Mehr Druck führt nicht unbedingt zu mehr Leistung.
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Mehr Druck führt nicht unbedingt zu mehr Leistung.

Pisa-Studie

Schule soll auch Zufriedenheit vermitteln

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Die Schule ist oft der erste Ort, an dem Kinder die Vielfalt der Gesellschaft erleben. Es sollte daher nicht allein um Leistung, sondern auch um die Zufriedenheit der Schüler gehen, fordert eine Pisa-Studie.

„Reden Sie regelmäßig mit Ihren Kindern. Essen Sie mit der Familie gemeinsam zu Abend. Fragen Sie nach, wie der Tag in der Schule war.“ Diese Ratschläge für Eltern lassen sich aus der neuesten Sonderauswertung zur Pisa-Studie ableiten. Sie mögen banal klingen. Doch sie sind wirkungsvoll, wie der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher betont. Wer diese einfachen Dinge tue, dessen Kinder schnitten im Durchschnitt spürbar besser bei den Pisa-Tests ab. Und: Sie seien dazu noch zufriedener mit dem eigenen Leben.

Wie wohl fühlen sich unsere Schüler? Das ist die Leitfrage einer aktuellen Sonderauswertung zur im Dezember vorgestellten Pisa-Studie, der großen internationalen Vergleichsstudie der OECD. Und während es den Forschern sonst immer um die Leistung von 15-Jährigen in zahlreichen Ländern geht, beschäftigen sie sich diesmal mit dem Lernumfeld und der Beziehung zu den Lehrern.

Die OECD weitet also ihr Blickfeld – und aus lauter Freude über den eigenen Schritt spricht der Studienchef Schleicher vom „spannendsten Pisa-Report, den wir bisher herausgegeben haben“.

Das wichtigste Ergebnis: Leistung muss und sollte nicht erzielt werden, indem unmäßiger Druck auf Schüler ausgeübt wird. Denn, so Schleicher, Länder wie Finnland, die Niederlande und die Schweiz zeigten, dass beides zugleich möglich sei: gute Leistungen und eine große Zufriedenheit der Mädchen und Jungen. Dagegen lernen etwa die Schüler in Korea und Hongkong zwar sehr erfolgreich, sind aber insgesamt eher unglücklich dabei. Die deutschen Schüler liegen mit ihren eigenen Zufriedenheitswerten, ähnlich wie mit ihren Leistungen, international im guten Mittelfeld. 73 Prozent der befragten Schüler im Land sind zufrieden oder sehr zufrieden mit dem eigenen Leben. Bei Jungs ist die Zufriedenheit größer als bei Mädchen – warum, wissen die Pisa-Forscher allerdings nicht.

Während Schleicher mahnt, Eltern sollten ihren Einfluss nicht unterschätzen, kommt den Lehrern natürlich eine entscheidende Rolle zu. Der Bildungsforscher fordert, die Lehrer sollten den Schülern das Gefühl vermitteln, dass sie nicht einfach nur ihr Programm durchzögen – sondern dass sie auf die Klasse eingehen und auch für individuelle Hilfe bereitstehen. Wichtig sei auch, dass Schüler sich vom Lehrer fair behandelt fühlten. „Es geht um ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis“, sagt Schleicher.

Mehr als 41 Prozent der 15 Jahre alten Schüler in Deutschland haben selbst dann noch große Angst vor Klassenarbeiten, wenn sie sich nach eigenem Empfinden sehr gut vorbereitet haben. Und das, obwohl sie sich, was den Wunsch nach guten Noten angeht, insgesamt etwas weniger ehrgeizig äußern als ihre Altersgenossen in anderen OECD-Ländern.

Wie häufig Schüler Prüfungen absolvieren müssten, habe offenbar keine Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden, stellt Schleicher auf Grundlage der Pisa-Daten fest. Entscheidend sei eben vielmehr das gute Miteinander von Schülern und Lehrern.

Weitere Ergebnisse der Pisa-Forscher: Sport an mehreren Tagen in der Woche trägt zu intellektuell erfolgreichen und glücklichen Schülern bei. Ganz anders ist es mit ziellosem Internetkonsum. Wer dort den ganzen Tag verdaddelt, ist oft beides: ein schlechter und ein unglücklicher Schüler – eine bessere Anleitung zum Umgang mit den neuen Medien sei nötig, so die Wissenschaftler. Das sind zwar wenig überraschende Erkenntnisse. Wenn die Pisa-Studie mit ihren vielfältigen internationalen Daten ihnen Autorität verleihen und so bei Bildungspolitikern etwas bewegen könnte, wäre das aber eine gute Sache.

Aufmerksamkeit verdient auch folgender Wert: Jeder sechste der für die Pisa-Studie befragten Schüler in Deutschland gibt an, schon mal durch andere Schüler gemobbt oder schikaniert worden zu sein, womit beispielsweise sowohl das Verbreiten gemeiner Gerüchte als auch die Androhung körperlicher Gewalt gemeint sein kann. Auf dem Weg zu einer Schule, in der alle sich wohlfühlen, ist noch einiges an Strecke zurückzulegen.

Klar ist: Es lässt sich durchaus darüber streiten, wie sinnvoll es ist, die Zufriedenheit von Schülern international zu vergleichen. Während sich objektiv beurteilen lässt, ob eine Mathe-Aufgabe gut gelöst wurde, spielen bei der Befragung von Schülern auch kulturelle und rein subjektive Unterschiede eine Rolle. Was ist schon Zufriedenheit, was Glück?

Wichtig sei es dennoch, nicht nur auf die Leistungen, sondern auch auf die Zufriedenheit der Schüler zu achten, sagt Schleicher. „Die Schule ist oft der erste Ort, an dem Kinder die Vielfalt der Gesellschaft erleben.“ Was sie dort erlebten, habe großen Einfluss darauf, wie sie später selbst auf die Gesellschaft zugingen.

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