Eine Bank für sich allein: Schülerinnen und Schüler der Eichendorff-Grundschule im nordrhein-westfälischen Meerbusch halten Abstand im Klassenraum.
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Eine Bank für sich allein: Schülerinnen und Schüler der Eichendorff-Grundschule im nordrhein-westfälischen Meerbusch halten Abstand im Klassenraum.

Corona-Krise

Was Schule jetzt leisten muss

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Mit welchen Szenarien sollte die Politik planen? Worauf hoffen Eltern, was befürchten Lehrkräfte, was empfehlen Experten? Ein Überblick

Nur die Hälfte der Klasse kann Florian Spann sehen. Die andere Hälfte sieht aber immerhin das, was der Mathelehrer an die Tafel schreibt. Der 37-Jährige, der am Robert-Koch-Gymnasium im niederbayerischen Deggendorf unterrichtet, kann auf eine technische Ausstattung zurückgreifen, die für die meisten Lehrer im Land nur Science Fiction ist. Kreide und Schwamm gehören der Vergangenheit an: Spann schreibt seine Formeln und Aufgaben an eine digitale Tafel. Das gibt ihm die Möglichkeit, ein geteiltes Publikum zu unterrichten: die Schüler im Klassenraum und diejenigen, die – damit in der Klasse die Abstandsregeln eingehalten werden können – noch zu Hause sitzen.

Die Gruppen wechseln wochenweise; mal darf die eine Gruppe, mal die andere in die Schule kommen. Über Standmikrofone werden für die Schüler, die zu Hause an ihren Rechnern sitzen, auch die Fragen der Mitschüler eingefangen. Spann sagt, er müsse aufpassen, sprachlich noch präziser zu erklären als sonst, da einem Teil der Klasse ja die Mimik und Gestik des Lehrers fehle. „Mathe und Physik kann man auch für diejenigen, die zu Hause sind, auf diese Weise ziemlich gut rüberbringen“, erzählt er. „Für die Lehrer, die eine Fremdsprache unterrichten, bei der es auch stark auf die Aussprache und die Diskussion im Unterricht ankommt, ist es natürlich schwieriger.“

Wie wird der Unterricht im nächsten Schuljahr aussehen? Bleibt es wegen der Corona-Pandemie bei einer Mischung aus Unterricht in der Klasse und Homeschooling – nur, anders als in Deggendorf, oft unter katastrophalen technischen Bedingungen? Oder können wieder alle Kinder und Jugendlichen normal zur Schule gehen?

Im Homeoffice Kinder betreuen

Im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig die Kinder betreuen: Das hat viele Eltern an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig (SPD), hat gesagt, dass die Schulen nach den Sommerferien zum Regelbetrieb zurückkehren sollten. Darin seien sich die Kultusminister einig. In dieser Woche soll in der KMK beraten werden, wie das nächste Schuljahr aussehen kann.

Doch was bedeutet das praktisch? „Niemand kann sicher vorhersagen, wie sich die Corona-Pandemie weiter entwickelt“, warnt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. „Viele Länder haben einen Wettlauf gestartet, wer die Schulen am schnellsten geöffnet hat“, sagt er. „Sie sollten lieber um die Wette laufen, wer das nächste Schuljahr am besten vorbereitet.“ Genau in dieser Hinsicht passiere aber viel zu wenig. „Es wäre sinnvoller, die Kultusminister würden sich erst einmal hinsetzen und alles durchdenken, statt einfach nur loszulaufen.“

Der Lehrergewerkschafter sieht drei Möglichkeiten, die alle durchgeplant werden müssten. Erstens: „Die Politik braucht ein extrem gut durchdachtes Konzept für den Fall, dass sie die Schulen tatsächlich wieder für einen Betrieb mit vollen Klassen öffnen möchte, in denen die 1,5-Meter-Abstandsregel nicht einzuhalten ist.“

Zweitens: „Falls es weitergeht mit einer Mischung aus Präsenz- und Digitalunterricht, muss die Politik dringend dafür sorgen, dass dafür endlich die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden.“ Die versprochenen Geräte für Schülerinnen und Schüler aus finanziell schwächeren Verhältnissen müssten schnell zur Verfügung gestellt werden, sagt Beckmann. „Es fängt aber auch schon damit an, dass alle Lehrerinnen und Lehrer zumindest mal eine dienstliche E-Mail-Adresse bekommen.“

Die dritte Variante, die Beckmann nennt, dürfte wohl die sein, die Eltern und Politik am wenigsten gern hören. „Die Kultusminister brauchen auch einen Plan für den Fall, dass es im Herbst eine neue Pandemiewelle gibt, die uns dann zwingt, die Schulen wieder komplett zu schließen. Wir dürfen nicht ausblenden, dass es jederzeit notwendig sein kann, diese Notbremse zu ziehen.“

Wie soll ein Hygienekonzept aussehen?

Die Lösung, auf die viele Eltern mit Betreuungsproblemen hoffen, die vollständige Öffnung der Schulen, wirft die Frage auf, wie dann ein Hygienekonzept aussehen soll. Eine Idee ist, die einzelnen Klassen möglichst komplett voneinander zu isolieren, so dass sich – wenn ein Schüler oder eine Schülerin mit Corona infiziert ist – nicht auch noch Schüler anderer Klassen anstecken. Doch ist das hinzubekommen? Und: Welche Rolle spielen die Lehrerinnen und Lehrer dabei, die naturgemäß von Klasse zu Klasse gehen müssen? Werden sie regelmäßig auf Corona getestet – auch wenn sie keine Symptome haben? Gibt es stichenprobenartige Tests für Schüler?

Unter anderem das Lüften von Klassenräumen soll helfen, Corona-Ansteckungen unwahrscheinlicher zu machen – wobei der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, darauf hingewiesen hat, dass sich in einigen Schulgebäuden die Fenster teils gar nicht komplett öffnen ließen.

Meidinger sagt auch, im Fall von voll besetzten Klassenräumen müsse eine Maskenpflicht im Unterricht erwogen werden. Dies lehnen viele Lehrer aber als nicht praktikabel ab. „Es ist nicht vorstellbar, dass Schüler oder Lehrer fünf, sechs Stunden am Tag Masken tragen. Das hält keiner aus. Und es ist auch pädagogisch wichtig, sich gegenseitig ins Gesicht schauen zu können“, sagt auch der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth.

Wer eine Vorstellung haben will, wie die Herausforderungen im nächsten Schuljahr aussehen, kann etwa nach Schleswig-Holstein schauen, wo es in den Grundschulen wieder täglich Unterricht im Klassenverband gibt.

Maren Barck, Lehrerin an einer Grundschule im Hamburger Umland, berichtet: „Es ist für viele Schüler verwirrend, dass im Klassenraum die 1,5-Meter-Abstandsregel nicht mehr gilt. Wenn die Kinder aus der Schule rausgehen, sollen sie sich wieder daran halten. Das zu vermitteln, ist pädagogisch sehr schwierig.“

Barck sagt: „Vieles, was die gemeinsame Freude in der Schule ausmacht, können die Kinder auch jetzt nicht tun. Wir können nicht gemeinsam singen, es gibt keinen Sportunterricht.“ Die Kinder gingen sehr unterschiedlich mit der Situation um. Einige freuten sich, dass wieder alle gemeinsam lernen könnten. Andere Kinder seien vorsichtiger und setzten zum Beispiel ihre Maske auf, wenn sie im Unterricht Hilfe vom Lehrer benötigten.

Unterschiedliche Rückmeldungen von Eltern

Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, sagt, auch die Rückmeldungen aus der Elternschaft seien unterschiedlich. „Bei vielen liegen die Nerven blank, sie wollen einfach nur, dass die Kinder wieder zur Schule können. Es gibt aber auch diejenigen, die Angst vor den gesundheitlichen Folgen für ihre Kinder haben.“ Auch Eltern und Großeltern gehörten ja teils zu Risikogruppen.

Wassmuth selbst sagt, er wünsche sich für die Kinder und Jugendlichen natürlich, dass die Schulen wieder komplett geöffnet werden könnten. „Ich stehe als Vater aber verwirrt davor, wenn es jetzt plötzlich heißt: Die Abstandsregel, die bislang als grundlegend galt, soll jetzt in den Schulen keine Rolle mehr spielen.“ Er betont: „Das bekäme ich dann schon gern mal überzeugend erklärt. Sonst fragt man sich: Hängt die Politik ihr Fähnchen einfach so in den Wind, wie sich die öffentliche Meinung gerade dreht?“.

Der Elternvertreter bringt zudem etwas auf den Punkt, was auch viele Lehrer so sehen: Eines habe sich in der Phase seit der teilweisen Wiederöffnung der Schulen gezeigt: „Die kleineren Gruppen lassen sich besser unterrichten.“ Wer über die Zukunft der Schule spreche, müsse über kleinere Klassen sprechen, sagt er. Und weiß nach vielen Jahren als Elternvertreter selbst nicht, ob er noch an echte Veränderungen glauben soll.

Für den Fall, dass es aus virologischen Gründen im nächsten Schuljahr doch wieder zeitweise Homeschooling geben muss, müssten viele Lehrer für das digitale Unterrichten besser fortgebildet werden. Da sind sich alle einig – wobei Lehrergewerkschaften immer wieder darauf verweisen, es fehle nicht am Willen, sondern am ausreichenden Fortbildungsangebot.

Der Chef der Pisa-Studie, OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, glaubt, es fehlt noch an etwas ganz anderem. „In den deutschen Schulen gibt es keine Kultur, die Lehrer zu Selbstständigkeit ermutigt“, sagt er. „Das rächt sich in der Corona-Krise.“ Jetzt sei es wichtig, dass jeder Lehrer etwa beim Onlineunterricht individuell nach Lösungen suche, die besonders gut zu seinen Schülern passten. „In deutschen Schulen wird zu viel nach oben geschaut: Der Lehrer schaut auf den Schulleiter und der Schulleiter auf das Ministerium.“ Alle müssten aber zuerst auf die Schüler schauen.

Individuelle Förderung des einzelnen Schülers als Ziel

Schleichers Ziel ist eine möglichst gute individuelle Förderung des einzelnen Schülers – ob in- oder außerhalb von Pandemiezeiten. „Unser Bild vom Beruf des Lehrers muss sich grundlegend wandeln.“ Lehrer würden in Deutschland im Wesentlichen fürs Unterrichten bezahlt. „Sie haben eine höhere Zahl von Unterrichtsstunden als in anderen Ländern, aber weniger Zeit und Freiraum, selbst oder gemeinsam mit ihren Kollegen kreative Unterrichtskonzepte zu erarbeiten oder mit Schülern außerhalb des Klassenverbands zu arbeiten.“ In Deutschland dominiere das „Fabrikmodell Schule“, in dem Lehrer „wie am Fließband“ unterrichteten. Das müsse sich ändern.

Der OECD-Bildungsdirektor sagt, es gebe eine verständliche Sehnsucht, dass in den Schulen alles werde wie früher. „Wir dürfen dabei aber nicht vergessen: Das reicht nicht aus“, sagt Schleicher. „Es darf nicht darum gehen, jetzt zurück in die Schulen von gestern zu gehen. Wir müssen in die Schulen von morgen.“ Sonst werde Deutschland im internationalen Vergleich zurückfallen.

In Deggendorf blickt Mathelehrer Florian Spann – wie alle Lehrer und Lehrereinnen im Land – gespannt auf das nächste Schuljahr. „Ich fände es gut, wenn aus virologischer Sicht wieder ganz normaler Unterricht möglich wäre. So komme ich natürlich immer noch am besten an die Schüler ran.“ Von Angesicht zu Angesicht unterrichte es sich leichter, als wenn die Lernenden zu Hause am Rechner säßen. „Im Klassenraum erkennt man oft schon am Gesicht eines Schülers, wenn er etwas nicht verstanden hat.“

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