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Schule trotz Taliban: „Ich will, dass unsere Nation eine andere wird“

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Schule statt Gewalt: Im FR-Interview spricht Matiullah Wesa über die Machtübernahme der Taliban und wie er Widrigkeiten trotzt, um vor allem Mädchen Bildung ermöglichen zu können.

Herr Wesa, ein Video zeigt Sie und Ihre Mitstreiter, wie Sie auf Motorrädern durch die afghanischen Berge fahren und Schilder hochhalten, auf denen ,sisters education‘ auf Englisch und Pashtu steht. Was war das für eine Aktion?

Mit Motorrädern sind wir quer durchs Land gefahren, um für Bildung und Frauenrechte zu werben. Nur so kann man die Menschen wirklich erreichen, wenn man in die Dörfer fernab der großen Städte fährt und dort mit den Leuten spricht. Mit meinem Team habe ich Schulen in Gegenden Afghanistans aufgebaut, in denen noch nie eine Schule stand. Unsere Freiwilligen fahren auch mit einer „mobilen Schule“, einem umgebauten Fahrzeug, in entlegene Dörfer, bringen Bücher, Hefte und Stifte und unterrichten die Kinder auf dem Dorfplatz oder am Rande der Wüste.

Wie kam es zur Gründung Ihrer Organisation Pen Path Volunteers?

Das ist eine lange Geschichte. Ich knüpfe mit dieser Arbeit an die Tätigkeit meines Vaters an. Ich war noch ein Kind, als mein Vater 2001 unter den Stammesführern unserer Region dafür warb, eine Schule zu bauen. Es gab damals keine bei uns. Ein Jahr lang ist mein Vater von Haus zu Haus gegangen, um mit den Familien zu sprechen – am Ende waren sie einverstanden, auch ihre Töchter in die Schule zu schicken. Als der Unterricht begann, war die Schule nicht viel mehr als ein Zelt unter einem Baum, doch ich war ebenso glücklich darüber wie mein Vater. Zwei Jahre später kamen eines Morgens Taliban auf Motorrädern angefahren. Sie haben das Zelt verbrannt, die Bücher, einfach alles. Weinend bin ich mit den anderen Kindern nach Hause gerannt. Ich war damals zwölf. Die Taliban sind zu uns nach Hause gekommen und haben meinem Vater gedroht: Wenn er die Schule wieder öffnen sollte, würden sie ihn töten.

Was geschah dann?

Mein Vater wollte mit dem Taliban-Führer sprechen, aber die ganze Familie hat ihn bekniet, es sein zu lassen, um unser Leben zu retten. Also haben wir unser Dorf verlassen, unsere Region, und sind umgezogen. Meine Eltern hat es unsagbar traurig gemacht zu wissen, dass all die Jungen und Mädchen nun ohne Schule zurückbleiben.

Als junger Erwachsener haben Sie dann Pen Path Volunteers aufgebaut. Dem Namen nach eine internationale NGO.

Zusammen mit meinem Bruder habe ich 2009 Pen Path Volunteers ins Leben gerufen, um so vielen Kindern wie möglich die Chance zu geben zu lernen, und um die Erwachsenen davon zu überzeugen, dass Bildung wichtig ist. Mein Vater hat uns unterstützt und auch finanziell Starthilfe gegeben. Wir arbeiten in allen 34 Provinzen. Es ist ein rein afghanisches Projekt, das sich aus Spendengeldern von Afghaninnen und Afghanen finanziert, etwa von wohlhabenden Geschäftsleuten. Von staatlicher oder internationaler Seite erhalten wir keine Förderung. Knapp 3000 Freiwillige arbeiten ehrenamtlich bei uns mit. Darunter sind circa 500 Frauen. Zu den Freiwilligen zählen außerdem Geschäftsleute, religiöse Autoritäten und respektierte Stammesälteste. Die einzubinden, ist wichtig.

Matiullah Wesa Gründer der Pen Path Volunteers inmitten der Schulkinder. Pen Path Volunteers
Matiullah Wesa Gründer der Pen Path Volunteers inmitten der Schulkinder. Pen Path Volunteers © Pen Path Volunteers

Mit welchen Argumenten überzeugen Sie die Stammesältesten und auch konservativ eingestellte Eltern davon, Mädchen den Schulbesuch zu gestatten?

Ich überzeuge durch den Namen meiner Familie, und dadurch, dass es mein Land ist, meine Kultur, meine Religion. Ich kenne die Mentalität der Afghanen, ich bin schließlich einer von ihnen. Wenn ich in ein Dorf fahre, um dort über den Unterricht von Mädchen zu sprechen, fange ich nicht mit dem Thema Bildung an. Zuerst reden wir über die Geschichte, die Gegend, das Wetter. Ich weiß, wie die Leute ticken. Und viele Menschen, darunter auch Taliban, kennen mich, meinen Vater oder Großvater und respektieren unsere Familie. Nicht alle Taliban sind gleich, manche unterstützen auch die Bildung von Mädchen. Aber die Umstände sind schwierig. Afghanistan ist ein vom Krieg zerrissenes Land, in dem noch nicht mal grundlegende Bedürfnisse gestillt werden. Wenn Menschen dann zu mir sagen: „Bildung für Mädchen, ja, aber nur mit weiblichen Lehrkräften, mit ordentlichen Sanitäranlagen und einem festen Gebäude“, muss ich sagen: Das ist nicht immer möglich.

Bringen Sie sich und Ihr Team durch diese Arbeit jetzt unter der Herrschaft der Taliban nicht in Gefahr?

Vier Mal saß ich allein seit August vergangenen Jahres schon im Gefängnis, weil ich mich für die Bildung von Mädchen einsetze. Die Taliban sagten zu mir, ich solle damit aufhören. Ich sagte Nein. Bildung ist ein Grundrecht, ein Menschenrecht und ein islamisches Recht. Der Koran sagt ebenso wie der Prophet Mohammed, dass Bildung für Männer und Frauen verpflichtend ist. Ich habe viele Todesdrohungen bekommen, aber ich will, dass unsere Nation eine andere wird. Die nächste Generation soll besser gebildet sein. Um das zu erreichen, akzeptiere ich diese Schwierigkeiten, obwohl sie mir schon das Auto beschädigt und mein Haus angezündet haben. Ich habe auch all’ unsere Freiwilligen von Anfang an darauf hingewiesen: Wenn ihr mit Pen Path Volunteers arbeitet, kann euch das in Gefahr bringen. Einige erhalten Drohungen, nehmen das aber in Kauf. Wenn die Gewalt ein Ende haben soll, müssen wir mit Bildung anfangen.

Einsatz der „mobilen Schule“ im Bezirk Spin Boldak in der Provinz Kandahar. Pen Path Volunteers
Einsatz der „mobilen Schule“ im Bezirk Spin Boldak in der Provinz Kandahar. © Pen Path Volunteers

Was ist eine Ihrer schönsten Erinnerungen an Ihre Arbeit?

Im Jahr 2016 war ich in der Region Kandahar und traf dort auf einige Mädchen, die mir erzählten, wie gerne sie zur Schule gehen würden, dass es aber in ihrem Ort keine gebe. Ich habe nachgeforscht und festgestellt, dass dort ungebildete Menschen leben, die nicht einmal wissen, wie man einen Brief ans Bildungsministerium schreibt und für dieses Anliegen eintritt. Also habe ich geholfen. Zwei Jahre später konnten wir zwei Schulen dort eröffnen und besonders schön war es für mich, die Mädchen von damals wiederzutreffen, die zu dem Zeitpunkt glückliche Schülerinnen waren.

Das Projekt

Matiullah Wesa , 29, gründete die regierungsunabhängige Organisation Pen Path Volunteers 2009 zusammen mit seinem Bruder. Das Projekt, das sich für mehr Schulbildung vor allem für Mädchen einsetzt, wird allein aus Spendengeldern von Afghaninnen und Afghanen finanziert.

Knapp 3000 Freiwillige arbeiten ehrenamtlich für die NGO, darunter 500 Frauen. Sie helfen, Schulen aufzubauen oder fahren mit einem zur „mobilen Schule“ umgerüsteten Fahrzeug mit Lernmaterial in entlegene Dörfer und unterrichten dort. Auch ortsansässige Geschäftsleute, religiöse Autoritäten und respektierte Stammesälteste sind in das Projekt eingebunden, um dessen Akzeptanz zu vergrößern.

In den vergangenen Jahren konnten laut Wesa rund 100 geschlossene Schulen wieder geöffnet und mehr als 40 neu registriert werden. Damit habe die NGO mehr als 60 000 Jungen und Mädchen Bildung ermöglicht.

Auch einige so genannte geheime Schulen unterhält die Organisation an verborgenen Orten. Außerdem verteilt sie in Gegenden mit stabilem Internet Tablets, damit die Schülerinnen und Schüler Online-Unterricht verfolgen können.

Wie viele Kinder und Jugendliche profitieren von Ihrer Arbeit?

Im Laufe der Jahre haben wir 100 geschlossene Schulen wieder eröffnet, darunter auch meine ehemalige Dorfschule. Außerdem haben wir 46 neue Schulen gebaut beziehungsweise registrieren lassen und 40 Bibliotheken eröffnet. Mehr als 60 000 Jungen und Mädchen haben wir Bildung ermöglicht. Diese Zahlen sprechen für sich.

Kann denn momentan der Unterricht in allen wiedereröffneten Schulen stattfinden?

In den Grundschulen findet der Unterricht für Jungs und Mädchen bis zur sechsten Klasse statt. Die weiterführenden Schulen sind für Mädchen geschlossen. Deshalb ist unsere größte Kampagne momentan die, die Taliban davon zu überzeugen, die Oberschulen für Mädchen wieder zu öffnen. Ich will, dass sie auch die sechste bis zwölfte Klassenstufe besuchen können.

Sind Sie zuversichtlich, dass das gelingen wird?

Die Taliban werden die weiterführenden Schulen für Mädchen wieder öffnen müssen, schon allein wegen des öffentlichen Drucks. Ich habe zu den Leuten gesagt: Blockiert die Straßen, protestiert lautstark, wenn die Taliban sich weiterhin weigern, die Schulen zu öffnen.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit durch die Machtübernahme der Taliban verändert?

In Städten, in denen die Bildung von Mädchen besonders in diesen Zeiten nicht so leicht möglich ist, haben wir ,geheime Schulen’ eingerichtet – in Hinterhöfen und Wohnzimmern, verborgen hinter dicken Lehmmauern. Ganz neu ist auch das aber nicht: Schon 2016 haben wir in von Taliban beherrschten Gegenden solche Untergrundklassen eingerichtet. Mittlerweile unterhalten wir 39 geheime Schulen, von denen Tausende Mädchen profitieren. Auch meine vier Schwestern unterrichten dort. Unser jüngstes Projekt ist außerdem die Organisation von Online-Unterricht, den Schülerinnen von zu Hause aus verfolgen können. Wir geben ihnen Tablets, und sie werden per Zoom oder Skype unterrichtet in Gegenden, in denen die Internetverbindung einigermaßen stabil ist.

Viele Ihrer Landsleute haben Afghanistan aufgrund der Gefahren durch die Taliban und der katastrophalen Versorgungslage verlassen. Denken auch Sie darüber nach, zu gehen?

Ich habe die Chance, nach Deutschland zu gehen, um dort meinen Doktor zu machen. Aber das mache ich nur, wenn die Schulen auch für Mädchen tatsächlich wieder öffnen. Bislang ist das nur in Einzelfällen geschehen. Falls nicht, bleibe ich hier. Ich habe den Leuten, meinem Land und all den Freiwilligen in unserem Team versprochen, dass ich sie nicht im Stich lassen werde. (Interview: Elisa Rheinheimer)

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