+
Kleine Kinder auf Abstand – kann das wirklich gehen? Lehrer und Eltern sind noch skeptisch.

Corona-Virus

Schule als Risiko-Faktor

  • schließen
  • Thorsten Fuchs
    schließen

Viele Eltern in Deutschland stehen vor einem Dilemma: Einerseits sollten die Kinder bald wieder in ihre Klassen zurück, andererseits könnten sie von dort das Virus nach Hause bringen.

Unfair. Ungerecht. Überflüssig. Diese Worte fallen immer wieder im Gespräch mit ihr, laut vorgetragen – und mit Wut. Doch dann wird die Stimme der 17-Jährigen aus der Nähe von Düsseldorf leise: „Muss ich mich denn wirklich zwischen der Gesundheit meiner Familie und meinen Prüfungen entscheiden?“

Deutschland lockert langsam die massiven Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens durch die Corona-Pandemie. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben entschieden: Die Schulen sollen schrittweise wieder öffnen – bald zumindest für Abschlussklassen in den unterschiedlichen Schulformen. Dort, wo es um etwas geht. An den Kitas wird zumindest die Notbetreuung ausgeweitet. Überall im Land gibt es Eltern, die kaum noch wissen, wie sie Kinderbetreuung und ihre berufliche Arbeit miteinander vereinbaren sollen. Doch gleichzeitig gibt es auch große Unsicherheit, welche Folgen eine Öffnung der Schulen haben kann.

Der Vater der 17-Jährigen hat Colitis Ulcerosa, eine Autoimmunerkrankung des Darmes. Das sei eigentlich „keine riesige Sache“, sagt der Vater. Der Arzt habe ihm auch gesagt, er solle sich deswegen auch in Zeiten von Corona keine übermäßigen Sorgen machen. Er habe ihm aber auch zum Homeoffice geraten, sagt der Bankangestellte.

Solche Unsicherheit ist nicht ungewöhnlich, berichtet Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats. Er bekomme viele Rückmeldungen von Eltern, die besorgt sagen: „Wir haben doch selbst Vorerkrankungen – da können wir doch unsere Kinder nicht zur Schule schicken.“ Die immer wieder vorgetragene Befürchtung: „Am Ende bringen sie uns das Virus ins Haus und wir sterben im schlimmsten Fall sogar.“

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sieht die Länder in der Pflicht, eindeutige Regelungen zu treffen. „Die Länder müssen ganz klare Vorgaben machen, mit welchen Vorerkrankungen Lehrkräfte und Schüler zu Hause bleiben können – und auch ab welchem Alter Lehrkräfte in die Risikogruppe fallen.“ Auch wenn es Vorerkrankungen in der Familie gebe, sei für ihn klar: „Die Schüler müssen dann von der Pflicht, die Schule zu besuchen, befreit werden. Sie müssen aber weiter zu Hause Aufgaben bearbeiten.“

Das alles müsse verbindlich und nachvollziehbar geregelt werden, sagt der Gewerkschafter, der Lehrer und Erzieher vertritt: „Die Schulleiter sind ja Lehrkräfte und keine Ärzte, die so etwas entscheiden könnten.“

Es herrscht Zeitdruck. Gewerkschafter Beckmann und Elternvertreter Wassmuth sehen noch viel zu tun für die Länder, Schulen und Schulträger, bis sie – zumindest teilweise – wieder öffnen können. Beide verweisen auf große Probleme bei den Hygiene-Standards in den Schulen. „Es fehlt oft schon an warmem Wasser in den Toilettenräumen – von Waschbecken in den Klassenräumen möchte ich gar nicht sprechen“, beklagt Wassmuth.

Beckmann hat dazu einen Vorschlag: „Die Schulträger sollten ausloten, ob sie nicht zusätzlich Sanitärwagen beschaffen können, wie es sie sonst beispielsweise auf Schützenfesten oder anderen Großveranstaltungen gibt.“ Da würden diese Wägen ja gerade nicht gebraucht, fügt er hinzu.

Weitere Themen drängen. „Wir brauchen Antworten darauf, wie der Transport der Schüler gewährleistet werden soll“, sagt Beckmann. „Wie können Abstandsregeln in Schulbussen gewährleistet werden? Ich könnte mir gut vorstellen, dass es mehr Busse als sonst braucht, auch wenn erst einmal weniger Schüler unterwegs sind.“ Beckmann sagt, die Schulen jetzt schrittweise wieder zu eröffnen, erfordere „eine kleine logistische Meisterleistung“. „Die Verantwortlichen dürfen kein Problem vergessen.“

Die Fragen, die Lehrer und Eltern aufwerfen, sind vielfältig: Lassen sich die Kinder tatsächlich so über die Klassenräume verteilen, dass das Abstandsgebot eingehalten werden kann? Ist genug Aufsichtspersonal da, um Rangeleien auf dem Pausenhof zu verhindern – wenn doch ein Teil der Lehrer selbst wegen Vorerkrankungen zu Hause bleiben wird? Wie werden die Schüler mit Aufgaben versorgt, die wegen eigener Vorerkrankungen oder solcher der Eltern länger zu Hause bleiben müssen – während andere schon wieder in der Schule sind?

Schule und später auch Kita-Betreuung im Zeitalter der Pandemie wieder stärker zu öffnen, stellt hohe Anforderungen an die Risikominimierung bei Ansteckungen. Die meisten Lehrervertreter und auch Eltern sagen aber zugleich, dass es unmöglich sein wird, alle Risiken auszuschließen. Beckmann verweist auf ein Beispiel aus dem Kita-Betrieb: „Wenn ein Fünfjähriger hinfällt und weint, dann erwartet er, dass die Erzieherin zu ihm kommt und ihn tröstet. Und das muss sie doch auch tun.“ Das gelte auch noch für Grundschulkinder.

Nur gibt es eben eine Menge schwieriger Fragen. Pädagogische Fragen. Praktische Fragen. Und, nicht zuletzt, auch medizinische und epidemiologische Fragen. Die wichtigste: Welche Rolle spielen die Kinder bei der Ausbreitung von Covid-19?

Professor Reinhard Berner ist Infektiologe, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Kinder-und Jugendmedizin der Uniklinik Dresden. Zusammen mit seinem Team versucht er diese Fragen gerade zu klären – indem sie durch Anrufe und Befragungen die Infektionswege in Sachsen nachvollziehen. Der Zwischenstand deckt sich mit anderen internationalen Untersuchungen: „Bislang sind wir auf keinen Fall gestoßen, in dem die Kinder in den Familien als Erste betroffen waren.“ Sie waren es also nicht, die das Virus in die Familien getragen haben. Doch dieser vorläufige Befund ist aus Sicht der Mediziner trügerisch, denn: „Man muss davon ausgehen, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene“, sagt Berner.

Dass Kinder bei der Ausbreitung des Virus bislang eine offenbar untergeordnete Rolle spielten, könnte laut Berner damit zusammenhängen, dass die Schulen sehr früh geschlossen wurden. Bei Abstrichen im Rachen infizierter Kinder finden Mediziner aber meist sogar besonders große Mengen des Virus.

Zugleich belegen internationale Studien, dass Kinder meist nur sehr leicht an Covid-19 erkranken. Zwar gibt es auch in Deutschland inzwischen einige schwere Verläufe: So wurden hier laut einer laufenden Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bislang 87 Kinder stationär behandelt, neun davon auf einer Intensivstation. Ein dreijähriges Kind, das zudem an einer Autoimmunerkrankung litt, ist an Covid-19 gestorben. Angesichts von bislang rund 135 000 bestätigten Infektionen in Deutschland sind das aus Sicht der Ärzte bislang jedoch sehr niedrige Zahlen.

So ergibt sich ein einerseits beruhigender, andererseits tückischer Stand: Kinder spüren oft nicht mal, dass sie krank sind – können das Virus aber sehr wohl verbreiten. „Als trojanische Pferde spielen sie für SARS-CoV-2 eine wichtige Rolle“, konstatiert deshalb der Infektiologe Professor Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover. Dennoch plädieren auch die meisten Mediziner für eine schrittweise Öffnung der Schulen – zum Teil auch aus epidemiologischen Gründen: „Wenn wir mit derselben niedrigen Durchseuchung und Immunität in die nächste Infektsaison im Herbst gingen, wäre das ein großes Problem“, sagt der Dresdner Infektiologe Berner. Aus seiner Sicht würde sich die Gefahr einer massiven zweiten Covid-19-Welle nach dem Sommer massiv erhöhen, wenn die Infektionen jetzt komplett zurückgefahren würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion