 42 800 Lehrerinnen und Lehrern. Das kostet Geld. 2030 werden laut Studie für Schulgebäude und Personalkosten Mehrausgaben von 4,7 Milliarden Euro nötig sein.

Grundlage der neuen Berechnungen ist zum einen der unverhoffte Geburtenanstieg in den letzten Jahren. 2014 und 2015 kamen zusammengenommen gut 1,45 Millionen Babys in Deutschland zur Welt. Das waren fast 80 000 mehr als vom Statistischen Bundesamt 2013 angenommen. Für 2016 geht die Studie von einem nochmaligen Anstieg auf 781 000 Geburten aus. Die Bevölkerungsvorausberechnung von 2013 hatte konstant etwa 710 000 Geburten pro Jahr angenommen.

Zum anderen wurden auch die Zuwanderungsprognosen übertroffen. Während die amtlichen Statistiker für 2014 und 2015 mit einem positiven Wanderungssaldo von jeweils 500 000 Personen gerechnet hatten, waren es tatsächlich insgesamt 1,64 Millionen, darunter viele Kinder. Nach Angaben der Bundesregierung waren im vergangenen Herbst rund 300 000 der in Deutschland lebenden Flüchtlinge minderjährig.

Der daraus abzuleitende Mehrbedarf betrifft zunächst ausschließlich die Klassen 1 bis 10. Im Grundschulbereich werden laut Studie 2025 bundesweit 2360 Schulen und 24 110 Lehrkräfte fehlen. In der Sekundarstufe I mit den Klassen fünf bis zehn gehen die Schülerzahlen zunächst noch leicht zurück, um dann zeitversetzt zu den Grundschulen kräftig anzusteigen.

Bereits 2025 werden hier gegenüber dem Bestand 2015 zusätzlich 1000 Klassen und 17000 Lehrkräfte benötigt, 2030 wächst die Lücke auf 27 000 Lehrerinnen und Lehrer an. Nur die Schülerzahl in der Sekundarstufe II nimmt aufgrund der niedrigen Geburtenzahlen zunächst kräftig ab: Von gut einer Million im Jahr 2015 auf knapp 900 000 eine Dekade darauf. Nach 2017 steigt die Zahl dann allmählich wieder auf 927 000 an. Auch in den darauffolgenden Jahren ist mit einem weiteren Plus in der Sekundarstufe II zu rechnen.

Nicht allein die Schulen sind in unterschiedlichem Umfang zu abweichenden Zeitpunkten betroffen, auch die regionalen Unterschiede sind der Studie zufolge enorm. Die Forscher unterschieden dabei zwischen den drei Stadtstaaten sowie den Flächenländern in Ost- und Westdeutschland. Für Berlin, Hamburg und Bremen sagen die Forscher den stärksten Anstieg voraus: Dort wird die Schülerzahl bis 2030 in allen Schulformen um fast 30 Prozent zunehmen.

Berlin, Hamburg und Bremen sind gut vorbereitet 

Allerdings sind die Stadtstaaten darauf relativ gut vorbereitet, da die Metropolen ohnehin seit Jahren ein kräftiges Bevölkerungswachstum verzeichnen und ihre Schulplanung dem anpassen mussten. So geht der Berliner Senat für das Schuljahr 2024/25 von annähernd 87 000 zusätzlichen Schülerinnen und Schülern aus und hat entsprechende Bauvorhaben in Angriff genommen.

Die Entwicklung in den westlichen Ländern folgt im Wesentlichen dem Bundestrend: Stark wachsende Schülerzahlen bis 2025 an Grundschulen und bis 2030 in der Sekundarstufe I. Zunächst sinkende Zahlen in der Sekundarstufe II mit einem Anstieg nach 2027. Für die östlichen Bundesländer sagen die Forscher nur bis 2025 ein Plus voraus. Danach fallen die Schülerzahlen wieder.

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